Mann_vom_Meer 06.02.2013, 16:59 Uhr 7 8

Tauwetter

Von einer Reise in die Vergangenheit.

Der Zug nähert sich dem Bahnhof. Die Fahrt verlangsamt sich, und aus vorbeirauschenden Schatten werden langsam Menschen. Mehrsprachige Durchsagen ertönen, die Reisenden stehen nach und nach auf und drängen sich mit Ihrem Gepäck zum Ausgang.

Nur ein Mann am Fenster bleibt lange regungslos sitzen. Erst als fast alle Fahrgäste ausgestiegen sind, erhebt er sich schwerfällig. Er wirft sich seine alte weiße Tasche, die das abblätternde Logo einer Zigarettenmarke ziert und die an den Faltstellen schon ganz vergilbt ist, über die Schulter. Ein Erinnerungsstück an sein erstes Praktikum weit weg von Zuhause. Schön ist sie schon lange nicht mehr, aber er mag sie.


Kalter, nasser Wind erfasst Ihn, als er die Stufen auf den Bahnsteig steigt. Graues Tauwetter. Die Mittagsonne kämpft vergeblich gegen die Wolken. Er sieht sich um. Kein bekanntes Gesicht. Er bleibt kurz stehen, atmet durch und geht langsam zum Ausgang. Natürlich ist sie nicht hier, sie haben sich ja in der Schalterhalle verabredet. Trotzdem mustert er alle Menschen kurz auf der Suche nach ihrem Gesicht, während er sich langsam in der Menschenmasse den Bahnsteig nach vorne schiebt.

„Was mache ich hier eigentlich. Das ist doch völlig bescheuert.“ denkt er sich. Dennoch geht er weiter.

Lange hatte er auf dieses Treffen gewartet, hundertmal bereits ins Gedanken durchlebt und wie ein Film vor sich gesehen: Er bleibt wie angewurzelt stehen und kann sich nicht mehr rühren... er muß heulen und sie fallen sich versöhnlich um den Hals... er dreht um und rennt davon... er zittert und bekommt kein Wort aus dem Mund...


Doch diesmal läuft kein Film. Es ist die Realität. Alles, was er sagen will, verschwindet in einem Brei aus Nervosität und Unsicherheit. Er ermahnt sich, locker zu sein und versucht sich daran zu erinnern, dass er nichts zu verlieren hat. Beides verhallt ungehört, viel zu viele Gedanken in seinem Kopf fangen an, durcheinander zu schreien. Mechanisch schreiten seine Beine nach vorne. Fast automatisch... außer Kontrolle. Treppen hoch. Wieder laufen, wieder Treppen.

Dann taucht das Tor zur Schalterhalle auf. Ein kurzer Gedanke löst sich aus dem Gewirr: „Ob sie sich sehr verändert hat?“ 

Dann sieht er den roten Haarschopf am Ende der Halle. 

Genau wie früher. Sein Herz setzt kurz aus.

„Warum sieht sie mich denn nicht?“ fragt er sich, 

während er auf sie zusteuert.

Dann treffen sich ihre Blicke.

Immer noch so schön.

Ein kurzes Lächeln, seine Schritte werden schneller. 

Zur Begrüßung umarmen sie sich fest. 

Vertraut und fremd zugleich.

Sie schaut ihn an.

„Du hast ja einen Bart“.

„Ja“.

Er grinst nervös. 

Sie auch.

„Laß uns ein paar Schritte gehen“ sagt er.

Sie setzen sich in Bewegung, in Richtung Stadt.


--------


„Melde dich kurz, wenn du gut angekommen bist, bitte“.

„Ja, OK“ sagt er. 

Ganz nah.

Er küsst sie auf die Wange und lächelt zum Abschied. 

Leicht angetrunken steigt er in den Zug.

Es ist schon lange dunkel. Wie immer setzt er sich ans Fenster, wo er manchmal stundenlang wie ein kleiner Junge die vorbeiziehende Landschaft bestaunt.

Ein Pfiff ertönt, und die Menschen werden langsam wieder zu Schatten. Sehnsucht ergreift ihn, und nachdenklich streifen seine Augen die vorbeirauschenden Lichter der Großstadt. Sein Herz will bleiben, es zieht in seiner Brust. Sein Kopf ist erschöpft vom vielen Reden. Regen prasselt leise gegen die Scheibe. Er fühlt sich gut und traurig, gefestigt und unsicher zugleich. Verwirrt. Fragt sich, ob er das Richtige getan hat. Hofft. Will endlich loslassen können.

Dann bemerkt er, dass seine weiße Tasche fehlt. Innerlich flucht er kurz. Er hat sie in der letzten Kneipe liegen lassen. Schwermut ergreift ihn.  Es war nichts Wichtiges darin, aber die Tasche etwas Besonderes. Er tastet nach seinem Handy und überlegt, ob er sie nochmal anrufen soll – sie könnte die Tasche für ihn morgen abholen und ihm hinterherschicken.

Dann ein neuer Gedanke: Vielleicht ist es auch gar nicht so schlimm. Vielleicht wird es Zeit für etwas Neues. Anderes. Er steckt das Handy zurück in seinen Mantel, während der Zug in die Nacht hinaus fährt.

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7 Antworten

Kommentare

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  • 0

    "Vielleicht wird es Zeit für etwas Neues"

    Diese Zeile hat mir womöglich gerade die Augen geöffnet. Vielen Dank dafür.

    07.04.2013, 16:49 von FrauFlauschig
    • 1

      Merci!

      Das freut mich sehr zu hören... dann ist mein Geschreibsel hier also doch für etwas gut :)

      07.04.2013, 19:02 von Mann_vom_Meer
    • 1

      In diesem Fall definitiv!

      07.04.2013, 19:10 von FrauFlauschig
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  • 1

    Dann ein neuer Gedanke: Vielleicht ist es auch gar nicht so schlimm. Vielleicht wird es Zeit für etwas Neues. -> genau das :)

    27.02.2013, 00:41 von KleineFreiheit
    • 1

      ... das Beste ist: Genauso ist es tatsächlich passiert. Das im übertragenen Sinn zu sehen kam mir aber erst ein paar Tage später :) Auch wenn ich sonst überhaupt nicht an solche "Zeichen" glaube...

      27.02.2013, 00:51 von Mann_vom_Meer
    • 1

      Du wirst lachen, aber bei mir waren alle Fotos vom Handy weg (das kurz zuvor plattgemacht wurde), obwohl ich alles feinsäuberlich auf dem Rechner gesichert hatte. Sämtlich Laufwerke durchsucht, ob ich sie vielleicht falsch abgespeichert hatte. Der ITler, der bei allem dabei war, konnte es sich auch nicht erklären. Einfach spurlos verschwunden.


      Das war für mich so der Moment! ;) (Und nein, ich glaube normalerweise auch nicht an sowas!)
      Little Superstitions

      08.04.2013, 17:38 von TheCaptainsFiancee
    • 0

      Danke für den Musiktipp @Fiancee, kenne ich noch nicht.

      09.04.2013, 11:22 von Mann_vom_Meer
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