JackBlack 24.06.2012, 17:25 Uhr 138 84

Tag ein, Tag aus

Nine inch nail.

Tag ein, Tag aus.
Dazwischen der alltägliche Wahnsinn. Die immer zu lauten Kinder in der Nachbarwohnung.  Der Deckenventilator, der Hitze umwälzt. Die immer gleiche Frisur der Dame am Schalter. Nachts liege ich wach und frage mich, wie viele unechte Lächeln ich noch verteilen muss, bis ich aufwache.
Es hat sich etwas verändert.
Wenn ich abends die Steine aus meinen Taschen leere, bluten sie nicht.
Ich stelle mir in letzter Zeit zu oft vor, wie es wäre, wenn ich nur noch achtundzwanzig gute Worte zu sagen hätte.
Tag ein, Tag aus. Sprechen. Warten. In der Wäscherei um die Ecke wollen sie meine Unterschrift. Ich mache drei Kreuze und schiebe das Papier in fremde Hände. Die Frau mit den Schlitzaugen und der piepsigen Stimme bedient kommentarlos den Zettelspieß.
Robert Lembkes „Was bin ich“ funktioniert heutzutage nicht mehr.
Ich gehe ohne Gruß.
Tag ein, Tag aus.
Der Marktplatz ist klein geworden und niemandem geht es gut. Ich könnte mein Mitgefühl gegen eines der fliegenden Taschentücher tauschen und hätte immer noch ein gutes Geschäft gemacht.
Essen. Nichts ist leicht oder gesund genug und was sättigt, liegt schwer im Magen.
Ich kann nicht mehr länger freundlich sein. Wenn ich freundlich bin, lüge ich. Solange ich lüge, wird alles schlimmer und nichts besser werden.
Noch sechsundzwanzig gute Worte und im Kühlschrank schimmeln die Erdbeeren.
Tag ein, Tag aus.
Ich denke an dich, ob ich dazu Zeit habe oder nicht. Du bist eine fixe Idee und ich weiß das. Wenn ich nachts gegen meine Decke trete, stelle ich mir Dinge vor, die nicht gut sind. Die noch ungesünder sind als das schlechte Essen oder die schlimmen Nachrichten. Dann ist die Nacht zu Ende und ich beruhige mich wieder etwas. Dich hätte ich mir nicht einfangen dürfen. Du erinnerst mich zu sehr an alles, von dem ich zugelassen habe, dass es mir unwichtig wurde.
Tag ein, Tag aus.
Menschen schenken mir Kugelschreiber und versorgen mich mit Videos und Fotos und meiner täglichen Portion Likes. Die Kosmetik der Zukunft wird keinerlei Pigmente mehr besitzen.
Ali reißt Baba den Arsch auf und alles, was ich denken kann, ist: „Nur zu. Ändern wird das alles nichts mehr. Es sollte, es müsste, aber es wird nicht.“
Tag ein, Tag aus.
Du hast mich krank gemacht. Indem du für etwas stehst, für das ich nicht mehr einstehen mag. Ich kann nicht mehr vor die Tür gehen, ohne atmen zu wollen. So tief, dass es wehtut. Ich möchte zu dir fahren, dich herumdrehen und dich fragen: „Zum Teufel, warum hast du das mit mir gemacht? Du hast keine Ahnung, was du angestellt hast, ich habe sie selbst nicht, aber schau: ich stehe vor dir und will nur eines: Fass mich an. Spring in mich. Dreh mein ganzes dummes Leben auf den Kopf!“
Tag ein, Tag aus.
Sehen. Pissen. Waschen. Die Wände mit Staub streichen. Dinge anrichten, abrichten, herrichten.
Ich denke oft an Edvard Munch. An den Schrei und die Madonna. Fragt sich, welches Bild stummer, stiller, eindrucksvoller schreit. Ich kehre mich ganz nach innen. Wenn mich jemand versehentlich oder mit Absicht berührt, sterbe ich ein Stück. Ich wäre gerne traurig darüber, aber ich bin nur verzweifelt. Auf diese ungute Art.
Tag ein, Tag aus.
Vergangene Nacht habe ich von dir geträumt wie auf fünf Trips. In dem Traum warst du jeder und keiner. Du warst wie meine Steine, nur dass du geblutet hast. Ich habe dich von hinten und von vorne besprungen. Du hast mich gefickt wie ein Bass. Ich hab dir messerscharf Wimpern ausgeleckt und Knoten in das gemacht, was unsere Beine waren. Ich hab dich geschüttelt wie acht Apfelbäume. Du hast mich gehalten mit nichts als deiner Haut. Ich hab dir die Nase aus deiner hübschen Visage gebissen und mich an dir gerieben, bis nichts mehr von mir übrig war. Und während wir vögelten, war ich halbseitig wach und habe mich gewälzt unter den Sätzen ohne Punkt und Komma. Ich wäre gestorben und hätte getötet, um auf ewig mit dieser beschissenen guten Nacht schwitzen zu dürfen.
Tag ein, Tag aus.
So geht ein waches Koma.

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138 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Du hast keine Ahnung, was du angestellt hast, ich habe sie selbst nicht, aber schau: ich stehe vor dir und will nur eines: Fass mich an. Spring in mich. Dreh mein ganzes dummes Leben auf den Kopf!

    Das mag ich...

    01.09.2012, 23:56 von anton.ia
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  • 0

    ich muss das jetzt noch mal herzen.
    es sollte, es müsste, aber er wird (viellicht?) nicht.
    ohgottohgottohgottwannnimmtdasallesmaleinende

    01.09.2012, 22:55 von Gluecksaktivistin
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  • 0

    "Es sollte, es müsste, aber es wird nicht."

    Einfach grandios! Es sollte nicht, doch es rettet mir den Tag.

    03.07.2012, 12:10 von Kalinka92
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  • 0

    Wahnsinn.

    30.06.2012, 21:42 von Honigmaedchen.
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  • 0

    grandios!

    29.06.2012, 17:45 von ilofi
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  • 3

    da würde ich gern öfter herzen!

    27.06.2012, 22:26 von emii89
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  • 1

    Also morgens halb 9 in Graz (Österreich) ich bin sowas von geflasht grade!


    Guten Morgen erstmal! Und verdammt geiler Text!!

    27.06.2012, 08:41 von JAK
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  • 0

    ... und Knoten in das gemacht, was unsere Beine waren. Ich hab dich
    geschüttelt wie acht Apfelbäume. Du hast mich gehalten mit nichts als
    deiner Haut.

    DU bist eine Killerin!!! Verbeugung!!

    27.06.2012, 07:24 von Mrs.McH
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  • 0

    Ich finds jut.... erinnert mich an meine Schulzeit - da lief och son Film. Und wegen 9inch nails. War aber meiner Meinung nach nicht absolut überragend.
    Schließ mich Elias an.

    27.06.2012, 01:25 von Dalek
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  • 1

    wachkoma. identification. check.

    27.06.2012, 00:06 von verpixelt
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