Sonntagabend
Nervös zieht Judith an Ihrer Zigarette. Immer wieder fällt Ihr Blick auf die Uhr.
Sie steht wie so oft Sonntagabend am Bahnhof und wartet. An Ihr vorbei ziehen Sie wie Ameisen, bepackt mit Sporttaschen, Handtaschen, Tüten und Treckingrucksäcken. Im Gepäck saubere Wäsche, Vorräte für die Woche, gepackt von der besorgten Mutter die auch im 5. Semester Ihren Liebling noch nicht losgelassen hat. Dazu die Bücher, der Laptop und der Ausdruck der Vorlesung vom Freitag die man mal wieder verschlafen hatte.
All diese akademischen Ameisen suchen sich zielsicher ihren Weg zurück aus der Heimat rein in den 12m² Studentenalltag. 5 Tage Vorlesung, Hausarbeit, WG Putz und Kneipentour.
Die nächste Kippe brennt. Ein Blick auf die Infotafel. Ca. 30 Minuten Verspätung. Schonfrist! Wiese hatten Sie sich auch streiten müssen?! Das Mädel neben ihr mit den pinken Chucks, dem gepunkteten Top und dem Eight-Ball auf dem schwarezn Rock strahlt, als eine bärtige Ameise in BW-Parka aus der Masse auf sie zusteuert. Die Tasche fällt, schon liegen sie sich in den Armen.
Verstohlen blickt Judith herüber und wird neidisch als Sie sieht, dass das unbekannte Paar sich küsst als wäre ein Jahr und nicht ein Wochenende vergangen.
Wie oft hatte Sie genau so Max geküsst. Die 3-Tage Wochenendtrennung, jedesmal eine Ewigkeit. Trotz Telefon, SMS und E-Mail. Immer hatte Er Ihr gefehlt. Das Sonntagabend-Wiedersehen ein Gefühl wie beim Ersten Kuss damals auf dem Geburtstag von seinem besten Freund. Doch dieses Gefühl fehlt heute. Anstelle der Schmetterlinge ein Stein im Bauch.
Hätten Sie nur nicht gestritten! Kein Streit, kein Vodka. Kein Vodka, kein Club Royal. Kein Club Royal, kein One-Night-Stand! Sie wäre Alex wohl nie begegnet. Aber Max musste ja unbedingt nach Hause. Die Fete von Jan könne er auf keinen Fall verpassen, hatte er gesagt. Dann fahr doch hatte sie geschrieen, die Tür geknallt und mal wieder das Kissen gewässert. Das hatte er dann auch getan. Max fuhr und was blieb war das Gefühl das sich seit Wochen langsam eingeschlichen hatte. Leere!
Und das Bedürfnis zu trinken. Ab zu Susi! Bei Susi gibt's immer was zu saufen. Und danach in den Club. Tanzen! Zu R'n'B den Alltag vergessen. Und da tanzte Er. Dunkle Haare, gut gebaut, 3-Tage Bart.
Ein flüchtiger Blick. Ein lächeln. Ein Tequila. Und dann zu Ihm. Prinzipien im Alkohol ertränkt. Spaß mit dem Fremden gegen die Leere der bekannten Welt.
Jetzt steht Sie hier am Bahnhof. In 5 Minuten ist der Zug da. Eine Zigarette noch. Dann dröhnt es aus den Lautsprechern. Auf Gleis 2 erhält Einfahrt die Regionalbahn von Düsseldorf zur Weiterfahrt nach Minden. Erneut strömen Treckingrucksackameisen auf den Bahnsteig.
Eine von Ihnen ist Max. Es ist das letzte Mal das Judith Sonntagabend am Bahnhof auf Ihn wartet.
-Ende-




Kommentare
Immer der böse Alkohol.
24.09.2006, 15:36 von adressat_unbekanntSchön geschrieben ..
Grüße, Adressat