nini-fee 15.11.2010, 21:57 Uhr 49 7

Stück für Stück

Irgendwie hatte ich es immer gewusst. Bei zahlreichen Chat-Foren schreibt er erotische Mails mit „sehr netten Frauen, die ihn derart inspirieren“.

Ich wache auf, die Betthälfte neben mir ist leer. Noch schlimmer, sie ist kalt.

Wir haben gestritten, mal wieder. Schon vier Mal diese Woche, es ist Mittwoch. Es ging um nichts Besonderes, wer hat wann Urlaub, fahren wir zusammen oder lieber getrennt, um eine Auszeit zu haben.

Er will nach Thailand, ich nach Gomera . Im Prinzip will er da aus einem ganz bestimmten Grund nicht hin. Er weiß, ich träume seit langem von Gomera, mittlerweile habe ich das Geld zusammen.

Und diese Reise werde ich auch machen, das weiß er. Für ihn wird das dann eine Zeit sein, in der er eine nach der anderen vögeln kann, sie werden ihm den Schwanz lutschen und alles tun, was er will.


Ich bin nicht prüde oder langweilig, das bekomme ich oft genug von ihm bestätigt. Nein, das was ihn antreibt ist die Jagd. Der Nervenkitzel, das Ausnutzen von Frauen, die Nähe von Verschiedenen, die Bestätigung, dass er bewundernswert ist.

Dazu bekommt er jede. Er weiß genau, was er sagen muss und das macht er gut. Die Weisheiten über das Leben, die intelligente Ausdrucksweise, der Wille, ein Held zu sein.

Ein Held, der verändert, neue Ideen hat, den Mut sie durchzusetzen und schöpferisch zu sein.

Ja, das macht Eindruck. Ganz klar, dass da jede beim „schöpferisch sein“ helfen will.

„Sex ist ein sinnliches Ausleben von Kraft, ein Schritt auf den anderen zu und der Aufbau einer unglaublich bedeutenden Bindung“. Das hat er zu mir gesagt und ich wette, zu noch so vielen anderen.

Erst ist er höflich, dann geistreich und kreativ und schließlich wirbt er mit solchem Nachdruck und einer solchen Raffinesse, dass einem ganz schwindelig wird.

Mit diesem Mann lebe ich jetzt seit dreieinhalb Jahren zusammen, ich bin seine große Liebe. Daran habe ich keinen Zweifel, er ist unglaublich aufrecht und ehrlich.
Vor lauter Ehrlichkeit kam er auch beim ersten Mal zu mir, um mir von Jasmin zu erzählen. Jasmin. „Der Name einer Blume, so zart und wunderschön ist sie wirklich.“

Irgendwie hatte ich es immer gewusst. Angemeldet ist er bei zahlreichen Chat-Foren, schreibt erotische Mails mit „sehr netten Frauen, die ihn derart inspirieren“.
Bald war Jasmin vergessen, es kamen viele andere, von denen ich jetzt Dinge weiß, die sie wahrscheinlich nicht mal ihrer besten Freundin erzählen würden und die ich nicht wissen will.

Gestern nach dem Streit ist er zu Sabine gefahren. Mitten im Streit ist er einfach aufgestanden, hat die dunkelblaue Jacke genommen, die wir letztes Jahr in Hamburg gekauft haben, hat den Schlüssel mit dem Bildanhänger von uns auf Mallorca genommen und ist gegangen.

Ich saß da, wie in Trance. Mit geschlossenen Augen, um die Leere nicht zu sehen. Die Leere, sie sich jedes Mal vor mit auftut, wenn er geht.

Wenn er geht, weil ich mich für mich einsetze und ihm das nicht passt. Er geht, weil er weiß, dass er an diesem Abend noch etwas Besseres haben kann, vielleicht ein schönes Bad mit Sabine, oder hemmungslosen Sex vor dem großen Spiegel, der neben ihrem Bett hängt.

Er geht, weil er mich so genau kennt und weiß, dass ich ihm auch dieses Mal verzeihen werde.

Und das werde ich. Ich werde den Schmerz hinunterschlucken, mir sagen, dass es meine unmoderne Einstellung ist, die mich wütend macht.

Zum Geburtstag schenke ich ihm einen extra großen Spiegel, er passt genau auf die Schranktür neben unserem Bett. Es war schwierig genau diesen mit den richtigen Maßen zu finden.
Vielleicht mach ihn das glücklicher mit mir, vielleicht braucht er das, um bei mir zu bleiben, nur bei mir.

Oder ich brauche es einfach für mich, um sagen zu können, dass ich alles für unsere Beziehung tue.

Ja, ich verzeihe ihm, weil ich ihn liebe. Und weil es zu enttäuschend währe, all die Jahre umsonst mit ihm gelebt zu haben.

Aber ich merke genau, wie jede neue Geschichte von Frauen mich Stück für Stück gehen lässt. Es sind Millimeter, aber ich bewege mich immer weiter auf den Punkt zu, an dem ich mein Leben lebe.
Ihn verlasse, nur an mich denke.
Der Tag wird kommen- wenn ich stark genug dafür bin.

Jetzt jedoch stehe ich auf, wische die Tränen aus meinem Gesicht und gehe duschen.

Später werde ich kochen. Sein Lieblingsgericht.

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49 Antworten

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    und genau das kann ich nich verstehen.

    28.11.2010, 18:00 von nic.is.listen
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    Ich verstehe das Festhalten. Ich glaub auch der Punkt, dass man nach so langer Zeit nicht aufgeben möchte, weil man dann den früheren Zweifeln recht geben würde, nicht zu unterschätzen ist.
    Und Liebe macht einfach abhängig.

    26.11.2010, 14:36 von Leli_toertchen
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    ,,Aber ich merke genau, wie jede neue Geschichte von Frauen mich Stück für Stück gehen lässt. Es sind Millimeter, aber ich bewege mich immer weiter auf den Punkt zu, an dem ich mein Leben lebe.
    Ihn verlasse, nur an mich denke.
    Der Tag wird kommen- wenn ich stark genug dafür bin."

    Finde ich absolut stark.

    23.11.2010, 21:24 von Villja
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    Ich habs drei Mal gelesen, und nicht verstanden, was der Sinn des Textes ist? Ausheulen? Rechtfertigen? Unterhalten?

    Ach, am Ende stehts ja noch, du willst kochen. Dann tu das.

    22.11.2010, 09:49 von HendrikB
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    Es ist doch nur Liebe von deiner Seite aus...

    19.11.2010, 12:59 von Wendeltreppe
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      @[Benutzer gelöscht] Na, wird auch Zeit, daß das mal gesagt wird...

      :D

      21.11.2010, 12:45 von sailor
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    Er macht es sich doch nur einfach! Er geht zu anderen Frauen, weil er sich an dir rächen will, da er nicht mehr im Mittelpunkt deines Lebens steht, weil du deine eigenen Träume verwirklichen willst. Das ist ein reiner Fustakt! Rein nach dem Motto: Sie macht nicht was ich will, jetzt soll sie mal sehen, was sie davon hat! Und du duldest das, suchst die Fehler bei dir... Ich wünsche dir, dass du bald stark genug bist, um zu gehen... Und dann soll ER sehen, was ER davon hat!

    18.11.2010, 23:30 von motte894
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