elpe 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 1

Tawa

Eine Geschichte




Eines der ersten Dinge, das ich jeden Tag nach dem Mittagessen bei der Arbeit tat, war, zu Herrn M. zu gehen und zu fragen, ob er etwas brauche. Mittwochs war dann meistens Zigaretten holen angesagt, der Vorrat für die nächsten Tage und übers Wochenende, 5 Packungen Tawa, aber es war ja erst Dienstag.Ich wusste, dass er an diesem Tag krank war, er hatte sein Essen ja auch aufs Zimmer bekommen. Ich klopfte an die Tür, ging rein, und er saß wie meist, was mich an diesem Tag aber überraschte, an seinem kleinen Tisch, einem von diesen 50 mal 50 großen Standarttischen, die man in Altenheimen so hat.

Herr M. war seit circa drei Jahren in dem Heim. Er war relativ fit, die erste Zeit fuhr er sogar immer noch nachmittags mit seiner Frau im Auto umher und hatte sich seine Zigaretten selbst geholt. Dann verkaufte er irgendwann das Auto, die Beine wollten sowieso nicht mehr so richtig. Seine Frau wohnte auch dort, sie war aber eine Station tiefer untergebracht, bei den Demenzkranken. Herr M. hätte durchaus in den ersten Jahren noch selbständig wohnen können, aber er war halt mit ihr mitgegangen. Ich konnte prima mit ihm. Seine Frau war auch voll in Ordnung, nur halt sehr vergesslich. Hin und wieder traf ich sie im Raucherzimmer, Herr M. brauchte dort nicht hin, er konnte in seinem Zimmer rauchen, aber auf der Demenzstation war das nicht erlaubt, so war seine Frau, wenigstens an Regentagen und im Winter, ständig in dem Zimmer, er nur hin und wieder.

An diesem Dienstag schaute ich also bei ihm rein und fragte, wie es ihm denn ginge. Er sagte, es wäre nett, wenn ich ihm die Decke geben könne, ihm sei kalt, er hatte ja auch nur eine dünne Schlafanzughose an. Ich legte ihm die Decke über die Beine, kurz darauf hustete er extrem stark. Nun hat Herr M. immer gehustet, jedenfalls solange ich ihn kannte, er war halt Starkraucher. Im Gegensatz zu den übrigen Zimmern, in denen dieser spezielle Geruch aus 70-100 Jahre altern mit ganz persönlicher Note aber gleichem Hauptdunst lag, roch sein Zimmer immer wie eine 60 Jahre alte kubanische Hafenspelunke. Doch das Husten an diesem Tag hatte einen anderen Klang.Ich meinte mit einem das Gesagte als Selbstverständlichkeit unterstreichende Lächeln zu ihm:

"Heute rauchst du aber keine."

Er grinste mich mit seinem freundlichstem Lächeln an, das durchaus immer noch nicht als charmant bezeichnet werden konnte und sagte: 

"Ich rauch' gleich eine."

Sein Grinsen wurde noch größer als er in seine Trainingsjackentasche griff  und seine Zigaretten mit dem Feuerzeug heraus holte, der Aschenbecher stand ja ohnehin wie immer auf dem Tisch.

"Hab schon alles hier," fügte er hinzu, worauf ein nach leichtem Lachen klingender Husten folgte.

Ich konnte fühlen, wie mein Blick ernst wurde und sagte: "Weißt du, was du da tust?", meinte aber, Wenn du rauchst, gehst du drauf.

Er sagte nichts, schaute aber mit plötzlich genauso ernstem Gesicht und nickte. Ich nickte auch. Wir blickten uns noch kurz an, nur 'ne Sekunde. Ich merkte, wie sich ein leichtes Lächeln zeitgleich in mein und sein Gesicht legte. Dann switchte ich um:

"Gucke nachher noch mal rein."

"Brauchst du nicht", antwortete er, "leg mich gleich wieder Schlafen."

Herr M. zündete seine Zigarette an, ich ging aus dem Zimmer und habe den ganzen Tag nicht mehr reingeschaut.

Am nächsten Tag sagte mir Gitte im Schichtübergaberaum:

"Herr M. ist heute Nacht verstorben."

Ich schüttelte leicht den Kopf und antwortete mit einer etwas aufgesetzten Erbostheit:

"Der musste ja gestern unbedingt noch qualmen. Aber verbieten kannst’ es ihm ja nicht. Naja, wenigstens ist der Alte mit Würde abgetreten."

Einige Tage später saß ich mit Tine draußen im Pavillon, Eine rauchen. Da kam Frau M. auch langsam zu uns gekurvelt, lächelte freundlich wie immer, übrigens wie immer auch sehr charmant, setzte sich zu uns und steckte sich 'ne Tawa an.

Ich fragte: "Wie geht es Ihnen?"

Sie lächelte und sagte: "Gut."

Ich sagte: "Ihr Mann ist ja nun tot."

Sie lächelte nicht und sagte: "Ja."

Ich fragte: "An ihren Mann erinnern sie sich doch noch?"

Sie schaute mich erstaunt mit riesigen Augen an und sagte: "Jaaa."

Ich sagte: "War ein guter Kerl."

Sie lächelte und sagte:" Ja."

1

Diesen Text mochten auch

4 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Puh, Bedeutung, weiß nicht. Ne Moral steckt nicht dahinter. Ich glaub die beiden haben sich geliebt.

      06.02.2013, 15:06 von elpe
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare