speausa 19.02.2018, 16:25 Uhr 5 1

Suppe in der Perücke

*Triggerwarnung* Bei deinem Charakter ist nicht nur ein Haar in der Suppe. Da ist Suppe in der Perücke.

Ich hätte es wissen müssen. Es hätte nie zu einer zweiten, dritten, vierten Chance kommen dürfen. Unzählige Male hatte ich die Tasche gepackt, die Nummer meines Papas war schon wahlbereit im iPhone. Falls etwas passiert, könnte ich nur auf den grünen Knopf drücken und Rettung wäre auf dem Weg, dachte ich. Im entscheidenden Moment war das iPhone nie in meiner Hand.

Wir kannten uns schon seit klein auf, was mich beim erzählen von unserer Beziehung immer etwas stolz machte. Wir waren so ein Paar, welches sich schon immer kannte und dann zusammenkam. Unsere Eltern waren befreundet, man sah sich ab und zu. Dann kamst du plötzlich nicht mehr mit deinen Eltern mit und ich erfuhr, dass du "weg bist", irgendwas mit Therapie. Was sich zugetragen hat, dass es soweit kam, erfuhr ich erst von dir, später.

Wenn ich es gewusst hätte, wäre ich wohl etwas vorsichtiger gewesen. Damals, als du mich aus dem Nichts angeschrieben hast. Als wir uns dann am nächsten Tag gleich trafen. Und am nächsten Tag auch wieder. Ich hätte ahnen können, was aus dir geworden ist, als ich das erste Mal von dir geküsst wurde - Nicht ganz romantisch, eher erzwungen, gegen eine Wand gedrückt. Das war der Anfang vom Ende. Unser erster Versuch zusammen war ein Buschfeuer, schnell und explosiv, nichts mit Abwarten sondern gleich alles zusammen erleben, machen, einander entdecken. Nach ein paar Wochen wurde es mir zu unangenehm in der Beziehung mit dir. Ich konnte dir nicht die selben Gefühle entgegen bringen wie du mir. Auf zugegeben sehr unschöne Weise habe ich das dann beendet. War es zu früh? Vielleicht.

Wir hatten ein knappes Jahr ohne einander, immer wieder haben wir geschrieben und gemerkt, dass wir ohne den anderen nicht richtig glücklich sind. Lag es wirklich an uns oder haben wir in diesem Jahr einfach nicht die richtigen Menschen getroffen? Unwahrscheinlich.
Dann, wieder aus dem Nichts, eine Nachricht von dir. Obwohl du mich nie mehr sehen wolltest und nichts mehr mit mir zu tun haben wolltest nach der letzten Nachricht. Wieder ein Treffen am nächsten Tag. Wieder Buschfeuer.

Ich gewöhnte mich rasch daran, dass du einmal pro Monat einen Zusammenbruch hattest, nicht mehr leben wolltest und/oder nicht mehr mit mir zusammen sein wolltest. Warum nur habe ich mich so an dich geklammert? Ich blieb am Telefon mit dir, auch wenn es morgens um drei war und ich am nächsten Morgen um 8 Uhr eine Klausur schreiben musste. Es war alles egal, ich wollte nur dich. Ich war so versessen in den Gedanken, dass ich dir helfen kann.

Wann du angefangen hast, mich zu unterdrücken, kann ich nicht genau sagen. Ein "falsches" Wort, vielleicht eine "falsche" Tat, hat den Schlag ausgelöst. Mitten ins Gesicht, so war es immer. Dann hast du mich ins Bett gedrückt und mir mit verbissener Stimme gesagt, dass einer von uns diese Beziehung eh nicht überleben würde. Entweder nimmst du das Messer für dich oder du bringst mich damit um. In diesem Moment war ich dir gefügig, du hast mit mir gemacht was du wolltest. Wieder und wieder die selbe Situation. Dann Taschen packen meinerseits, mit der Nummer meines Papas wahlbereit. Dann deine grosse Entschuldigung und Zusammenbruch, sodass mich das schlechte Gewissen packte und ich dir noch eine Nacht bei dir versprach. Am nächsten Morgen wieder alles wie vorher. Nicht gut, aber so wie vorher.

Warum nur bin ich sogar mit dir zusammengezogen? Es ging weiter wie vorher, nur ohne Schutzhafen für mich, dir komplett ausgeliefert. Mir die Blösse zu geben, zurück zu meiner Mama nach Hause zu gehen, wollte ich auf keinen Fall. Es musste klappen mit uns. Ein ganzes Jahr habe ich überlebt. Gewalt, Übergriffe, notdürftige Ausreden zu den blauen Flecken.

Dann endlich die Einsicht. Ich bin nicht verantwortlich für dein Schicksal. Also weg von dir, so schnell als möglich. Aber ohne Nummer im Telefon. Dass du so ruhig reagiert hast, erstaunt mich immer noch; dass ich da lebendig raus kam grenzt fast an ein Wunder. Die mühsame Arbeit um die Wohnung loszuwerden, hast du grosszügigerweise mir überlassen. Ich habe es noch so gerne gemacht, Hauptsache raus, weg von dir, nicht mehr in Angst und Terror leben.

Erst Wochen später fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Begriffe im Zusammenhang mit #metoo gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Ja das war es, sieh es ein. Du hast mich unterdrückt, vergewaltigt, terrorisiert.

Ich würde dir diesen Text so gerne schicken, dir vor Augen halten, was du mir angetan hast. Doch was bringt es? Ich glaube nicht, dass es bei dir etwas auslösen würde, du kennst nichts anderes. Auch du bist nur Produkt des Terrorismus deines Vaters, der Unterdrückung deiner Mutter.

Ich wünschte, dass du keine Frau mehr findest. Dass keine andere dass erleben muss, was ich durchgemacht habe. Versöhnliche Worte? Keine. Verurteilende Worte? Ich kann nicht anders. Vielleicht sehe ich irgendwann mal das Gute dahinter. Verbittert bin ich deswegen nicht.

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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    'In diesem Moment war ich dir gefügig, du hast mit mir gemacht was du wolltest. Wieder und wieder die selbe Situation.'

    #metoo

    Viel zu einfach. Aber funktioniert halt momentan.

    21.12.2018, 11:01 von quatzat
    • 0

      Was meinst du mit "viel zu einfach"? Ohne die #metoo-Bewegung hätte ich vielleicht nie den Mut gehabt, aus der Situation auszubrechen und die Beziehung zu beenden... Es geht mir nicht darum, was funktioniert und was nicht, sondern dass diese Bewegung viel ausgelöst hat und ich es nicht teile wegen einem momentanen"Hype".

      17.01.2019, 10:39 von speausa
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Danke - Leider ist es wahr und ja, ganz unschuldig ist man nicht, wenn man nicht früher aus so einer Situation ausbricht. Sich selbst zu analysieren und den Anteil zu finden, tut sehr weh und es war ein schwieriger Prozess, aber es lohnt sich.

      17.01.2019, 10:34 von speausa
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    Soziopathen sind Frauenmagneten und das solange, bis es einmal richtig knallt, und dann Stille herrscht. 

    19.12.2018, 18:21 von Kontrakreativ
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