MiguelStinson 12.08.2014, 18:54 Uhr 0 2

Tellerrandtrauben

Lisa keift. Mike rülpst. Wahrheitsansprüche, die aufeinander prallen.

Und da sitz' ich nun

wieder
am Kopf des Tisches, bestaune die Teller der anderen,
wie sie sich nähren an dem, was ihnen vorgesetzt wurde.
Jedem Gesicht ein anderes Gericht.
Zumeist wird die Runde von jedem einzelnen erst verlassen, nachdem aufgegessen wurde. 
Das macht man so.

"Ich kann immer noch nicht glauben, dass er das gemacht hat?", unterbricht Lisa die gegenwärtige Stille mit einer leicht piepsigen Stimme.
Lisa sitzt schon am längsten am Tisch.
Ihr wurde ein mit Petersilie und Knoblauchzehen verfeinerter Fisch 
serviert.  
Sorgfältig puhlte sie jede einzelne Gräte heraus in der Annahme, dass sie schon keine übersehen würde. Nachdem sie einen gewissen Teil bereits genüsslich verspeist hatte, wie den meisten offenbar nicht aufgefallen war, entdeckte sie eine halbe Zitrone auf ihrem Teller.
Erheitert durfte ich beobachten, wie sie jeden einzelnen Tropfen des Fruchtwassers über ihren Fisch presste.
Mittlerweile sortiert sie weiterhin Gräten sorgfältig heraus, verzieht aber bei jedem Bissen das Gesicht bis ins Unermessliche.

"Was meinst du?", brummt Mike schmatzend vor sich hin, genervt und ohne den Blick von seinem Hotdog zu lösen.
"Na Toni!", quietscht sie unterstreichend zurück.
Mike rollt kurz mit den Augen, während er kaum sichtbar mit dem Kopf schüttelt. Dann schmatzt er weiter: "Lass es gut sein. Er hatte seine Gründe."
Lisas Blick trifft mich unvorbereitet, als sie ein weiteres Mal ihr Gesicht nach einem Happen verzieht.

Ich breche den Blickkontakt zuerst und betrachte den Rest auf meinem Teller. Es gab Braten und Klösse und als Beilage jede Menge Brokkoli.
Versteht mich nicht falsch. Ich bin dankbar für dieses Gericht. Es war ein gutes Gericht. Den Braten vernichtete ich sofort. Er war sorgfältig zubereitet - mit Vorsicht und überaus saftig. Die Klösse waren zwar etwas zu fest aber mit dem schmackhaften Gemisch aus Bratensoße und Brokkolisaft absolut genießbar. 
Nun aber bleibt mir nur ein Berg aus Brokkoli, der ohne Braten und Klösse noch viel größer erscheint.
Ich hasse Brokkoli.
Brokkoli stinkt.
Brokkoli ist langweilig.  
Ballaststoffe und Wasser.
Ich weiß, es soll mich sättigen, den Hunger beseitigen.
Tatsächlich aber füllt es den Raum, der eigentlich mehr Platz für Klösse und Braten aufweisen sollte.
Ich sehe keine Möglichkeit, wie ich den Haufen verspeisen soll.
Dabei erwartet man das von mir. Schließlich macht man das so.
Da erscheint einem der Blick über den eigenen Tellerrand wesentlich interessanter. 
In der Tischmitte stehen Weinflaschen bereit. Auf den Etiketten sind keine Namen von entsprechenden Weingütern ersichtlich.
Beschriftet sind sie allerdings mit den Worten "frei für alle".
- wie gnädig.

Ebenfalls gnädig unterbricht Lisa das Schweigen erneut:
"Nein ich.. ich kann es einfach nicht für gut befinden!"
"Was denn?", fragt Mike stöhnend zurück, während er sich genüsslich die Finger leckt.
"Immer noch Toni. Ich kann nicht fassen, dass er wie aus heiterem Himmel aufgestanden ist und den Tisch verlassen hat. Er hat den halben Gulasch stehen lassen. So etwas macht man einfach nicht."
"Herr Gott Scheiße nochmal Lisa!", keift Mike sie an und fährt fort:
"Offenbar war ihm egal, was man so macht und was nicht. Du kennst Toni. Er hatte sicher seine Gründe."
"Ihm war's egal? Ist das eine Einstellung, die man zu vertreten hat?
Er hätte doch ein Wort sagen können.", bemerkte sie und wandte sich ihrem Fisch zu.

Ich lasse meinen Blick von ihnen ab und gehe die anderen Teller am Tisch durch. Plötzlich vibriert mein Handy in der Hosentasche. Nachricht von Lena. Ich blicke suchend auf und finde sie weiter hinten am Tisch sitzend, vor ihr eine halb gefüllte Suppenschüssel. Sie lächelt mich dezent an.
"Hey, wie schmeckt dir dein Essen?", lese ich auf dem Bildschirm.
"Ganz gut. Und dir?", antworte ich.
"Etwas wässrig :P Isst du deinen Brokkoli noch?"
"Klar, der Teller wird leer gegessen.", schwindel ich, "Aber du kannst gerne etwas abhaben ;) "
"Das wär super lieb, danke. :* 
Ich verhungere!", antwortet sie, woraufhin ich ihr einen gesonderten Teller mit einer großzügigen Menge zurechtmache und ihr möglichst unauffällig bringe. Lisa setzt das Kauen aus, während mich ihre verächtlichen Augen ein Stück verfolgen.
Ich begebe mich auf meinen Platz, nachdem ich den Brokkoli neben Lenas Teller abgesetzt habe.
Voller Begeisterung legt sie ihn in die Suppe, bis sich der Pegel bis zum Schüsselrand hebt.
Nach einem kurzen Zwinkern samt Lächeln beginnt sie zu speisen, als hätte sie noch nie feste Nahrung zu sich genommen.

"Kann ich auch was abhaben?", grunzt mich Mike an.
"Sicher", antworte ich freudig und reiche ihm meinen Teller hin.
Lisa wendet ein: "Nun lass den Jungen doch sein Gemüse essen. Man isst, was einem aufgetischt wird und hat sich nicht zu beklagen."
Mit den Achseln zuckend greift sich Mike dennoch eine gute Menge Brokkoli ab.
Lisa noch bestimmter: "Das kann doch nicht wahr sein. Herrschen denn hier keine Sitten mehr? Ihr solltet euch zufrieden geben mit dem, was ihr habt."
Mit ernster Miene schaut mir Mike ins Gesicht, dann in Lisas Drecksfresse. Dort verharrt er einen Moment mit einer erdrückenden Stille, auf die meist ein lauter Krach folgt. Diesmal aber senkt Mike seinen erschöpft wirkenden Blick und schweigt.

Auch ich senke meinen Kopf wieder Richtung Brokkoli.
Nur noch Brokkoli.
Der Wein für alle erscheint mir nun dermaßen begehrenswert, dass ich mir ein Glas voll einschenke.
Und noch eins.
Ein Biss vom Brokkoli.
Uaagh.
Ein drittes Glas.
So müsste es funktionieren.

Lisa und Mike fahren mit ihrem Endloskonflikt fort.
Ich höre kaum noch zu. Ich schmecke Wein.
Die Traube schenkt mir ein warmes Gefühl unter der Brust.
Lisa keift. Mike rülpst.
Wahrheitsansprüche, die aufeinander prallen.
Es gibt kein Miteinander, denn Wahrheit kennt keinen Kompromiss.
Meine Wahrheit liegt auf meinem Teller, Brokkoli.
Nach einem weiteren großen Schluck vom mittlerweile sehr köstlichen Rebensaft fällt mir ein, dass Lena ebenfalls noch am Tisch sitzt.
Meine Augen versuchen sie erneut zu erspähen. Diesmal versagen sie.
Der Alkohol lässt mich nicht mehr scharf sehen.
Ärmste Lena. Gleich sitzt sie hier allein.
Mir wird übel.
Ich schenke mir den letzten Becher Wein ein.

Austrinken und die letzten Bisse Brokkoli verdrücken.
Aufstehen und den Tisch verlassen. 
Das Klingt immerhin nach einem Plan.

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