Stammtischtanz (tbc)
Lass uns tanzen und spazieren und reden und schweigen und trinken, das alles können wir in einer Welt machen, die weder die deine noch die meine ist.
Er schläft. Mitten im Reden ist er eingeschlafen. Seine Augenlider wurden immer schwerer und sein Kopf sackte sacht zu Seite. Jetzt höre ich nur noch die Nachwehe der Musik, zu der wir den ganzen Abend getanzt haben, als leichtes Summen in meinen Ohren und seinen Atem, ruhig und tief. Ich bleibe noch ein wenig auf dem anderen Sofa liegen, schließe die Augen und genieße dieses Geräusch. Stelle mir vor, wie ich an seinen Körper geschmiegt diese ganze Ruhe, die dieser Moment für mich ausstrahlt, aufnehme und seinen Herzschlag gegen meine Brust schlagen spüre. Ich muss mich zum Aufstehen zwingen, denn sonst laufe ich Gefahr, ihn die ganze Nacht beim Schlafen zu beobachten.
Vieles war nicht so geplant, wie es letzten Endes dann geschehen ist, in dieser Nacht. Ich hatte mir vorgenommen nicht zu rauchen und nahm trotzdem jede Zigarette, die mir geboten wurde, ohne Zögern an. Ich hielt mich nicht an meine „Nach-Zwölf-Keinen-Alkohol-Regel“ und verkloppte ohne nachzudenken alles Geld, dass mein Konto hergab, obschon ich wusste, dass es noch eine Woche dauern würde, bis es sich wieder füllen würde. Ich ließ ihn gewähren, wenn er beim Tanzen meine Hand nahm und drückte seine umso mehr, in der Hoffnung, er möge sie nie wieder loslassen. Ich strahlte ihn an und gab ihm, in einer ruhigen Minute während des Tanzens, einen Kuss auf die Wange, obschon es besser gewesen wäre das zu lassen, obschon ich viel lieber seinen Mund geküsst hätte. Ich dachte darüber nach, welch gutes Gefühl es ist, meine Hand in seiner zu spüren, als wir Händchen haltend die Location wechselten. Ich dachte im Stillen darüber nach, wann meine Hand je so perfekt in eine andere gepasst hatte. Ich nahm ihn mit zu mir, auf ein Bier und eine Zigarette, dabei wollte ich ihn in dieser Welt gar nicht haben.
Einen Abend zuvor hatte ich noch draußen in der Kälte mit ihm gestanden, um die Übelkeit, die in mir hochgekommen war, mit frischer Luft zu vertreiben. Mir fiel dieser Bier auf Wein Spruch ein und ich musste daran denken, wie oft das Mischen von unterschiedlichen Alkoholika mir schon das Genick gebrochen hatte. Noch nicht oft genug, denn sonst hätte ich es bereits gelernt. Er hatte mir fürsorglich den Mantel gehalten, als ich aus dem Bad kam. Aus einem Bad, das ich nie wieder betreten werde. In einer Wohnung die ich nicht kannte. Wir waren nicht eingeladen und trotzdem auf dieser Feier, zu der uns eine Freundin geschleift hatte. Es hätte ja lustig werden können. Hätte es, doch ich stand mit ihm draußen in der Kälte und musste beim Anblick, des Strahlens in seinen Augen weinen. Anfangs, als er davon redete, was er mir alles zeigen wollte, wenn ich ihn dann bald mal besuche, waren es nur winzige Glitzerpünktchen in meinen Augen. Er sah sie nicht, denn er redete mit einer solchen Begeisterung und Freude, dass er abgelenkt war. „Wir müssen uns schon ganz früh treffen an diesem Tag. Am Besten schon vor dem Aufstehen und wir brauchen unbedingt den ganzen Tag.“ Er plante schon, wann wir was machen, ich sagte, ich würde Brötchen und Cappuccino mitbringen, den leckeren, den ich immer habe, den er so mag. Und dann sagte er diesen einen Satz, von dem ich nicht weiß, wie er ihn meinte: „Ich glaube, meine Mutter wird dich mögen!“
Ich möchte nicht von ihr gemocht werden. Ich möchte deine Welt nicht kennen lernen. Lass uns tanzen und spazieren und reden und schweigen und trinken, das alles können wir in einer Welt machen, die weder die deine noch die meine ist.
„Ich möchte dich gar nicht besuchen!“
„Warum nicht?“ und als er mir, beim Stellen dieser Frage, verwundert ins Gesicht schaute, fielen ihm die Tränen auf, die sich nun schon über meine Wangen ergossen hatten.
„Ich werde dich dann nur noch mehr mögen, als ich es ohnehin schon tue, und das möchte ich nicht!“
Dann sagte ich nichts mehr, weinte nur. Auch er schwieg und zog an seiner Zigarette und trank von seinem Bier. Und als er beides leer hatte schaute er mich an und fragte mit leiser, tonloser Stimme: „Darf ich dich wenigstens in den Arm nehmen?“
„Wenn’s denn unbedingt sein muss!“ antwortete ich patzig um nicht zeigen zu müssen, wie viel es mir bedeuten würde, jetzt in seinen Armen zu liegen.
Ich drückte meine Stirn an seinen Hals und hoffte, dass sich meine Tränen nicht auf seiner Jacke verteilen würden. Dann hörte ich auf zu denken und genoss dieses Gefühl, seiner Hand in meinen Haaren, in meinem Nacken, auf meinem Rücken. Als ich mich ausgeschluchzt hatte und mein Atem wieder ruhig und gleichmäßig ging erwähnte er beiläufig, dass er den Geruch meiner Haare möge und wir fingen an uns mit einem Gespräch über den Überfluss und die Notwendigkeit von verschiedensten Haarpflegeprodukten auf andere Gedanken zu bringen.
Ich konnte nicht schlafen in dieser Nacht. Immer wenn ich die Augen schloss sah ich ihn und wünschte nicht aufzuwachen und erkennen zu müssen, dass er bereits gegangen war. Ich kann nicht sagen ob ich mich über die Anwesenheit seiner Schuhe und seiner Jacke im Flur am nächsten Morgen freute. Ich war froh und erleichtert einerseits, ich würde ihn noch einmal sehen können bevor er ging. Und ich würde Zeit genug haben, den Schlaf und die Feier von letzter Nacht hinfort zu duschen, bevor ich auf ihn treffen würde. Andererseits war ich angespannt, warum auch immer…
Ich hatte ein wenig aufgeräumt, meinen Mantel, der von Bier übergossen wurde in der letzten Nacht, schon in der Waschmaschine gehabt und zum Trocknen aufgehängt, Brötchen gekauft, meine letzten Eier und Kaffee gekocht, zweimal vor dem Spiegel gestanden und überlegt was ich anziehe und dann doch zu meiner Sofahose und Strickjacke gegriffen, als endlich eine SMS von ihm kam.
„Hast du auch noch was anderes zum Trinken?“
Ich schnappte mir ein Glas und eine Flasche Mineralwasser auf dem Weg ins Wohnzimmer. Auf dem Weg zu ihm! Er machte keinen sehr verknautschten Eindruck, ich sprach trotzdem leise und ruhig, schließlich kenne ich ihn morgens nicht. Nicht direkt nach dem Wachwerden jedenfalls.
Wir verbrachten den Tag auf dem Sofa, zappten uns durch das TV-Programm, schauten uns querbeet durch meine DVD-Sammlung, aßen Brötchen mit Käse und Eier mit Salz und tranken Mineralwasser und Kaffee. Wir redeten ab und an, machten dumme Witze, lachten, meist schwiegen wir aber.
Wenn ich es genau betrachte, dann war an diesem Sonntag nichts anderes als an allen anderen Sonntagen, die ich auf meinem Sofa verbringe, außer, dass er auf dem Sofa neben mir saß.
Die Decke, in die er den ganzen Sonntag gekuschelt lag, habe ich gleich nach seinem Abschied in die Waschmaschine geworfen und sogar wohlriechenden Weichspüler dazu getan. Es hat nichts genützt, noch immer habe ich das Gefühl, sein Geruch klebt daran. Ich sehe ihn immer noch manchmal auf diesem Sofa, auf dem ich nun sitze, liegen. Ich sehe ihn immer noch im Bad stehen und sich die Zähne putzen, mit einer Zahnbürste, die ich grad neu gekauft hatte, nicht für ihn. Sie steht in einem Glas in meinem Spiegelschrank im Bad und ich bringe es, noch Wochen nach diesem Sonntag, nicht fertig sie in den Müll zu werfen.
Eine Weile hab ich ihn schon nicht mehr gesehen und doch vergeht kein Tag, an dem ich nicht wenigstens einmal kurz an ihn denke. Gestern habe ich sein grünes Werder Bremen Feuerzeug zwischen meinen Sofapolstern gefunden. Rein zufällig und trotzdem machte es den Anschein als hätte es nur darauf gewartet gefunden zu werden und ich war überrascht, dass es so lange gedauert hat, es zu entdecken, denn es lag, dann, in dem Moment in dem ich es erblickte, nicht mal versteckt.
Ich werde es ihm nicht wieder geben. Ich könnte es, natürlich, es ist seins, ich weiß es, es gehört mir nicht, aber es ist der einzige Beweis dafür, dass er diesen Schritt in mein Leben getan hat. Das einzige Souvenir, abgesehen von der Zahnbürste und all diesen durcheinander bringenden Erinnerungen, das mir von diesem Tag geblieben ist.

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Kommentare
tbc = to be continued
19.01.2009, 23:15 von blueschen;-)
ich mag den text
18.01.2009, 23:55 von IamTheMovie