Stefan
Stefan war da. Das war komisch, denn Stefan kam eigentlich nie.
Das letzte Mal, dass sie ihn gesehen hatten, lag so lange zurück, dass sie sich zuerst nicht sicher waren.
Zwar hatten die meisten geahnt, dass der Mann, der sich gegen den Bus drückte,
Stefan war. Einige hatten ihn jedoch auch für den Busfahrer gehalten oder einen
von den Burschenschaftlern. Dann hatte Stefan „Hallo, Maria. Wie geht es dir?“ gesagt
und es war klar gewesen. Niemand, kein erwachsener Mensch, lief bei einer
harmlosen Begrüßung so peinlich knallrot an. Das tat nur Stefan (bei Maria.
Zumindest war das früher immer so gewesen).
„Stefan! Lange nicht gesehen!“, hatte Maria gerufen. „Hättest du dir für das
mal wieder Sehenlassen nicht einen anderen Zeitpunkt aussuchen können als meine
Hochzeit?“, hatte sie nicht gesagt – aber man konnte hören, dass sie es dachte.
Wer Stefan wohl eingeladen hatte? Maria offensichtlich nicht - und dass Andreas
es getan hatte, war ebenfalls unwahrscheinlich. Sicher, Stefan war sein Cousin,
aber schon als Kind hatte er ihn nicht gemocht und Andreas war mehr als froh
gewesen, als Stefan nach dem Abitur verschwunden war.
Wegen Maria, klar, aber auch, weil Stefan komisch war. Er war rund, irgendwo
weich, schaute einen nicht an, wenn man mit ihm sprach und sein Körper hatte
eine ausgeprägte Birnenform. Seine Haare lagen an, so als hätte eine große
Mutterkatze ihm über den Kopf geschleckt. Auch sagte er wenig, war angespannt
und lächelte dauernd.
Vermutlich hatte niemand Stefan eingeladen. Er war einfach gekommen. Der Bus
fuhr los.
Wie erwartet war das Voralpenland malerisch: die Wiesen grün und saftig, die
Kühe braun, mit gravierten Glocken um den Hals und die Berge erhebend bergig.
Die Sonne schien, alles leuchtete und Stefan saß ganz hinten im Bus, zwei
Reihen hinter allen anderen. Vor ihm saßen die Feuerwehrler, die soffen und
genug Krach machten, bis sie in der Wieskirche angekommen waren. Auch bei der Trauung
störte Stefan nicht weiter. Sein Lächeln passte sogar ganz gut zu Richard
Wagners Hochzeitsmarsch.
Bloß hätte er beim Sektempfang nicht schon wieder so peinlich rot werden
dürfen, als er das Brautpaar beglückwünschte. Und er hätte sich auch nicht so
krampfhaft an dem roten Herzballon festhalten dürfen, den er zusammen mit allen
anderen steigen lassen sollte. So fiel es auf, dass er allein dastand und dass
keiner etwas daran ändern wollte. Als er den Ballon loslassen musste, holte
Stefan sich eine Bierflasche.
Von der Bierflasche wollte Stefan sich nun lange nicht trennen. Nicht, als sie
ihn an den Kindertisch setzten und die tortenessenden Kinder ihn komisch
anglotzten, um bald darauf zum Sandkasten zu flüchten. Und auch nicht, als sie
am Nebentisch tuschelten, was er wohl beruflich machte (sie hielten ihn für
einen Informatiker, Videothekar und Schlimmeres), ob er verheiratet war
(Himmel, nein!), ob er Kinder hatte (hahaha) und was die Braut wohl früher
einmal an ihm gefunden hatte. An dieser Stelle stand Stefan auf und ging auf
die Toilette. Als er zurückkam, hatte er eine neue Bierflasche in der Hand.
Das Abendessen – Wildschweinbraten – bestritt er gezwungenermaßen flaschenlos.
Anschließend ging er spazieren, sah sich ein paar Kühe und die Sonderangebote
von Schlecker an. Er kaufte sich einen Döner, eine kleine Katze folgte ihm.
Stefan hob sie hoch und sah, dass ihr die Zunge ziemlich weit aus dem Mund
hing. Kurz fragte er sich, ob wohl etwas mit ihr nicht stimmte, doch die Katze
lag bedeutend angenehmer in der Hand als eine Bierflasche. Außerdem schnurrte
sie. Er steckte sie in seine Jackentasche und ging zurück.
Drinnen tanzten sie schon. Stefan setzte sich wieder an den Kindertisch, trank
und hielt die eine Hand in die Jackentasche, wo das Kätzchen auf sie einbiss.
Irgendwann wurde es ihm zu blöd. Er ging auf Maria zu und forderte sie auf.
Maria war zwar ob seines hochroten Lächelns unangenehm berührt, drehte aber, um
weitere Peinlichkeiten zu vermeiden, eine Runde mit ihm. Als Stefan zum Tisch zurückwollte,
fing Andreas an, auf ihn einzuschlagen. Stefan wehrte sich nicht. Er setzte
sich nur und langte in seine Jackentasche. Das Kätzchen war fort.
Stefan war kalt, er fühlte sich wie angeschossen. Er fragte sich, ob er viel
Blut verlor. Dann fiel ihm auf, dass er unverletzt war. Er hatte bloß sehr
lange nicht mehr geatmet.
Er stand auf und ging.






Kommentare
Ich würde gerne beruhigend auf Stefan einreden...
Also ich finde es komisch, dass er bei der Hochzeit verhauen wird (und das auch noch vom Bräutigam) und dass niemand der Gäste darauf reagiert - irgendwie merkwürdig - aber gut geschrieben..
16.07.2012, 12:28 von ladyN.dottypisch Kurzgeschichte - gutes Ende - kann man hineininterpretieren, was immer man möchte.. :)
--> Stefan der Freak? Oder der Unverstandene? ...
hä??
11.07.2012, 23:27 von Jensation82Die kühle Schreibweise macht es mir bei deinen Texten zwar erst mal etwas schwer, hineinzufinden, aber dennoch muss ich sagen, finde ich sie gut.
11.07.2012, 20:39 von topfbluemchenhammer...sehr emotional und irgendwie auch schön. ich glaube stefan wird unterschätzt, dabei wollte er nur gesellschaft!!!
11.07.2012, 19:36 von FinchenMagLachenwildschweinbraten ist wohl nicht so toll, deshalb der döner?
11.07.2012, 18:57 von ohnoyokoAndreas reagiert irgendwie über, kann das sein?
11.07.2012, 17:48 von B.tinaWie, da gibts Döner?
11.07.2012, 17:42 von EliasRafaelKriegen die jetzt alle Tollwut?
11.07.2012, 16:28 von Lenulitschka