Statt Zettelpost
diebische Worte...
Oh du,
vielleicht ist es doch keine so gute Idee, dir nun schreiben zu wollen. Ich bin auch unsicher, welche Ziele ich verfolge und ob sie nicht vielleicht alle egoistischer Natur sind oder es wenigstens doch sein wollen. Und trotzdem, umsonst auf Post zu warten ist traurig. Du wartest nicht, nein. Aber Buchstaben in mir, die warten und wollen hinaus, sie klopfen von innen an Türen.
Und während ich so denke, weiß ich, dass ich dir am liebsten alles schreiben würde, was passiert ist in den vergangenen Tagen. Dass ich noch immer bin und nebenbei ganz viel lebe und manchmal ein wenig liebe.
Dass es auf und ab geht und ich durch die Welt laufe und glaube, dass ich fast ein guter Mensch bin.
Ich wollte dir schreiben von der Wut in meinem Bauch und tat es auch als Zettelpost. DIe ich dann wieder verwarf. Was sollen all die bösen Worte? Schade war's nur um die schöne Feder, die ich fand und mitgeschickt hätte.
Ich hätte auch erzählt von Tagen in anderen Ländern, die auf mich warten, von Wochen vielleicht und von Dingen, die sich veränderten. Ich könnte erzählen von Küssen, die ich gab, stahl oder bekam.
Auch von Tagen, die nahtlos ineinander übergingen und am Morgen dann sich nicht entscheiden konnten, ob sie beginnen oder enden sollten. Von Momenten mit Kakao in eiskalten Händen und wertvollen Menschen, die mit mir am Bahnhof den Morgen begrüßten. Von Tränen vor Lachen beim Blick in eisblaue Augen und der Erinnerung an Momente mit dir.
Ich könnte von Geburtstagen, von guten und von schlechten Tagen schreiben, von Hoffnung und Verzweiflung, von Tränen und deren Schwäche und dass Lachen viel wirksamer ist.
Von süßem Wein und Zweifeln, die vielleicht da sein sollten, es aber nicht waren. Denn wo Gefühle sind und Spaß, dort hat die Moral nichts zu suchen. Und von Heimwegen mitten hindurch durch die Nacht und von Gedanken, die immer wieder dir gehörten. Auch dort, wo du bitte nichts verloren haben solltest.
Ich könnte auch schreiben von stillen Abenden, Freundschaften und Verwirrungen, von Langeweile und Ruhe .
Davon auch, dass Vernunft vielleicht kein Gutes Argument ist, wenn man große Entscheidungen treffen mag und dass Denken hoffnungslos überschätzt ist., weil doch der Augenblick zählt und das Kribbeln und das Leuchten in den Augen dessen, den man küsste.
Und wenn ich dir das alles geschrieben haben würde, dachte ich, wäre das Ende klar. Dass es das nicht ist, sehe ich nun, wenn ich den Wust meiner Buchstaben betrachte. Ich widerspreche mir selbst und nehme das Leben zu schwer, scheint es fast. Mir fehlt die Leichtigkeit, die Dinge, die ich genoss dir zugestehen zu können.
Weil es so beißt, wenn du andere küsst, weißt du?
Und ich dachte dann, ich sollte es tun. Es dir einfach gönnen und nicht dir Dinge nachtragen, die du ohnehin nicht ändern kannst oder willst, weil du Stimmen in dir hörig bist und ausgeliefert und vielleicht auch von Moral nicht viel hältst. Wem wärst du sie denn schon auch schuldig?
Und dass alles gut ist und schon so richtig sein wird. Und doch ist nichts gut und der Blick in den Spiegel lässt mich stutzen und zweifeln, ob das da drinnen wohl tatsächlich ich sein soll. "Du bist einfach faszinierend" erzählt mir die Postkarte, die daran klebt.
Und darum, dachte ich dann, sollte ich das alles nicht schreiben. Oder es doch tun und in kleine Quadrate zerpflücken, die ich dem Wind schenken könnte. Der würde sie dann vielleicht in den nächsten Blätterhaufen pusten und du, bei dir käme es an, wenn es das soll. Wenn das so sein soll, würdest du es lesen, bestimmt.
Nun habe ich es vermutlich doch getan, dir geschrieben. Und das Ende ist ... Liebe. Und ich weiß nicht genau, wann ich diesen Satz zum ersten Mal dachte, die drei Worte im Sinn und dass es schön wäre, ihn dir zum Geschenk machen zu dürfen. Aber ich weiß eben, dass es kein gutes Geschenk ist. Es ist ohne Sinn und Verstand. Doch so sind Gefühle, die meinen wenigstens. Die lassen sich auch beißen von Küssen, die nicht für sie bestimmt sind.
Und jetzt weiß ich, dass ich vielleicht langsam lernen sollte zu schweigen über Dinge, von denen du nicht sprechen magst und deren Antworten ich eigentlich ohnehin nicht kennen möchte. Und dass sich eben doch manchmal alles nur um dich dreht.
Ich sollte die Vorwürfe, die sich festfraßen in Ruhe lassen, dich in Ruhe lassen und das begrüßen in mir, das hoffentlich bald einem aufkommenden Schweigen gleicht. Die Ruhe vor dem Sturm, der dann mein Leben sein wird und mit Diebstahl von Küssen und morgendlichem Kakao weiter Hand in Hand geht.
Und du, du würdest dann nicht mehr dazu gehören. Nicht so jedenfalls, dass es weh tut. Das darf es nicht mehr, verstehst du? Ich vertraute dir - für nichts. Und bin auch selbst Schuld daran.
Und wenn du mir antworten magst, und ich würde mich freuen, dann tu es per Zettelpost. Wirf du statt meiner einen Umschlag mit meinem Namen darauf in einen dieser gelben Kästen am Straßenrand. Nimm Stift und Papier und alles, was du an guten Worten für mich gerade eben so aufbringen kannst und sag mir, ob auch du noch manchmal an mich denkst.
Solang falte ich aus kleinen Quadraten OrigamiHerzen, eines nach dem anderen. Vielleicht werden es genug, um damit irgendwann den Briefkasten eines guten Menschen zu füllen, der ihn dann öffnet und sich freuen kann über Liebe aus Papier.
Mit großem Dank (auch für die Nachsicht) ans Klingelein, von dem ich viel an Worten und Ideen heimlich stahl.
Diebische Worte eben.

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Kommentare
wow.. lob!
11.09.2008, 00:21 von aye-aye-captainEs gibt Texte, mit denen ich den Abend beschließe. Weil sie nachwirken sollen in mir.
13.03.2008, 20:08 von SonglineDen heutigen Abend beschließe ich mit Deinen Gedanken.
fein :-)
10.03.2008, 16:56 von ZuendyTraurig-schön... sehr bewegend... und einfach großartig geschrieben ("Weil es so beißt, wenn du andere küsst, weißt du?").
26.02.2008, 09:15 von TschoernEs ist gut, dass du diesen Text geschrieben hast, sehr gut. "I can't be free with words locked inside of me." (Eddie Vedder) Und auf die neue Freiheit bewegst du dich zu - mit nicht immer sicheren Schritten zwar, aber doch dem richtigen Weg folgend. Geh ihn weiter, denn es lohnt sich.
Und irgendwann, in ein paar Monaten vielleicht, wirst du in ein Stück Himbeertorte beißen und dir denken: "Mmmh, jetzt schmeckt sie wieder genau so, wie sie schmecken soll... oder sogar noch ein kleines bisschen besser!" :)
P.S.: Schönen Dienstag wünsch ich dir!
ergreifend...schöner text!
24.02.2008, 21:45 von BehindiKindi