sunnysanni1980 24.04.2012, 17:48 Uhr 5 4

The first cut is the deepest - erste Liebe , oder was?

"Mama, wer war deine erste Liebe", fragt mich meine Tochter. Mama schließt die Augen und erinnert sich an Greg. Eine Liebe die es nie mehr geben wird

Erinnert ihr euch noch an eure erste Liebe? Man sagt, dass die erste große Liebe einen Menschen fürs Leben prägt. So wie die erste Liebe, werden auch die späteren Partner sein – na ja und angeblich auch immer ein wenig wie der Papa.

Meine erste Liebe hieß Greg. Was heißt „erste Liebe“? Eigentlich war ich ja immer irgendwie verliebt. Mit 16 ist aber auch jeder Junge ein potentieller Heiratskandidat. Bei Greg war das anders. Er war zunächst unscheinbar. Als junger Austauschlehrer war er aus Oxford an meine Schule gekommen und unterrichtete natürlich Englisch. Viele Punkte sprachen für ihn als potentielles Opfer. Er war zum einen unheimlich schlau, Engländer, älter und sah eigentlich auch ganz gut aus. Wahrscheinlich war er auch der einzige in der ganzen Schule, der noch kürzere Haare hatte als ich. Es dauerte ungefähr das ganze erste Halbjahr, bis er mir so richtig auffiel.

Bei einer Gruppenfahrt zum Schüleraustausch nach London, fiel mein Auge erst richtig auf ihn. Greg saß zwei Reihen vor mir und versuchte gerade verschiedenen Leuten Schach beizubringen. Und auch wenn ich das total albern und langweilig fand, war ich auf einmal unglaublich interessiert. Seine Hände hatten es mir angetan. Groß und lange Finger – sehr sexy. Zurück in Berlin nahm ich an einem Englischwettbewerb teil, an dem sich noch einige andere Schüler beteiligten. Wir versuchten die Geschichte von DORNRÖSCHEN umzuschreiben. In unserem Fall war sie allerdings narkoleptisch und wachte immer an verschiedenen Orten in Woltersdorf auf.  Auch wenn man sich jetzt, mit 32, für eine solche Story schämt, so war sie doch damals der absolute Hammer. Während der Vorbereitungen war immer etwas zwischen uns, was ich nicht einordnen konnte. Er grinste mich immer an, wenn wir uns über den Weg liefen, was ungeheuer oft passierte. Manchmal hatte ich sogar Nachrichten in meinem Briefkasten, dass er  bei mir war, um noch einige Details zu klären. Meist war ich da aber nicht zu hause. Zu jener Zeit waren gerade 6 Jahre nach dem Mauerfall vergangen und Telefonanschlüsse waren noch immer Mangelware, bzw noch  nicht verlegt. Man musste sich also an Verabredungen halten, oder sich Briefe schreiben. Weiß heutzutage noch jemand wie das richtig geht??? Greg und ich gingen viel spazieren und redeten über ihn. Es war schön.

Bald wurde es richtig kalt und Weihnachten nahte. Gemeinsam mit meinen Freunden fuhren wir ins Kino oder gingen auf den Weihnachtmarkt. Auf einen wundervollen Nachmittag, folgte dann der noch immer peinlichste Moment meines Lebens. Gemeinsam mit meiner Freundin kaufte ich ein Lebkuchenherz mit „Hab dich lieb“ drauf. Gregs prompte Reaktion darauf war. “Ich hab noch Schokolade aus London“. Tja, was soll man da sagen? Ein einfaches „Danke“, wäre wohl zu einfach gewesen. Natürlich merkte er, dass ich bockig war und lud mich zum Essen ein. Aber da hatte er nicht mit der Reaktion einer 15 jährigen Oberzicke gerechnet, die natürlich auch gleich ihre Freunde mit einlud. Das Wochenende war für mich gelaufen. Mit hängenden Mundwinkeln lief ich durchs Haus und schloss innerlich mit meiner Familienplanung ab. Und es war auch richtig blöd, dass wir am Montag die erste Stunde gleich bei ihm hatten. Ich beschloss ihn zu ignorieren und meine finsterste Mine aufzusetzen. Allerdings lief alles anders als geplant, denn er schenkte mir vor der ganzen Klasse eine CD. „Lightning Seeds – Marvellous“, eine CD bei der ich noch immer grinse wenn ich sie in meinem Regal entdecke. Das war seine letzte Handlung vor Weihnachten, denn dies verbrachte er auf  Barbados.  Wieder zurück, lud ich ihn auf eine Party bei mir ein. Irgendwie fand er heraus, dass es mein Geburtstag war und schenkte mir eine Muschelkette, die er aus Barbados mitgebracht hatte. In meinem Schmuckkästchen hat sie noch heute einen festen Platz. Es folgten Besuche in Ausstellungen, häufige Besuche bei mir und meiner Familie und der erste Kuss.

Dann wurde es Frühling und das Schuljahr näherte sich dem Ende. Es näherte sich der Tag an dem Gregs Abreise nahte. Er versprach sich vorher noch einmal zu melden, aber das tat er nicht.  Ich weiß nicht, was damals in dieser Nacht geschehen ist.

Fast zwei Jahre später traf ich ihn durch Zufall in der S-Bahn. Er war zu Besuch in Berlin. Wie erstarrt blieb ich stehen. Er kam auf mich zu und drückte und küsste mich. Wir trafen uns einige Male, bevor er wieder zurück nach England musste. Diesmal war es allerdings nicht so harmlos wie damals.  Fast ein ganzen Jahr blieben wir in Kontakt, dann brach er wieder ab. Ich dachte mir nichts dabei. Wahrscheinlich hatte er gerade eine Freundin. Aber irgendwie war ich sauer – er hätte sich wenigstens verabschieden können. Nun war er schon das zweite Mal einfach so verschwunden. Einige Monate später klingelte mein Telefon. Greg versuchte verzweifelt mit mir zu reden, aber ich war zu wütend und legte einfach auf. Das war das letzte Mal, dass ich von ihm gehört hatte. Es war kurz vor Heilig Abend und ich arbeitete damals beim Radio, als ich meine Freundin zurück rief. Sie hatte mich darum gebeten, da sie mir was wichtiges erzählen wollte. Es war spät an dem Abend, ich war mit der Arbeit fertig und wollte mir noch schnell ihre neuesten Abenteuer anhören, bevor ich nach Hause fuhr. Leider entwickelte sich dieses Gespräch nicht ganz so wie ich dachte. Sie berichtete mir von Gregs Selbstmord. Es schnürte mir das Herz ab. Er war krank gewesen und hatte sich ein Denkmal herunter gestürzt. Ich konnte es nicht fassen – diesmal war er für immer gegangen und ich war diejenige, die sich nicht verabschiedet hatte.  Später im darauffolgenden Jahr bekam ich ein Paket von seinen Eltern. Es war voll mit Briefen, die er geschrieben aber nie abgeschickt hatte. Noch heute lese ich sie manchmal.

Männer kamen und gingen in den nachfolgenden Jahren, aber noch heute denke ich an Greg. Nicht mehr wütend, aber noch immer etwas traurig. Was hätte er mir wohl damals am Telefon erzählt, wenn ich nicht so unreif gewesen wäre und einfach aufgelegt hätte?

So ist das mit der ersten Liebe – man vergisst sie nie, egal wie sie ausging. Sie ist eben so wunderschön und manchmal eben auch sooo schmerzhaft.


Tags: Selbstmord
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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    wow.. - zur Geschichte.
    und schön geschrieben auch noch. (: <3

    26.04.2012, 18:15 von someoneToGo
    • 0

      Aww - Dankeschön. ;)

      27.04.2012, 17:34 von sunnysanni1980
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  • 0

    wahre geschichte?

    25.04.2012, 10:06 von snaty
    • 1

      Ja, ist es.

      25.04.2012, 23:22 von sunnysanni1980
    • 0

      überaus bewegend. 

      28.04.2012, 09:04 von snaty
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