Freulein_Taktlos 30.11.-0001, 00:00 Uhr 11 65

Tag 201

Mit baumelnden Füßen beobachten wir, wie es den ersten Sonnenstrahlen gelingt, über den Schornsteinspitzen am Rande der Stadt aufzutauchen.

„Sag bloß, das da ist `ne Träne in deinem Auge? Och, Lotte, so sentimental kennen wir dich ja gar nicht.“

Lachend klopft mir Maru auf den Rücken, so dass mir die Zigarette aus der Hand fällt und zwanzig Meter hinab vom Parkhausdach auf die Hauptstraße segelt. Totes Glühwürmchen, denke ich. „Natürlich is` das keine scheiß Träne, du Arsch.“, raune ich ihn an, grinse, drehe mein Gesicht weg und reibe mir das Nass aus den Augen.

Es ist 6 Uhr in der Früh. Wir waren bis eben unterwegs, haben getrunken und mit Freunden gefeiert. Übrig geblieben sind nur wir zwei. So wie jedes Mal. Auf dem Weg nach Hause zieht es uns in das alte, verlassene Parkhaus. Oben auf dem Dach setzen wir uns an die Kante. Mit frei baumelnden Füßen beobachten wir, wie es den ersten Sonnenstrahlen gelingt, über den Schornsteinspitzen am Rande der Stadt aufzutauchen. Das Licht reckt sich der Dunkelheit entgegen, verschlingt sie voller Gier mit ihrem grellen, unermüdlichen Schein. Klettert an geschlossenen Fensterläden entlang und steigt an Efeuranken hoch. Erklimmt nach Minuten die ersten Zinndächer, um schließlich zu uns aufs Parkhaus zu gelangen. Taucht erst unsere Beine, dann unsere Gesichter in goldenen Glanz und lässt uns vor ungewohnter Helligkeit blinzeln.

Ein neuer Tag.

Als würde uns die Sonne begrüßen und daran erinnern, dass es weitergeht. Generation Party, darf ich vorstellen: Eine weitere Chance. Vergessen Sie, was gestern war und beginnen Sie einfach von ganz vorn. „Ganz von vorn, aber ohne dich.“, murmele ich. Leicht spüre ich, wie Maru seinen Arm um mich legt. Ich habe sein Parfum in der Nase. Vertraut, wie eh und je. Ich schließe die Augen, schlucke den Kloß in meinem Hals runter und versuche an nichts zu denken.

Unmöglich.

Als der Rausch des Alkohols nachlässt, kommen die Bilder unaufhaltsam zurück.

Er, wie er hier oben neben mir sitzt, mit den Füßen gen Abgrund und langsam von zehn rückwärts zählt. „Wir könnten fliegen.“

Er, wie er seine Arme ausbreitet, lächelt und mich mit seinen grünen Augen ansieht. „Wir könnten die Stadt verlassen. Vorbei an den Schornsteinen, hinaus aufs Land. Bis ans Meer.“

Er, wie er mir einen Kuss auf die Wange gibt und voller Überzeugung sagt: „Lotte, wir könnten auf ewig zusammen sein. Wir wären frei.“

Es ist Tag 201. 201 Mal hell, 201 Mal Dunkelheit seit du mich zurückgelassen hast. Jedes Wochenende endet für mich hier oben. Genau so, wie früher, als du noch bei mir warst. Als wir uns den Aufgang der Sonne gemeinsam ansahen, übers Fliegen und Freisein spekulierten und versprachen, wir würden einander niemals verlassen.

Ich merke, dass ich die Tränen nicht mehr zurückhalten kann, stehe auf, lasse die leere Flasche zurück und laufe Richtung Treppe.

„Mach’s gut, Maru.“, rufe ich und während ich einen letzten Blick aufs einsame Parkhausdach werfe, meine ich, dich leise flüstern zu hören „Zehn, neun, acht, sieben, sechs…“.

 

 

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11 Antworten

Kommentare

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  • 0

    oh wie schön...

    14.04.2013, 19:32 von glitzerlimette
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  • 2

    Das zieht an meinem Herzen, sehr schön. :)


    18.03.2013, 17:23 von allyuoneedislove
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  • 1

    Ich weine gerade.

    10.03.2013, 01:56 von Lebenschaot
    • 0

      ich auch und ich kann gar nicht mehr aufhören.

      10.04.2013, 18:31 von blindpilotwishes
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  • 1

    Finde ich richtig gut geschriben!

    06.03.2013, 23:12 von Neologe
    • 0

      Ja... geschrieben :D

      06.03.2013, 23:13 von Neologe
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Würde man diesen Ort tatsächlich jedes Wochenende wieder aufsuchen,  angesichts dessen, was dort geschehen ist? Oder befinde ich mich auf dem Holzweg und es geht gar nicht um Suizid als viel mehr schnödes Verlassenwordensein?

    05.03.2013, 17:00 von Hildegardt
    • 1

      Vielleicht ist es der Ort mit den schlimmsten Erinnerungen, aber auch mit den schönsten...

      05.03.2013, 21:08 von Freulein_Taktlos
    • 0

      Halte ich für nicht sehr authentisch.

      06.04.2013, 11:37 von Hildegardt
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  • 3

    Obwohl die Geschichte so ein trauriges Ende hat, finde ich, dass die Unbeschwertheit, die ich bei den ersten paar Absätzen hauptsächlich empfunden habe, nie ganz verloren geht. Das mag ich.

    04.03.2013, 15:02 von schmetterlingslachen
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