Sebush 30.11.-0001, 00:00 Uhr 82 5

Spiegelbildliebe

Jede neue Liebe trägt bereits den Kern des Scheiterns in sich.

Das große Heilsversprechen unserer Zeit ist nicht mehr Gott – die meisten glauben nicht an ihn und diejenigen, die es tun, tun es nur auf halber Backe. Das Selbe gilt für den Sozialismus und andere politische Glücksversprechen. Klar gibt es noch ein paar versprengte Sozialisten, Anarchisten, Kommunisten, aber auch von denen würde kaum einer mehr sein Leben oder wenigstens seine soziale Stellung für eine Idee riskieren. Man mag an was auch immer glauben, Erlösung verspricht sich davon kaum einer mehr.

Das Heilsversprechen in unserer individualisierten Gesellschaft ist die Liebe. Wir ficken gerne, auch ohne Liebe. Das allerdings ist nur ein billiger Abklatsch gegenüber dem Glück, das man empfindet, mit einer geliebten Person zusammen zu sein. Fast jeder sehnt sich nach dem idealen Partner. Wer das Gefühl hat, ihn zu haben, hofft, dass es für immer so bleibt. Wer ihn nicht hat, sucht ihn. Denjenigen, der die eigenen Defizite kompensiert, seine Ängste vergessen macht. Der dafür sorgt, dass man nicht mehr alleine ist. Oder im positiven: Denjenigen, der einen ergänzt, einen Komplementär.

Der Kern des Scheiterns liegt darin, dass wir verliebt sind, bevor wir verliebt sind. Anders gesagt: Wir sind bereits Liebende und vor allem Liebesdurstige, die nur auf der Suche nach einem Objekt für diese Liebe sind. Der Wunsch zu Lieben ist vor der Liebe da. Wir projizieren unsere Sehnsüchte auf die andere Person. Wir meinen im Zustand der Verliebtheit, keinen Fehler am Anderen zu erkennen. Wir halten ihn für die exakt richtige Person für uns. Bis wir ihn oder sie richtig kennen lernen. Denn auch wenn es im Einzelfall möglich sein mag, seine „verlorene Hälfte“ zu finden, ist es tatsächlich kaum möglich, dass unser Partner genau unserem Idealbild entspricht.

Ich mache das an einem kurzen persönlichen Beispiel fest. Ich war mit meiner Exfreundin drei Jahre zusammen. Das erste Jahr über war ich geradezu vernarrt in sie. Ich habe sie für eine Art Göttin gehalten. Der erste Riss in unserer Beziehung kam, als ich an ihr bemerkte, dass sie sehr impulsiv ist und wegen Nichtigkeiten schnell aus der Haut fahren konnte – ein Zug, mit dem ich leider nur schlecht umgehen kann. Vorher hatte der Schleier der Verliebtheit mich vor dieser Entdeckung bewahrt. Ich sagte ihr, dass ich bemerkt hatte, dass sie doch nicht perfekt sei. Das ist eigentlich ein Allgemeinplatz, aber obwohl wir damals gar nicht weiter darüber gesprochen haben, war das für uns beide eine Art Einschnitt oder ein kleiner Wendepunkt, wenn man so will.

Kommen wir wieder zum Allgemeinen. So wunderbar die Verliebtheit ist, sie ist überwiegend selbstbezogen. Wir sind nur zum Teil in die real existierende Person verliebt, im weitaus höheren Maße lieben wir das Bild, das wir uns vom Anderen machen. Das allerdings führt automatisch zu Enttäuschungen. Für diese Enttäuschungen sind wir natürlich selbst verantwortlich, denn an sich ist es ja der eigene Fehler, im Irrtum über das Wesen des Gegenübers zu sein. Wer liebt und wer geliebt werden möchte, ist verletzlich. Und fast zwangsläufig werden wir von unserem Partner verletzt. Weil er nicht unseren Erwartungen entspricht und auch gar nicht entsprechen kann. Weil er vielleicht doch nicht ganz hundertprozentig unser Seelenverwandter ist. Diese Entdeckung tut weh. Und es liegt nahe, den Fehler beim Anderen zu suchen.

Ein großer Teil des Frustes in Beziehungen kommt daher, dass der eine Partner nicht mit den Schwächen des anderen umgehen kann. Potenziert wird dies durch den vergeblichen Versuch, sein Gegenüber zu ändern. Die Hölle sind immer die Anderen.

Die meisten Beziehungen scheitern daran, dass es beiden Partnern unmöglich ist, den Anderen so zu lieben, wie er ist und seine Schwächen nicht nur zu tolerieren, sondern zu akzeptieren. Daher lässt sich auch sagen, dass die Abneigung und manchmal sogar Hass, der viele Pärchen nach einer Beziehung verbindet, eigentlich mehr mit einem selbst zu tun hat, als mit dem Hassobjekt.

Die Phase des wirklichen Kennenlernens überleben die meisten Beziehungen nicht. Meine im Grunde auch nicht. Der Übergang von der Verliebtheit zur wirklichen Liebe ist selbstverständlich möglich, aber er erfordert viel. Weil die Liebe als das letzte Heilsversprechen einen solchen Stellenwert erhalten hat, ist sie umso verletzlicher geworden.

Verliebtsein ist in einem hohen Maße Selbstverliebtheit. Ob man tatsächlich fühlt, was man zu fühlen meint, nämlich Liebe, stellt sich erst später heraus.

Praktisch bringt diese Erkenntnis allerdings kaum etwas. Aber Erkenntnisgewinn ist ja auch etwas. Irgendwie. Und hält mich trotzdem nicht davon ab, in meiner Suche nach der Richtigen in jede Frau, die ein hübsches Lächeln hat und auch ansonsten in etwa meinen optischen Vorstellungen entspricht, gleich alle meine Wünsche hineinzuinterpretieren. Insofern bin ich bereits verliebt, nur das Objekt fehlt noch.

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    seh ich ganz genauso

    02.03.2007, 22:44 von Lu.An
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    naja gut,dass du das für dich herausgefunden hast,aber schließlich muss das nicht bei jedem zutreffen.
    ich für meinen teil habe gar kein idealbild und kann demnach auch niemanden diesem angleichen.ich empfinde generell niemanden als perfekt und weiß,dass es keinen abklatsch von mir geben wird.
    das will ich auch gar nicht.
    es gibt schon genug dinge,die man an sich nicht ausstehen kann,dann brauch man nicht noch einen seelenverwandten,der genauso seltsam und kompliziert tickt,wie man selbst.
    ich schätze auch,dass es langweilig und zu einfach wäre mit seinem zwilling durchs leben zu schreiten.
    es geht nicht um akzeptieren von fehlern,es geht darum sie zu mögen und sie müssen nicht mals fehler sein,da die person einfach mal so ist.
    was wir als fehler empfinden,ich z.b. an mir "sturrheit",kann auch einfach ein teil von mir sein,kein fehler.vllt. ist fehler=eigenschaft.jedenfalls,muss man doch nicht alles toll finden,wieso denn auch?
    ist es nicht feige wegzurennen,aufzugeben,sobald man an jmd. etwas entdeckt,was anders ist (also diese eigenschaft) als man selbst und sie gleich als fehler abstempelt.
    wenn man liebt,nimmt man diese herausforderung an und sie wird vom kampf zum schönen erlebnis.so in der art jedenfalls.
    ich bin pessimist und glaube,dass es niemanden gibt,der 100% so sein kann,wie ich es gerne hätte,nur frag ich mich oft,ob es mir dann noch immer gefallen würde,wenn ich hätte was ich haben will.vor allem,was will ich denn haben?ein riesen wirrwarr.
    drum versuche ich mich des anderen wegen in die dinge besser reinzufühlen bzw. es zu verstehen.
    ja,doch vllt. auch akzeptieren und es irgendwann wert schätzen jmd. zu haben,der aufregend ist,der mir nicht immer die antwort gibt,die ich mir vorstelle,oder mir nicht immer das sagt,was ich hören will.
    jemanden mit eigenem charakter und eigenem willen,kein klon!

    08.10.2006, 21:33 von pOwpOw
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    endlich mal jemand, der es auf den punkt bringt. ich glaube auch, man liebt der liebe wegen. nicht den menschen, den man grade schatz nennt. ist es nicht das gefühl, in das man verliebt ist... wenn man erkannt hat, was einem dieser mensch wirklich bedeutet, dann kann man sich sehr sehr glücklich nennen. und nicht viele menschen finden den weg in unser herz

    24.09.2006, 21:48 von chupps
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    guter Text. Trifft es irgendwie...
    ...ich bin auch schon wieder (immer noch?) verliebt...

    21.07.2006, 23:38 von kakaristo
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