ladolente 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 3

Sonnenallee 13

Geflüsterte Worte und nie gemachte Versprechen wohnen hier. Du hast es dir gemütlich gemacht, bist anwesend, ohne tatsächlich hier zu sein.

Das spätmorgendliche Sonnenlicht fällt durch die Jalousien in das kleine Zimmer. Eng ist es darin, gerade eng genug für Nähe. Geflüsterte Worte und nie gemachte Versprechen wohnen hier. Du hast es dir gemütlich gemacht, bist anwesend, ohne tatsächlich hier zu sein.

Ich wickle deine Bettdecke noch ein bisschen fester um meine Knie. Versuche, das alles hier einzusaugen, so wie dich letzte Nacht, als du neben mir lagst und ich wusste, dass es vorbei ist. Du sahst aus wie immer, und doch entdeckte ich wie jedes Mal zuvor etwas Neues an dir. Den Leberfleck in deinem Nacken. Und dass man eigentlich nur sanft deine Schulter anfassen muss, wenn du mal wieder im Schlaf erschrickst. Es macht mir Angst, denn ab jetzt werde ich nichts Neues mehr entdecken können. Das dachte ich jedes Mal, wenn ich befürchtete, dass du mir entgleiten würdest. Ich kenne dieses Gefühl, das Ziehen im Hals. Es ist erdrückend und beängstigend. So wie immer, nur schlimmer, weil es dieses Mal gewiss ist. Es drückt mir die Kehle zu.

Was soll ich mitnehmen von alldem hier? Die Erfahrung und die Erinnerung? Die tausend kleinen Momente, die ich festhalte wie einen Schatz auf dem weißen Papier. Die Erkenntnis, dass nichts so einfach ist, wie man es sich zunächst einredet. Wie soll ich mich wappnen für das was jetzt kommt? Den Schmerz, den ich mir vorstelle wie eine Faust um meinen Hals. Ich kenne mich damit nicht aus, ich wollte immer verlassen. Ich musste es nie. Es heißt, man fängt nichts an, das aussichtslos ist, weil es mit jeder Berührung erneut im Chaos endet. Doch vielleicht ist es das, was das Knistern ausmacht. Die kleinen Blitze, die jeder deiner Finger auf meiner Haut auslöst. Ich bereue nichts, nicht den finalen Kuss, der unspektakulär war;  vielleicht nicht einmal dieses finale Chaos.

Im Zimmer liegen deine Klamotten verstreut. Ich spiele mit dem Gedanken, wenigstens ein einzelnes Stück davon mitzunehmen. Um irgendetwas von dir zu haben, das in meinen Händen eine Chance auf Ewigkeit hat. Das nicht vor mir wegläuft. Vielleicht hätte ich angestrengter versuchen sollen, dir zu zeigen, was für eine Person wirklich in mir steckt. Vielleicht hätte ich es dir sagen sollen. Einfach alles, um reinen Tisch zu machen. Doch du hieltst mich ohnehin schon immer für verrückt und vielleicht hattest du damit von Anfang an recht. Ich handle  selbstzerstörerisch, obwohl es mich all die Zeit so aufgebaut hat.

Als ich den Geruch des T-Shirts einatme, das wir letzte Nacht anhatten, erinnere ich mich an das stille reißende Geräusch, das uns entzweite. Und an dein Seufzen, genau in dem Moment als ich dachte: Das ist das Lebewohl. Es kam zu plötzlich, auch wenn ich es immer wusste. Du hast keine Ahnung. Ich stecke dich in meine Tasche, neben die Pumps die du so magst, und verlasse in anderen Schuhen das Haus. Wie gut, dass ich die Pumps letzte Nacht getragen habe, als das Ende kam. Du weißt nicht, dass du sie nie wieder sehen wirst.

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Kommentare

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    Wunderbar geschrieben und irgendwie geheimnisvoll. Richtig super!

    20.03.2016, 18:52 von fakein
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