Tauziehen
Es tut nicht weh, es ist nur so, dass ich Abschiede nicht mag.
Gut, das war gelogen. Es tut doch weh. Es tut weh, wenn ich dich mit deiner neuen Freundin sehe und es tut weh, wenn ich daran denke, wie lange wir nicht mehr richtig miteinander geredet haben. Es tut weh, wenn ich traurige Musik höre und es tut weh, wenn ich deine Hand nicht halten kann. Es tut weh, wenn ich mein Adressbuch durchklicke und deinen Namen sehe, aber nicht anrufe, und es tut weh, wenn du online bist und mich nie anschreibst. Es tut weh, wenn sich im Film ein Paar küsst und es tut weh, wenn ich Pfannkuchen ohne dich esse. Es tut weh, wenn ich Sonntags mit einem Kater im Bett liege und die Sonne scheint und du nicht neben mir liegst, es tut weh, nachts allein heimzufahren, es tut weh, keine Guten Morgen SMS zu bekommen, es tut weh, dass ich nicht mehr absichtlich meine Jacke vergesse, um deine zu bekommen. Es tut weh, dass ich meine Füße nicht unter deine schieben kann, wenn sie kalt sind, und es tut weh, dass ich deine hässliche Bettwäsche nicht mehr sehe. Es tut weh, dass ich nie wieder Angst davor haben muss, betrunken auf dem Weg zum Klo deinem Vater in die Arme zu laufen und es tut weh, dass er mich bestimmt nicht einmal mehr erkennt. Es tut weh, wenn ich meinen hellen Jeansrock anziehen will und dann den Grasfleck sehe, der drauf ist seit dem letzten Mal, dass wir zusammen im Park waren. Es tut weh, jemanden zu küssen und dabei nicht lächeln zu müssen, es tut weh, niemanden so wunderschön zu finden wie dich, es tut weh, wenn niemand mehr mir Herzen auf die Oberschenkel zeichnet mit den Fingern. Es tut weh, dass ich nicht mehr weiß, wie du meinen Namen sagst und es tut weh, dass jemand anders das schöner macht als du. Es tut weh, am Main zu sitzen und Spaß zu haben ohne dich. Es tut weh, barfuss auf der Straße zu laufen ohne dich und es tut weh, morgens um 4 Schokolade essen zu wollen. Es tut weh, in meinem großen schönen Bett zu schlafen und nicht in deinem winzigen, und es tut weh, dieses Loch im Bauch zu haben, sobald ich an dich denke.
Es tut weh, dass ich nicht über dich hinwegkomme, egal wie sehr ich mich ablenke und daran hindere, an dich zu denken und am meisten tut weh, dass du nie an mich denkst.
Und deswegen nehme ich mich nicht ernst und deswegen lüge ich und sage, es tut nicht weh und deswegen rede ich nicht über dich und deswegen spitze ich trotzdem immer die Ohren und rede mit den uninteressantesten Menschen, nur um zu hören, wie jemand deinen Namen sagt.
Weil das ein Abschied ist. Und weil ich es einfach nicht schaffe, loszulassen und zu gehen. Ich stell mir vor, dass mit uns beiden ist ein Seil und du und ich, wir sind beide an einem der Enden und du hast losgelassen und dich umgedreht und weißt du, was? Das ist okay. Es ist doch nur ein Seil. Aber ich traue mich nicht, das Seil aus der Hand zu geben und halte fest und lasse nicht los und drehe mich nicht um und gehe nicht über Los. Weil ich das Seil so geliebt habe und jetzt liegt das Seil aber an einem Ende so hässlich und langweilig auf dem Boden und sieht gar nicht mehr spannend und glitzernd aus. Und ich halte die andere Seite trotzdem hoch, um den Zauber ein bisschen am Leben zu erhalten, aber das nutzt nichts und ich kann nur verlieren, weil der Zauber nicht wiederkommen wird und du weg bist und wenn ich bloß eine Hand frei hätte zum rosarote Herzchenbrille abnehmen, dann würde ich auch sehen, dass das Seil grau und alt ist - aber ich habe keine Hand frei, schließlich halte ich ja das Seil fest.
Es ist okay, dass du losgelassen hast. Es ist okay, dass du gedacht hast, ich lasse im gleichen Moment los, und es ist schade, dass ich das nicht gemacht habe, denn das ist ja immer so eine Sache. Wenn man etwas nur ein bisschen länger festhält als der andere, ist man dafür verantwortlich und dann hat man den Salat.
Dann steht man da mit so einem abgenutzten Seil und die Handflächen bluten schon, weil man dieses Teil ständig anfasst und dann tut es weh. Egal, ob es jetzt schon fast ein Jahr her ist oder nicht. Und alle haben sich so daran gewöhnt, dass niemand nachfragt und man sich nicht traut einmal laut zu schreien: “HEY, bringt mal bitte Pflaster und Eis und Schokolade, hier tut etwas weh!” Stattdessen macht man alles so gut es geht mit den Füßen und ab und zu mal mit einer Hand, wenn man die erübrigen kann, aber nicht mit dem Herz. Und alles fühlt sich unvollständig an und wenn man einmal dieses wundervolle, laute, hibbelige, Grinsekatzen-Glücksgefühl kennt, ist es ganz schön schwer, damit klarzukommen, dass es weg ist und genau so weiterzuleben wie früher, bevor man überhaupt geahnt hat, dass dieses Gefühl existiert und trotzdem fröhlich war.
Es tut weh, weil ich Abschiede nicht mag und weil ich dich so gemocht habe.





Kommentare
oh das ist wirklich sehr rührend.
28.06.2010, 18:00 von A2N2schluck.
passt wie eine faust in das loch im bauch. danke für den text. wirklich schön
06.06.2010, 11:04 von Suselwuseldu findest einfach immer die richtige Worte..
29.05.2010, 17:30 von lockigeHaarprachtsehr schöner Text, in dem man sich wunderbar reinversetzen kann.
11.05.2010, 21:31 von distantdreamerAbsichtlich Jacke vergessen und ihn frieren lassen? Wie gemein.
06.04.2010, 16:55 von coronariaAndere Dinge dagegen sind wirklich schön nachfühlbar.
Allerdings würd ich das verdammte Seil nehmen, ein Lasso knüpfen und ein freilaufendes Herz fangen.
Irgendwie fühlen wir doch immer alle das Gleiche.
06.04.2010, 14:29 von meerischherrje. es ist doch echt ätzend, wenn der andere loslässt und man selbst kann einfach nicht.
05.04.2010, 23:15 von sommersprosse.Scheiße. Du schreibst mir aus der Seele.
05.04.2010, 19:50 von ilikeloudcoloursScheiße. Du schreibst mir aus der Seele.
05.04.2010, 19:50 von ilikeloudcolours