Tanz der Staubkörner
Ich frage mich Stunden später, ob er in diesem Moment begriffen hat. Mich. Und uns.
Matte Sonnenstrahlen weben sich zwischen meinen Fingern hindurch auf die blanken Tasten des Klaviers. Lassen den Staub durch den Raum tanzen, wirbeln wie Blütenstaub zum Fluss der hellen Töne bunt durcheinander. Ich schlage eine nach der anderen an, glockengleich, glatt wie Eis. Lautlos öffnet R. die Türe und lehnt seinen Kopf an den Rahmen. Ich frage mich Stunden später, ob er in diesem Moment begriffen hat. Mich. Und uns. Mit vorsichtigen Schritten tritt er hinter mich, zaghaft, um nicht das Band der Töne zu durchschneiden. Seine Anwesenheit fließt durch meinen Rücken, über meine Haut. Und obwohl ich nicht denke, dass er es ist, der hinter mir steht und lächelnd meinem Spiel folgt, wage ich keinen Blick über meine Schulter, aus lauter Furcht Ihn nicht zu sehen. Oder Ihn zu sehen. Denn es würde dem Moment jede Leichtigkeit rauben.
„ Wie schön Sie spielen.“ Sagt R. Sagst Du. Ich senke meinen Kopf und verberge mein Gesicht, welches nicht imstande ist, meine Antwort auf Dein Kommen menschlich aussehen zu lassen. Leicht. „Wie schön Sie sind.“ Erwidere ich und ohne Dich anzusehen kann ich spüren, wie Du lächelst.
Du küsst mein Haar, einfach so, als hätten wir schon Stunden gemeinsam verbracht. Als könntest Du meine Gedanken hören, als hätten wir all die geträumten Gespräche längst geführt. Während ich weiterspiele höre ich das Geräusch der Türe, als diese ins Schloss fällt. Ich schließe den Deckel des Klaviers und lege meinen Kopf auf das kühle Holz und schließe die Augen. Ich weiß nicht, ob Du gerade wirklich bei mir warst. Die Staubflocken wirbeln an der Stelle, an der Du noch eben standst, nicht mehr. Sie schweben. Als hättest Du sie verwandelt, als hätten Sie verstanden, dass Du ihren Tanz unterbrochen hast.





Kommentare
Das ''Sie'',die erträumten Gespräche,die dennoch bestehende Distanz - geht es um den Klavierlehrer?
Für mich ein Text zum Reinfallen lassen, gerne.
30.09.2012, 22:52 von wunschpunktSo poetisch fühle ich mich nie, wenn ich spiele.
28.09.2012, 22:05 von topfbluemchenLiegt aber vielleicht daran, dass es nur'n Keyboard, und kein Klavier ist.
hm.
für mich klingt das irgendwie nicht nach einem lebenden Menschen.
26.09.2012, 14:11 von Jingeling89Aber gut isser!
toller text! Perfekt zum drin versinken und den Moment zu spüren!
26.09.2012, 13:56 von JiljinIch mag Deine Texte. Der Erste zeigt, dass Du mich als Leser schon gewonnen hast, die beiden nächsten empfinde ich als schöne Momentaufnahmen einer Liebe. Danke dafür.
26.09.2012, 13:44 von CyroDas freut mich! danke!
26.09.2012, 13:46 von Jaara