Bambi_Eyes 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 6

Sonnenbrand

Aber warum soll ich die Wahrheit maskieren, sie herausputzen wenn sie sich dadurch nicht verändert?

Lass uns doch einfach mal irgendwohin fahren. Ganz egal wo, sagt er und guckt mich von der Seite an. Zumindest glaube ich das. 

Wie, irgendwo? Ich bekomme Angst. 

Naja, irgendwo ins Nirgendwo. 

Aber Nirgendwo, das gibt es doch nicht. Man kommt immer irgendwo an, gebe ich zu bedenken. Man weiß zwar nicht wo, aber man fährt nie los und steht plötzlich in einem Nebel und sieht nichts mehr. Irgendwas ist da. Immer. 

Er seufzt. Ich kann merken, wie er sich neben mir bewegt und genervt aufstehen will, alle Muskeln angespannt, Panther bereit zum Sprung. 

Von was genau möchtest du eigentlich weg?, möchte ich wissen 

Wie meinst du das?

Wenn man weg will dann doch nur, weil es einem dort, wo man ist, nicht gefällt. 

Jetzt schiele ich zur Seite. Er fängt an, seine Hosentaschen abzuklopfen, immer auf der Suche nach einer neuen Packung Kippen. Ein Relikt aus alten Rauchertagen. Ich kenne das, diese Zwangshandlungen, habe selber welche. In Stresssituationen fange ich an, mit meinem Schmuck zu spielen, ihn zwischen den Fingern zu drehen und zu zwirbeln. Das wollte ich mir eigentlich abgewöhnen. 

Irgendwann verlierst du den noch, hat er damals gesagt und auf den schmalen Goldring an meiner linken Hand gezeigt. Nicht irgendein Ring, sondern ein besonderer. Zur Verlobung. Manchmal fühlt er sich an wie festgewachsen, schneidet mir ins Fleisch und ich möchte ihn mit Seife abwaschen, bis ich merke, wie einfach ich ihn abziehen kann. Ziehen und weg. Geht mit manchen Dingen so einfach, mit anderen nicht.  

Mittlerweile glaube ich zeitweise, es ist ihm egal, ob ich den Ring überhaupt noch trage. Vielleicht hat er sogar vergessen, dass er ihn mir überhaupt angesteckt hat, damals. Damals, vor einem Monat.

Ich will doch nicht weg. Nur woanders hin. Mal was anderes sehen. 

Er macht eine Kreisbewegung mit den Armen. Der Radius umfasst unseren Balkon mit den umgedrehten Bierkisten, auf denen wir gerade sitzen. Möbel wollten wir eigentlich mal kaufen. Und Pflanzen. Das Schlafzimmer streichen. Wir kommen bloß zu nichts. Es fühlt sich an, als steckten wir in einem Zeit-Raum-Kontinuum. 

Du weißt aber schon, dass das gleiche ist? 

Du weißt aber schon, dass du grad ziemlich nervst?, fragt er zurück. Ich meinte doch einfach nur einen kleinen Urlaub. Bahnbingo spielen und gucken, wo wir ankommen. Und dann abends wieder zurück, grillen oder so. Das Wetter ist so gut heute. 

Die Sonne blendet mich. Ich halte mir eine Hand vors Gesicht, Finger gespreizt.  Plötzlich merke ich, wie sich seine Hand über meine legt und sie langsam wegzieht. Sie riecht nach Kaffeepulver, das sich in den feinen Rillen abgesetzt hat. Nach Rasierwasser und Orangen, warm und rau. Ich kann die kleinen Blasen spüren, die sich gebildet haben.

Guck mich mal an, sagt er. 

Ich kann es nicht. Das ist wie in die Sonne zu gucken. Ich würde es gerne, aber ich muss immer wieder blinzeln und irgendwann schmerzt mein Kopf von den vielen Versuchen. 

Ich will doch nicht weg von dir, falls du das denkst. Ich nehme dich doch mit, keine Sorge, sagt er und will mich an sich ziehen. Aber ich gebe nicht nach. Ich bleibe, wo ich bin, die kühle Hauswand im Rücken. 

Das ist es nicht, entgegne ich halblaut. Ich nehme einen Schluck Bier und beobachte das Stück Himmel über mir, durchzogen von schlierigen Wolken, halbdurchsichtige Schleier, die der Wind träge vor sich hertreibt. 

Und ich merke, das ist es wirklich nicht. Ich habe keine Angst davor, dass er weggehen könnte. Im Gegenteil. Dann würde er mir den nächsten Satz ersparen. 

Ich möchte nur nicht mit dir kommen. 

Seine Hand, die bis eben noch meine umfasst hat, wird schlaff. 

Was soll das heißen? 

Du kannst ruhig weg, das ist es nicht. Du brauchst nur nicht wiederkommen. 

Ich komme mir grausam vor, hart. Aber warum soll ich die Wahrheit maskieren, sie herausputzen wenn sie sich dadurch nicht verändert? Wenn ich sie genauso aussprechen will und in meinem Kopf keine andere Formulierung finde? Ich befürchte, anders versteht er es nicht. 

Er ist es nicht, der weg will. Ich bin es. Langsam nehme ich meinen Ring ab und lege ihn zwischen uns. Er hat eine dünne, helle Linie auf meinem Finger hinterlassen, wie eingebrannt. Dann trinke ich meine Flasche aus und platziere sie daneben. 

Wir sitzen da und schweigen, bis ich gehe. 

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4 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Das zu lesen hat seltsam traurigen Spaß gemacht 

    31.05.2014, 22:41 von madame_c_b
    • 0

      Trauriger Spaß, das ist eine schöne Formulierung. Danke!

      01.06.2014, 00:27 von Bambi_Eyes
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