PONY. 29.09.2011, 09:56 Uhr 44 121

Sowas wie Freundschaft

"Ich warte auf die letzte große Liebe", sagst du.

Wir sitzen nebeneinander auf dem Gras im Westpark, und ich friere fürchterlich. Du sitzt auf deiner Daunenjacke, die dich immer wie ein kleines dickes Michelin Männchen aussehen lässt. Immer wenn du sie trägst, frage ich mich, was ich einmal an dir gefunden habe. Aber wahrscheinlich sehen die dünnsten Menschen in Daunenjacken dick aus, außer vielleicht Sarah Jessica Parker, aber die Dame ist auch ein Streichholz. Ein sehr ungesundes Streichholz. "Ich scheiß auf die erste große Liebe", sagst du leise, legst deinen Kopf in den Nacken und starrst mit deinen braunen Augen Löcher in den schwarzen Himmel. "Schon lange" flüsterst du fast unverständlich und ich frage mich kurz, ob du überhaupt mit mir redest, aber es ist ja sonst niemand hier. Wer treibt sich schon Nachts in Parks herum, außer vielleicht der Landstreicher, der einige Meter von uns im Gebüsch schnarcht, oder verliebte Pärchen, die gedankenschwer in die Sterne blicken, romantische Floskeln faseln und dann auf dem Gras wie Tiere übereinander herfallen, dabei von einem Spanner gefilmt werden, der den Clip später ins Internet stellt.

Mein Unterkiefer zittert vor lauter Kälte und ich habe Angst, dass mein Gebiss jeden Moment aus meinem Kiefer springt, über das Gras hüpft und unsinnige Sachen plappert. Von meiner großen Liebe erzählt, von meinem Reizdarm, oder der Tatsache, dass mein übermäßger Verzehr von Roter Beete meinen Stuhl rot gefärbt hat und ich heute morgen im Bad eine schlimme Panikattacke hatte, weil ich dachte, ich hätte ein Geschwür in meinem Magen. "Das finde ich ziemlich traurig." stelle ich fest und bin froh und stolz, dass aus meinem Mund so vernünftige Worte kommen. Gleichzeitig ärgere mich, dass meine Hose vom feuchten Gras völlig durchnässt ist und ich morgen höchstwahrscheinlich ein Blasenentzündung haben werde.

Ich habe an diesem Abend natürlich keine Jacke dabei, weil ich die Kälte wie so oft unterschätzt habe, was das Resultat meiner generellen Kopflosigkeit ist, mit der ich durch das Leben wandere. Du machst keine Anstalten mir einen Platz auf deiner Jacke anzubieten und mir kommt kurz der Gedanke, dass ich auch deine Kälte unterschätzt habe. Und in diesem Moment ist mir bewusst, warum wir keinen Sex auf dem Gras haben und ich dich auch nicht liebe, sondern uns nur freundschaftliche Gefühle miteinander verbinden. "Ich warte auf die letzte große Liebe", sagst du und deine Worte steigen als kleine Wolke in die Luft und lösen sich auf. Wäre mir nicht so fürchterlich kalt und hätte der Landstreicher nicht genau in diesem Moment laut gerülpst, wäre ich von deinen tiefsinnigen Gedanken sicherlich beeindruckt gewesen.

"Wer war eigentlich deine erste Liebe?", frage ich, um es im nächsten Moment schon wieder zu bereuen. Ich blicke zu Boden und hoffe inständig, dass du nicht meinen Namen nennst und fühle mich gleichzeitig vollkommen eingebildet, weil ich tatsächlich glaube, du könntest meinen Namen nennen. Das würde sicherlich zu einer fürchterlich unbequemen Situation führen, der ich wie immer nicht gewachsen bin und dann unzusammenhängendes Zeug stammle, wie bei meinem ersten Bewerbungsgespräch, bei dem ich kein Blut mehr im Gehirn hatte und mir deshalb die ganze Zeit unglaublich schwindlig war. Der Typ vom Mobilfunkunternehmen hielt mich für einen unterbelichteten Volldeppen und sagte mir das auch fast genauso.

"Ist eine ziemliche Idiotin und ein bisschen zu sehr in ihrer eigenen Welt", sagst du grinsend und schaust mich dabei an. Mir läuft ein kleiner Schauer den Rücken herunter und nach dieser "detailgenauen" Beschreibung bin ich sicher, dass du mich gemeint hast. Ich überspiele meine Unsicherheit indem ich mir lässig eine Zigarette in den Mund stecke. "Kommt vor. Was ist dann aus deiner großen Liebe geworden?", nuschle ich und fummle nervös am Feuerzeug herum, dessen Flamme sofort wieder erlischt.

"Sowas wie Freundschaft, glaub ich", sagst du mit fester Stimme, starrst wieder in den Himmel und kannst deshalb nicht sehen, wie ich zustimmend nicke. "Können wir jetzt nach Hause. Mir ist kalt.", frage ich leise."Ja, können wir.", sagst du, stehst auf und legst deine dicke Daunenjacke um meine zitternden Schultern.

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44 Antworten

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    ich will diesen text um mich legen wie eine dicke daunenjacke, die sich dann bitte passgenau an meine zitternden schultern schmiegt.

    29.12.2013, 01:27 von tiefversteckt
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    Ich könnte wirklich jedem deiner Texte ein Herz geben, und das tue ich gleich auch. Du schreibst unheimlich gut und realistisch. Und vor allem kannst du mit deinen Worten Atmosphäre erzeugen, man spürt die Sätze förmlich. Vielen Dank dafür und ich hoffe in Zukunft noch viel mehr von dir lesen zu dürfen!

    11.06.2012, 22:29 von JackieOh
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    Wundervoll. Ich mag Dich bitte in Marmeladengläser packen und immer dann rausholen wenn ich nicht mehr weiß wie ich das, was ich fühle, ausdrücken soll oder wenn mir der Stoff für Träume fehlt.

    12.02.2012, 23:53 von bunteschaos
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    ganz ganz toll :)

    12.11.2011, 14:46 von Milow_fan.
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    I miss you, drum lass ich mal einen lieben Gruß hier.

    08.11.2011, 10:17 von Jackie_Grey
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    super! viele assoziationen drin die genau aus meinem hirn/meiner eigenen kleinen welt die scheinbar doch nicht SO klein ist stammen könnten

    16.10.2011, 22:23 von JuliaMaja
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    Riesig!!!

    15.10.2011, 00:46 von schattenbiestchen
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