JackBlack 05.12.2016, 20:31 Uhr 7 14

Sommer der Fliegen

Als sie starb, viele Sommer später, dachte ich an die Wespe, die ihre Chance verpasst hatte. Weil ich es so wollte.

Der Sommer war endlich gekommen.
Ab Mittag schlich er durch die Räume des Hauses und legte dort überall eine eigentümliche, nelkenartige Würze aus. Wenn ich mit angehaltenem Atem lauschte, glaubte ich zu hören, wie auf der Terrasse der Satz frischer Singdrosseln schrie, kehlig und abartig, mit der ganzen Inbrunst des Hungers. In der Nacht schrien die Katzen, liebten die Hitze des Tages aus ihren Leibern, dickblütig und rastlos. Es klang gequält, passte ganz und gar nicht zur Eleganz dieser Tiere. Ich hielt mir die Ohren zu, vom Animalischen angeekelt, mit zugekniffenen Augen wankte ich aus dem Bett, an den verschlossenen Türen vorbei, nur raus an die frische Luft.
Ich kühlte meine Fußsohlen am Balkongeländer und sah in die Dunkelheit der Gärten und Höfe, in deren Schutz die Katzen übereinander herfielen. Es hatte etwas Pornöses, dieses Schlachtkonzert, und ich musste unwillkürlich an Janosch denken, einen Kater, den ich als Mädchen so genannt hatte. Ich sah ihn unter seinem schwarzen Fell durch die Sonne schreiten, er bewegte sich trotz seiner relativen Körperfülle mit einer majestätischen Contenance, die ich beobachtungswürdig fand. Sie wirkte so gesetzt und unbezwingbar, dass es mich faszinierte. Janosch war nicht wie die anderen Katzen. Er hatte etwas an sich, das meine Großmutter linkisch und verschlagen nannte. Wenn sie den Kater am Zaun entlangstreifen sah, sprang sie aus ihrem Stuhl und warf mit der Zeitung, einem Schuh oder der Fliegenklatsche nach ihm. Sie saß oft auf der Terrasse, döste in den Nachmittag hinein und hielt die Klatsche dabei locker zwischen zwei Fingern. Manchmal fand ich es spannend, ihrer Hand dabei zuzusehen, wie sie im Takt der nassen Schnarchgeräusche schaukelte und die Finger das Träumen begannen. Sie fielen dann in kaum wahrnehmbarer Langsamkeit Millimeter für Millimeter zu Boden, vergaßen aber niemals, was Oma ihnen aufgetragen hatte. Sobald eine Fliege zum Landeanflug auf ein Stück nackte Haut ansetzte, begann die Hand zu stolpern und zu zucken. Ganz leicht nur, lediglich demjenigen offenbar, der genau hinsah.
Ich sah genau hin. Omas Fingern beim Spiel mit dem Schlaf zuzusehen, bestätigte mich in meiner Vermutung, dass meine Großmutter selbst verschlagen war. Sie tat gern so, als wäre sie einer der blinden Karpfen im Gartenteich, in Wahrheit aber hatte sie mehr Augen als jede Suppe, die sie kochte. Weil das so war und ich es wusste, weil ich nicht daran zweifelte, dass sie zumindest ahnte, wie sehr ich ihr misstraute, hielt ich sie für den grausamsten und boshaftesten Menschen, den ich mit meinen zwölf Jahren kannte. Ich hasste sie und sie nahm diese Form der Zuneigung dankbar an.

Der Sommer der Fliegen begann an einem Vormittag im Juni. Die Himbeersträucher, die entlang des schmalen Weges standen, der den vorderen und hinteren Teil des Gartens verband, blühten besonders üppig und das Gras zwischen den Laufsteinen wuchs so schnell, wie ich es gern getan hätte. Die Sommerferien hatten noch nicht begonnen, ich aber durfte dem Unterricht nach einer der zahlreichen fiebrigen Verkühlungen, die ich mir damals zuzog, fernbleiben. Es war eines von Omas ehernen Gesetzen, dass sich jeder auch nur leidlich kranke Mensch in aller Ausschließlichkeit seiner Genesung zu widmen habe. Kraft kommt nur aus dem Kräftigen, sagte sie, wenn man sich schwächelnd einer aufschiebbaren Pflicht widmen wollte. Ihrem Gesetz durfte man sich nicht widersetzen und so kurierte ich meine erkälteten Organe bei Schwitzbädern im Sonnenschein des heimischen Gartens aus. Wenn mir davon fast übel geworden war und ich Großmutter außer Reichweite wusste, suchte ich die angenehm temperierte Abgeschiedenheit des Souterrains auf.
Oma sagte so dazu. Opa und ich nannten es Keller.
Der Großvater hatte am Vortag ein Kaninchen geschlachtet.
Im Keller hing es an der Leine und blutete aus, die toten Augen eingelegt im eigenen Saft. Unter der Treppe stank es nach beiläufigem Tod.
Ich versteckte mich oft unter der Holzstiege oder lehnte an einer der grauen schweren Türen, die Großmutter im Winter verschloss.
Im Sommer hingegen hatten nicht nur die Spinnen und grünen Fliegen freien Eintritt in die wohltuende Kühle. Oma nähte aus Großvaters aufgetragenen Mänteln Röcke für mich.
Ihr Stoff war derb und kratzte bei jeder Bewegung fürchterlich. Wenn es draußen sehr heiß war, rieb ich mir unter seiner Wärme die Schenkel auf.
Einen Wolf habe ich mir gelaufen, sagte Großmutter eines Morgens beim Frühstück, nachdem sie die wunden Stellen zuerst mit kaltem Auge und dann mit noch kälterer Hand untersucht hatte.
Großvater seufzte hinter seiner Zeitung. Seine Frau erzählte ihm nichts Neues. Ich sah zu beiden auf und fragte sie nach Wölfen, doch sie antworteten nicht. Mit Raubtieren kannten sie sich nicht aus, mit wunden und nässenden Stellen dafür umso besser.

Im Keller saß ich im Schneidersitz und verkühlte mir die Nieren.
Das Kaninchen machte Tropfgeräusche. Unter ihm stand eine alte Wäschewanne, die Großvater später im Hof ausspritzen würde. Das machte er immer so. Das Wasser schlängelte sich in dünnen Rinnsalen über und durch die Steine, bis es in Höhe der Apfelbäume im lockeren Boden verrann.
An dieser Stelle wuchs das Gras immer besonders hoch.
Großvater liebte es, sich bei seinen Tötungsvorbereitungen zur Hand gehen zu lassen. Stolz weihte er mich in das „einzige Geheimnis der Natur“ein.
Das sei, sagte er, dafür zu sorgen, dass sich Leben und Tod in harmonischem Einklang um ihresgleichen kümmerten. So sorgten „die sich bedingenden Gegensätze“ auch füreinander, wie gute Freunde, die einander die Hand reichen und nichts schuldig bleiben. Ich verstand seine Worte nicht, wohl aber seine Gesten.
Er lächelte zufrieden, als er die Falle im hochgewachsenen Gras platzierte.
„Du bist“, sagte er, während er mir die bloße Schulter tätschelte, „Zeuge der Effizienz mathematischer Allianzen. Die Natur bezieht ihre Stärke aus ihrer Unbestechlichkeit. Sie hat kein Gewissen."
Ich schaute ihn ratlos an und brachte ihn damit zum Lächeln. Er ging gern mit Menschen um, die sich von seinem Geschwafel beeindrucken ließen. Ich gehörte nicht dazu, aber es wäre dumm von mir gewesen, ihn nicht in dem Glauben zu lassen. Ich wusste genau, was er sagte, auch wenn ich nicht jedes seiner Machtworte erfasste. Das Aberwitzige an der Sache war, dass ich seine Torheit mit genau dem Sinn begriff, den er der Dummheit zuerkannte. Ich lächelte zurück und er brummte zufrieden.

Großvater hatte sehr geschickte Hände und baute die Fallen selber. Sie waren im Grunde nichts anderes als längliche Holzkisten mit eingebauten Fallbrettern an beiden Enden, die herunterfielen, wenn ein Tier im Inneren den Klappmechanismus auslöste.
In der Garage und im Keller stapelten sich die Lebendsärge haufenweise. Es gab kleine und große, welche mit Sichtgittereinlass und welche ohne. Einige wurden oft benutzt, andere lagerten seit Jahren nichts als seltsamen Geruch ein. Einen Geruch, der schwer fassbar, der eingezogen war wie Staub und der Duft von Haut in ein altes Kleidungsstück.
Man nahm ihn lediglich im Abgleich mit anderen Gerüchen wahr. Im Keller sammelten sich davon eine Menge. Aus der Vorratskammer drang der Duft von Dörrobst und reifendem Schinken, aus dem Wäschekeller strömte die moderige Süße klammen Leinens und der kalten Feuchte toter Leiber. Aus dem Abluftschacht, der aus der Küche führte, roch es meist nach gedünsteten Zwiebeln, gehackten Kräutern und frischer ausgelassener Butter, mit der Oma ihre vielgepriesenen Bratensaucen zubereitete.
Ich liebte es, wenn sich das Schöne mit dem Schrecklichen vermengte.

Für das Ausbluten, das Ausweiden und Häuten der Tiere, die Großvater fing, gab es keinen besonderen Raum. Die Waschküche war groß und in fast jeder Ecke befand sich ein Waschbecken, zumindest aber ein Wasserhahn, an den Großvater einen der kurzen Schläuche anschließen konnte, um das Blut und die wenigen ungenießbaren Überreste der Kadaver vom Zerlegetisch und den Instrumenten zu spritzen. Großvater schlachtete beinahe jedes Tier, das ihm in die Falle geriet. Nicht jede seiner Schlachtungen wurde auch gegessen.
Manchmal war die Tür zum Wäschekeller zugesperrt und Opa im und ums Haus nirgends zu finden.
Wenn ich dann später, als die Tür wieder unverschlossen war, meinen Lieblingsplatz aufsuchte, war die Luft dort angefüllt mit der beißenden Schärfe seines Schweißes. Er hatte sich verausgabt. Der Geruch war unnatürlich dicht und tragend. Im Zwielicht des Kellers war der Gestank so durchdringend und einnehmend, dass er mir wie Hitze durch den Körper ging.
Er verschlug mir die Sinne mit kruder Gewalt. Einmal schlug ich mir im Taumel die Stirn an der Wand an, so schlimm riss mich die Welle an Unverstand hin.
Mir kam ein wilder Geschmack auf die Zunge und das kalte Glas von Großvaters Armbanduhr rieb wieder am Flaum meiner Innenschenkel hinab. Liebe. Größer als alles andere. Heimliches, gegen allen Anstand und jede Sitte. Was konnte bezwingender sein? Ich war schön und er wollte mich, so wie er die Tiere wollte, mehr noch. Viel mehr noch als alles andere.
Ich hasste ihn inbrünstig und mit so großer Lust, dass ich weinte, während ich mich seiner Abwesenheit hingab. Es war ein Liebesspiel mit den Mauern, die alt und kalt waren, ich rieb meine Stirn an dem Stein, bis ich nur noch Farben sah und der Schmerz so stark wurde, dass er alles andere vergessen machte.

Großmutter wusch meine Wunde aus und gab Jod darein. Es brannte so sehr, dass ich schrie. Eine Woche lang wickelte sie mir jeden Tag einen frischen Verband. Sie rührte Quark mit Kräutern an und tauchte Leinenkompressen darin. Ich sah ihren dicken Fingern dabei zu, wie sie alles in unglaublicher Flinkheit anrührten und aufpasteten. Bald roch es im ganzen Haus sauer.
Das Kaninchen, das wie ein Muff auf die Leine gespannt war, stank dagegen an. Es roch nach Blut und beginnender Verwesung, würzig und streng, aber nicht unangenehm. Großvater sagte dazu: Das Fleisch reift.

Ich fächerte alle Gerüche des Kellers mit geschlossenen Augen in Nase und Mund, versuchte, den Tod aus dem Gemenge herauszuschmecken. Ich streckte die Zunge so weit hervor wie ich konnte und machte Schleck- und Schlürfgeräusche damit, die klangen wie ein halbes Dutzend durstiger Katzenmäuler in einem Schälchen Milch. Ich war wohl verrückt geworden.
Bei alledem musste ich an Janosch denken, wie ich ihm Tage zuvor Wasser aus dem von der Sonne ganz spröde gewordenen Gartenschlauch hatte geben wollen. Das Wasser hatte über viele Stunden Hitze aufgenommen und war darüber heiß geworden und verdorben. Es roch seltsam. Nach sich zersetzenden Metallen, nach etwas, das rostig werden wollte. Nach dem Blut, das ich gespuckt hatte, nachdem mir ein fauliger Zahn ausgefallen war.
Janosch sah mich durch die grünen Maschendrahtlöcher an.
„Warum tust du Unsinn?“, fragte er mich.
„Weil ich es kann“, antwortete ich, unerschrocken und stimmlos wie der Großvater. Ich dachte an das warme Blut der Tiere, das blutige Unkraut zwischen den Steinen der Einfahrt. Ich dachte an Großvaters kräftige Hände, die die Ohren der Kaninchens umschlungen hatten wie einen alten Aufnehmer. Ich dachte an ihn, immer nur an ihn, wie eine Besessene, daran, wie ich seine Liebe wohl für immer zu meiner würde machen können.
Janosch schlich von dannen, ohne mich noch eines einzigen Blickes zu würdigen.

Als es Abend wurde, saß ich bei Großmutter auf der Terrasse und putzte Schuhe. Ich bespuckte die Schuhe des Großvaters und rieb den Speichel mit einem dreckigen Lappen ab. Omas Blicke saßen mir im Nacken und machten ihn ganz steif. Sie redete nur selten, wenn wir alleine waren. Besagter Abend war eine Ausnahme. Die Sonne ging so langsam unter, dass man es spüren konnte. Sie stellte die Kontur des Kirchturms so scharf und schwarz, dass es mich fröstelte.
„Schau mal, die Flugzeuge“, sagte Oma, „sie gleiten auf roten Strahlen.“

Das taten sie nicht.

Sie zogen Netze hinter sich her, die mich an die Spuren erinnerten, die auch Großvater hinterließ.
Ich dachte an meine Schlüpfer, die auf der Wäscheleine trockneten, bis ihre Fasern ganz hart waren. Wenn ich sie anzog, spürte ich Omas Argwohn. Mit den Händen war sie flink, aber ihre Beine waren die einer Elefantenkuh.
„Sieh dich an!“, flüsterten ihre Augen, wenn sie auf mir ruhten.
„Sieh dich selber an, du alte Fregatte!“, dachte ich, wenn sie nicht mehr hinsah.
Er liebt mich. Er liebt mich. Mich, mich.
Dich liebt er nicht, dich benutzt er nur.

Großmutter hasste mich. Wenn sie sich selbst beäugte, ob von außen oder innen, sah sie mich nicht. Ich war weder Teil ihrer Gene noch Teil ihres Lebens, ich lebte in ihren Augen in einer Schublade, die nur darauf wartete, geschlossen zu werden und mich zu zerquetschen. Oft dachte ich an das Meer. Nicht eines, sondern das eine. Meine Eltern sind darin umgekommen und niemand weiß genau, wieso.
Sie schwammen in der Nacht. Ich stelle mir immer vor, dass sie dabei ganz nackt waren. Vielleicht waren sie ausgelassen vom Wein, vielleicht auch nur von sich selbst. Ich stelle mir vor, wie eine Welle kam. Wie sie nach unten gezogen wurden. Wie sie sich aneinander festhielten. Wie sie sich ihrer Lust hingaben und darin umkamen. Alles wird dunkel. Sie erinnern sich nicht, dass es mich gibt. Sie ficken wie verdammte Meerkatzen. Ohne Grazie und Eleganz. Nur sie selbst hören sich dabei zu. Fliegen sind sie für mich, fette, ertrinkende Brummer.
"Sie waren doch beide so gute Schwimmer!" Diesen Satz betete mir Oma immer wieder vor. Immer wieder sagte sie ihn auf. Als erwartete sie, ich würde alle Schuld auf mich nehmen. Ja, Oma, ich bin ein Querulant der Liebe. Ein Kind bringt immer Böses über die, die es zeugten. Ich stellte mir dann vor, wie die schwarze Welle auf meine Eltern zurollt und über ihnen zusammenbricht.
Dieses Bild verlor ich nie. Ich teilte es mit niemandem. Das Rauschen, das ich dazu hörte, verebbte irgendwann. Wenn ich es heute hören will, höre ich stattdessen das Klingeln eines Glöckchens.
So einem, wie es der Großvater an seinen Fallen angebracht hatte. Es klingelte gar nicht einmal besonders laut. Aber wenn ich es höre, höre ich nichts anderes mehr.

Einmal war Opa besonders fangwütig gewesen und hatte drei Fallen auf einmal scharfgestellt. Eine davon hatte er total vergessen. Sie stand bei den Komposthaufen, halb von Blättern und Erde verdeckt. Eines Nachmittags sah ich ihn, wie er etwas Steifes am ausgestreckten Arm vor sich hertrug. Unter ein paar Tüten entdeckte ich am nächsten Tag den steinharten Körper einer Katze. Sie sah aus wie gefroren. Das schäbige Fell war aufgestellt und darunter schimmerte das weiße Fleisch der Maden. Beim Abendessen kaute ich selbst den Salat mit Ekel. Großvater schnitt fingerdicke Scheiben von der Wurst. Seine Finger glänzten davon. Er kaute das gewürzte Fleisch und trank Pfefferminztee dazu. Er zermalmte die fetten Fasern zu einem Brei, von dem er aufstoßen musste.
Später setzte er sich zu mir ans Bett, streichelte meinen Arm und küsste meine Stirn fettig. Sein Atem war warm und nah.
Ich hasste ihn so sehr, dass es mich zeriss.

Du bist meine Liebste.

Er ging.
Ich konnte in der Nacht nicht schlafen. Im Nebenzimmer schlugen schreckliche Geräusche an die Wände. Der Großvater dachte an mich, während Oma laut schrie.
Hinter meinem Fenster wollte die Nacht nicht abkühlen. Die Katzen begannen ihr Konzert der Qualen. Ich hielt mir die Ohren zu.
Ich dachte an die tote Katze. Ich dachte an Janosch, der sein Fell im Zaun ließ.
Dann träumte ich von Dingen, die meine Laken durchnässten.
Von der Großmutter in ihrem langen Nachthemd träumte ich. Wie sie in unser Haus einbrach und dort alles mit ihrem wuchtigen Körper niederriss. Wie ihr Blick flüchtend über alles ging und entweihte. Sie rannte die Kellertreppe hinab und spie nach allen Seiten. Ihr Haar war wirr und ihre Hände hatten statt Fingern Zungen. Immer wieder rief sie nach mir.
Ich saß unter der Stiege und zitterte. Ich saß da mit geschlossenen Augen und wippte gegen das Vermächtnis des Traumes an. Etwas klebte zwischen meinen Schenkeln. Etwas dort zog mich zum Großvater hin. Der hatte sich wie ein Fell vor mir ausgelegt und rollte seine Zunge an mich, bis mir ganz anders und die Großmutter einerlei wurde.
Großvater war schön. So groß und uneinnehmbar. Ich mochte es, wie er mich ansah. Wie er meine Hände in seinen hielt. Wie sein Haar auf mich fiel, wenn er sich vergaß und die Welt zu tanzen begann. Das war wahrhaftig. Das war, wie mit ganzem Körper in einem Ameisennest gefangen zu sein. Das war wie die Welle, die man lachenden Geistes empfängt. Die auf einen zustürmt und so unvermeidlich ist, dass man nur noch zerbersten will im Angesicht ihrer Gewalt.
Am nächsten Morgen, als die Großmutter mich weckte, zog ich die Knie an den Bauch und weinte so sehr, dass sie mich schütteln musste. Ich war wild und biss Fleisch aus ihren Armen und spuckte es in ihr Gesicht.
Sie wusch sich lange Zeit im Badezimmer. Danach sprach sie drei Tage lang nicht mit mir. Mir machte das nichts aus.

Ich fragte den Großvater nach der Katze.
Dabei beobachtete ich sein Gesicht ganz genau. Seine Pupillen waren ganz klein und auf der Stirn schwitzte er.
„Das dumme Vieh“, sagte er mit belegter Stimme. Die Falle würde jetzt nichts mehr taugen.
Ich fragte ihn nach dem Köder. Eine Katze lockte man nicht mit Salat oder Karotten an.
„Vielleicht war die Falle schlecht ausgewaschen“, gab Großvater zu bedenken.
„Katzen sind neugierig.“
Es war aber nicht die Neugierde, die die Katze getötet hatte. Großvater war es. Ich dachte daran, wie er sich die wurstgebutterten Finger leckte und dabei so ungeheuer zufrieden aussah. Mir kamen die Tränen. Er strich mir liebevoll das Haar aus dem Gesicht und zog an meinem Ohrläppchen. Ich musste lachen, wenn er das tat, doch an diesem Tag war mir nicht danach zumute. Er hatte ihn getötet. Ich konnte genau vor mir sehen, wie Opa ein fettiges Stück Wurst in der Falle platzierte, wie der salzige Speck in das Holz einzog und Faser für Faser durchtränkte. Ich wusste, weshalb er die Falle beim Kompost ausgelegt hatte. Die verrottbaren Abfälle lagerten im äußersten Winkel des Gartens und daran grenzte ein freies Grundstück. Großmutter sammelte Küchenmüll in ordentlich zusammengefalteten Päckchen aus Zeitungspapier in einem Eimer, der an der vorderen Hauswand stand und nicht öfter als einmal in der Woche geleert wurde.
Die Katze konnte kläglich miauen, ohne dass es jemand hörte.
Großvater nannte mich eine Heulmarie. Er stupste meine Nase und zerrieb mir die Tränen auf den Wangen.
„Komm mit, ich habe eine Idee!“, sagte er.

Die Kellerkühle legte sich wohltuend auf mein heißes Gesicht. Opa nahm meine Hand, als wir die Treppe hinabstiegen. Der Schlüssel drehte sich im Schloss der Tür, die immer verschlossen war und dann standen wir in seiner Werkstatt.
In der Mitte stand ein kleiner Frästisch, in der Ecke ein Bock, auf dem sich ein Hobel befand. In den Regalen lagen überall Werkzeuge und es duftete nach süßen Spänen.
Großvater machte eine wichtige Miene, stellte sich dann auf Zehenspitzen und nahm einen zerbeulten Schuhkarton vom höchsten Regalbrett.
Das bronzefarbene Glöckchen lag ganz oben, als hätte es auf uns gewartet. Darunter waren noch weitere Glöckchen, aber die waren alle kleiner und aus unscheinbarem, stumpfem Zinn.
Großvater lächelte. "Es wird perfekt werden,"
Er schnitt ein ellenlanges Stück Schnur von einer Rolle und zog es durch die Öse der Glocke. Dann gab er mir beides in die Hand.
„Na, los“, sagte er, „probiere sie aus!“
Es war erstaunlich, wie laut das Glöckchen anschlug. Ich hatte einen feinen Klang erwartet, aber das Geräusch war eher ein vibrierendes Läuten. Ich dachte an den Kirchturm. Die Sonne, wie sie fiel. Er würde es jetzt tun. Bestimmt würde ich alles tun.
„Möchtest du, dass ich dich jetzt zwischen deinen Beinen küsse?“
Ich fing an zu zittern. Das Glöckchen schlug wieder an, diesmal aber nur ganz leicht. Ich fühlte, wie mein Atem sich irgendwo zwischen den Rippen aufhängte. Mein Puls bebte dumpf unter meiner Zunge. Ein Schauer lief mir von der Scheitelspitze über den Rücken. Mir war, als spaltete ein sanfter Beilschlag meinen Kopf in zwei Hälften.
Das Blut stieg mir heiß hinter die Ohren. Es floss zusammen in meinem Becken. Ich fühlte mich schuldig, weil mein Körper reagierte wie der einer Frau. Schuldig, weil ich Großvaters Berührungen kaum erwarten konnte.
Er stieß mit dem Rücken die Tür zu und sah mich mit glasigen Augen an.
Seine Augen waren wunderschön, vielleicht das Schönste an ihm. Sie leuchteten für gewöhnlich in kräftigem Blau, einem Tintenblau, unergründlich und tief. Wie sollte ich mich ihm nicht erlauben?
Wenn er mich mit solchen Augen liebte?

Er hob mich auf den Bock. Der Hobel schlug dumpf auf dem Boden auf.
Ich wollte das Atmen lassen, stattdessen begann ich, leise und kränklich vor mich hin zu hecheln. Der süße Duft der Späne schlug mir mit einem Mal auf den Magen. Mir wurde schlecht. Alles schien plötzlich falsch zu laufen. Ich fühlte mich wie ein Träumer, der merkt, dass ihm die Kontrolle über die Bilder entgleitet, die sein Verstand gerade noch mit Leichtigkeit durchschwimmen wollte. Man will aufwachen, doch man kann nicht.
Großvaters Hände wanderten unter mein T-Shirt, tasteten nach den Hügeln, aus denen sich meine Brüste zu formen begannen. Er streichelte sie so zärtlich, dass sie in seine hohlen Hände hineinwuchsen.
Ich schloss die Augen und dachte dahinter an Janosch. Wie unverwandt und missbilligend er mich durch den Zaun angesehen hatte und dann davongeschlichen war, als ginge ihn kein vergangener Augenblick mehr etwas an. Niemand hinderte ihn daran. Ich nicht. Ich zu allerletzt.

In diesem Moment begriff ich, was den Kater und mich im Wesentlichen unterschied. Das Wissen um die Konsequenzen dessen, was wir taten. Kein Tier wäre je so töricht, wie ich es war.
Wenn diese Erkenntnis ihre Klarheit auch mehr aus meinem situativen Empfinden als einem konkreten Gedanken bezog, so war dies doch der Moment, in dem ich mich schuldig machte. Janosch wäre geflüchtet. Ich, Mensch, hob tierisch mein Becken. Ja, ich war geil.
Der Großvater schob mich weiter auf den Bock, bis mein Rücken die Wand berührte. Er stellte meine Beine auf und zog meinen Schoß ein wenig mehr zu sich hin. Ich wollte seine Hand an meinem Schlüpfer. Ich war angewidert von mir selbst, der Deutlichkeit meiner Gelüste und der Signale, die ich aussendete. Ich wollte diesen Moment mehr als alles andere, was danach kommen würde, war mir egal, wollte mich nur noch dem Streicheln hingeben, schwindelnd und mit bleischwerem Magen den Augenblick ersehnen, in dem die Hand den Stoff beiseiteschob, um mich in meiner schmutzigen Mitte auf seinen Kuss einzustimmen. Ich wollte, dass er mich begehrte. Ich wollte, dass er mich begehrte wie nichts anderes auf der Welt. Ich wollte spüren, was es bedeutet. Was es bedeutete, mich zu vergessen.
Großvater nahm mir das Glöckchen aus der Hand. Es klingelte sanft.
Alles musste von jetzt an leise sein.
Wir liebten uns, als kennten wir uns nicht. Wir schnappten nach unseren Zungen. Ich schrie ihn in mich hinein. Er kam über mich wie eine Welle, sein Gesicht starr verschnappt, ein Ausdruck wie der Tod selbst, er roch wie ein Schinken und klatschte in mich hinein, raunend, bekundend, nicht ohne Liebe, nein, voller Liebe, er schrie und ergötzte sich, ich bebte spielend, ernüchtert, entseelt. Leise.
So leise wie ich konnte.

Tage später befestigten wir die Glöckchenschnur mithilfe zweier Reißzwecken in einer frischen Falle.
Wir gingen ausgelassen und fröhlich miteinander um, aber nur, weil wir nicht anders konnten. In Wirklichkeit waren wir erschöpft, zutiefst erschöpft, unsicher und voller Scham. Ich sah Großvater nicht an und er mich nicht. Wir waren wie Fremde, entzweit, voller Bedauern. Also konzentrierten wir uns auf das, was wir taten, was uns miteinander verband. Er erzählte vom Töten und ich hörte aufmerksam zu.
Im Plauderton trug er mir vor, wie er einmal zwei Marder auf einmal gefangen hatte. „Man lockt sie am besten mit Hühnereiern.“, sagte er.
„Tötest du alle Tiere, die du fängst?“, fragte ich. Er schüttelte den Kopf.
„Was denkst du, weshalb ich die Fallen ins Auto verlade und damit wegfahre? Ich lasse die Tiere im Wald wieder frei. Wenn du möchtest, nehme ich dich beim nächsten Mal einfach mit.“
„Vielleicht in den Ferien“, sagte ich und Großvater brummte zustimmend.
Mir tat weh, dass er log.
Ach was, es brachte mich um.

Die Tage vor den Sommerferien waren unerträglich heiß. Niemand hielt es lange in der Sonne aus. Ich erledigte meine Hausaufgaben unter dem Sonnenschirm auf der Terrasse, während Oma ihre immer ausgedehnteren Nickerchen auf ihrer alten, quietschenden Liege hielt.
Der Großvater mähte trotz der Bullenhitze den Rasen und beschnitt die Äste der Obstbäume.
Mittlerweile hatte er auf mein Drängen hin alle Fallen mit Schnüren und Glöckchen bestückt und mindestens eines meiner Ohren war immer am Wind.
Im Garten blieb es leise. Kohlmeisen sangen ihren Ruf aus den Lärchen und Großmutter schnarchte dazu. Es klang, als verschluckte sie sich an ihrem eigenen Atem.
Oma legte keinen gesteigerten Wert auf ihr Äußeres. Die Kleider, die sie trug, waren bessere Kittel und egal, ob sie etwas Gepunktetes, Geblümtes oder Gestreiftes anhatte, war ihr Haar stets mit demselben schäbigen Kopftuch zurückgebunden. Eine Zeit lang hatte sie das Tuch mit Haarnadeln befestigt, bis sie eines Tages entdeckte, dass es viel praktischer war, das Haar mit einer so großen Menge Elnett zu besprühen, dass der Stoff daran festklebte.
Wenn es im Sommer heiß war, stank das Haus nach einer widerlich tranigen Mischung aus fischigem Schweiß und süßlichem Spray. Mir wurde übel davon, aber Fliegen und Wespen flogen drauf.
Großmutter störte es nicht weiter, von Insekten umschwärmt zu werden. Im Gegenteil, sie schien sogar Gefallen daran zu haben, die Plagegeister mit geschickten und erstaunlich flinken Handkantenschlägen ins Jenseits zu befördern oder ihnen mit der Klatsche den Garaus zu machen.
Wenn sie auf der Terrasse oder im Garten schlief, konnte man den Eindruck gewinnen, ihre relative Hilflosigkeit spräche sich unter den Insekten herum. Einmal steuerte eine Wespe so zielstrebig auf ihre schnarchende Nase zu, dass man dem Tier Heimtücke und Absicht unterstellen wollte.
Es kroch von der Nasenspitze am linken Flügel hinab und verweilte dann minutenlang knapp unterhalb des Nasenloches wie vor dem Eingang einer riesigen Höhle.
Ich stellte mir vor, wie Oma von innen aussehen mochte. Fasziniert beobachtete ich die Unentschlossenheit des Insekts, die an seiner Stelle wohl auch meine gewesen wäre. Ich malte mir aus, wie die Wespe sich sehr langsam durch ihre Nase schob, wie ein Soldat im Schützengraben. An den vielen langen Härchen und Sekreten vorbei, so vorsichtig, dass Oma außer einem ganz leichten Kribbeln nichts bemerkte. Mir trat das Bild vor Augen, wie das Tierchen sich in ihrem Rachen einnistete, wie es sich tagelang oder vielleicht viel länger von den Säften ernährte, die Großmutters falscher Körper dort einmachte wie Gelee.
In diesem Moment ging mir auf, wie sehr ich mir wünschte, Oma wäre tot.
Sie tat ohnehin nichts anderes, als den ganzen Tag vor sich hin zu sterben. Ich dachte über vieles nach, was der Großvater mir beigebracht hatte über das innere Gleichgewicht. Über die Rechte der Stärkeren, die sich an die Pflicht banden, dem Schwachen niemals die Oberhand zu gewähren.
Ich verstand etwas, das ich mich zuvor zu begreifen geweigert hatte. Oma würde dem Leben im Tod so viel nützlicher sein als atmend und schnarchend. Sie war nichts als eine gigantische Vorratskammer an Schwäche, die das stärkere Leben eines Tages ausplündern würde bis aufs Allerletzte. Meine Verachtung schlug um in ein Gefühl äußerster Erregung.
Mein Herz schlug schnell und schneller, während die Wespe unter Omas Nase vergaß, was sie doch eigentlich tun wollte. Sie bewegte sich so nervös, dass ich es nicht länger mitanzusehen ertrug. Ich scheuchte sie auf und erschlug sie, als sie sich auf der Stuhllehne niederließ.
Sie hatte es sich verwirkt, die Großmutter zu wecken.

Pünktlich zum Beginn der Ferien schlug das Wetter um.
Es blieb heiß, aber es wurde drückend. Man meinte, die Welt kranke an einem schlimmen Sumpffieber. Der Himmel hatte die Farbe von Asche und über ihm glomm verhalten die Sonne, als brüte sie selbst etwas aus.
Der Ausschlag  zwischen meinen Beinen war schlimm geworden. Es hatten sich Bläschen gebildet, die so sehr juckten, dass ich mir nachts die Schenkel blutig kratzte.
Ich füllte mir Eis in einen Beutel und floh vor der Wärme in den Keller. Doch selbst dort war der Sommer jetzt eingezogen. Die vertrauten Düfte standen wie Wolken in der Luft, schwer und schwitzend wie alles andere.
Ich saß wippend auf dem Boden und dachte über vieles nach, während ich auf Regen wartete.
Durch die vergitterten Fenster fiel das Licht in kleinen Würfeln. Ich träumte mich in jeden hinein und wieder hinaus. Vielleicht wäre ich mit offenen Augen eingeschlafen, wenn nicht das Glöckchen geläutet hätte.
Zuerst nahm ich es gar nicht richtig wahr, so sehr ertrank sein Klang in der Gemütsschwere des siechenden Nachmittags. Ich erschrak über meinen eigenen Langmut.
Das Glöckchen ertönte wieder. Und wieder. Fast war es mir lästig, aufzustehen und nachzuschauen, welches Vieh in die Falle gegangen war. Auf müden Beinen machte ich mich auf den Weg in den Garten.
Großvaters Auto stand nicht in der Einfahrt und ich war froh darüber. Der Ekel vor ihm nahm seltsame Auswüchse an. Mir juckte es unter der Kopfhaut, wenn ich nur an ihn dachte. Er war die Hitze, die mich alt machte, die mich verdarb. Ich wollte ihm Kinder gebären, die tot waren. Ich folgte dem Geräusch des Glöckchens wie einer Fährte. Ich war entflammt von der Flut meiner Gedanken, all den Ideen, die ich zurückhielt und von denen ich wusste, dass ihr Siedepunkt bald überschritten sein würde. Mich dieser Phase zu nähern, versetzte mich in unvorstellbare Erregung. Ich war ein vernichtendes Feuer, das sich selbst Luft zufächerte. Etwas in mir schlug so feiste Töne, dass ich vibrierte. Ich, die Maschine. Die etwas schuf, das nur eines wollte und konnte: zerstören. Die einzige Art von Liebe, die mich kannte.
Es war herrlich, wie der Schwindel in meinem Kopf anschlug, wie mein Magen in Schwingung geriet und das Blut so wild in meinen Adern peitschte, dass ich zwischenzeitlich meinte, ich müsse daran vorzeitig sterben.
Janosch kam mir in den Sinn und mit einem Mal verstand ich den Blick, den er mir durch den Zaun zugeworfen hatte, nicht mehr als Mahnung, sondern als Aufforderung. Das Schicksal kann man nur bewältigen, indem man aufhört, sich ihm zu widersetzen. Man muss der Dolch sein, wagemutig und trotzig, lächelnd hinter der Hand, die keine Knochen mehr besitzt. Was für ein Gott ist ein Gott, der den Teufel nicht liebt - oder schlimmer: ihn verschmäht und leiden lässt, obwohl er ihn liebt? Nichts als ein lächerlicher Sklave seiner eigenen Unvollkommenheit.
Dumm war ich gewesen, weil ich bekämpft hatte, was zugelassen werden wollte, was ganz unabdingbar in meiner Natur schlummerte und der Erweckung entgegenfieberte. Ich war mir so fremd, dass es wehtat, aber in diesem Schmerz war ich mir auch so nah wie niemals zuvor. Ich hielt auf die Falle zu, bis in den kleinsten Muskel gespannt wie ein jagender Tiger.
Kaum hatte ich den Deckel geöffnet, ging alles ganz schnell. Beide Hände legte ich dem Kaninchen um die Ohren und bevor mein Griff unsicher werden konnte, erschlug ich sein kleines Leben wie eine staubige Fußmatte am Apfelbaum. Ich tötete. Die einzige Rechtfertigung für mein Sein. Ich schlug das tote Tier, bis es nicht mehr als Tier zu erkennen war. Ich zermalmte seine dämlichen Knochen. Bestrafte es dafür, dass sein Sterben nicht länger dauerte. Schlug es gegen den Baum wie gegen meinen Wahnsinn. Es schrie nicht. Es wehrte sich nicht. Und wer sich nicht gegen den Tod wehren kann, hat das Leben nicht verdient.

In mir selbst starb alles, was vor dem Großvater schwach sein wollte.
Meine Lungen standen in Flammen, so schnell und heiß atmete ich, als das Bündel schließlich tot zu meinen Füßen lag. Jetzt, da es zerstört war, konnte ich es lieben. Wie ein Gott, der in Feigheit vor seiner eigenen Schöpfung lebt. Der sich nach nichts mehr sehnt, als von ihr vertilgt zu werden.
Die Großmutter rief aufgeregt nach mir. Später würde sie Großvater erzählen, ich habe mich aufgeführt wie eine Wahnsinnige. Geschrien habe ich, dass sich einem die Haare aufstellten, so durchdringend, als zöge mir jemand das Fell ab. Unter der Kirsche wäre ich gesessen, als sie mich auffand nach all dem Geschrei, mit verdrehten Augen, schweißnasser Stirn und weiß wie Kalk. Ich, die Hure.
Sie konnte nicht anders, als mich an ihrem Tisch sitzen zu lassen, der mit so viel Hass eingedeckt war, dass jede Speise darauf verderben musste, bevor man sie sich zum Mund führen konnte. Ich zitterte am ganzen Körper und mir lief der Speichel aus der Nase, als sie das Dankgebet sprach. Sie war toter als die Wurst auf dem Tisch. Sie war fetter. Sie war es nicht würdig, dass man in sie pisste.

Ich sah dem Großvater fest in die Augen und wusste, was er dachte. Er hatte das Kaninchen gefunden. Auf dem Zerlegetisch lag es, als er nach Hause kam. Ich hatte es ihm dort hingelegt wie ein Geschenk, nachdem Oma mit ihrer Gardinenpredigt im Garten fertig gewesen war.
Ob ich von allen guten Geistern verlassen wäre, hatte sie wissen wollen.
Ich lehnte am Stamm der Kirsche und barg das frisch erlegte Tier unter meinem Rock, der eigentlich viel zu kurz war, um irgendetwas darunter zu verstecken. Das Fell klebte mir fast an der Räude fest, so lange redete sie auf mich ein. Ein Abbild meiner Mutter sei ich, ein frühreifes Früchtchen und dem Wahnsinn so nah wie der Finger der Hand. Da wusste ich plötzlich, welche Bilder hinter ihrer Stirn lauerten und sie so hässlich machten. Mir ging auf, mit welch perfider Präzision der Großvater seine Vorstellung vom Kreislauf aus Geben und Nehmen an ihr verwirklicht hatte. Er hatte sie nie geliebt, dafür alles, was sie hervorbrachte, umso mehr.
Und noch etwas wurde mir mit so erschlagender Klarheit bewusst, dass es mir schwerfiel, Großmutter nicht lauthals ins Gesicht zu lachen:
Ich liebte ihn. Ich liebte ihn. Ich liebte ihn.
Niemand anderes würde meiner Liebe je würdig sein.

Am Tag darauf gab es Braten. Er schmeckte mir so gut, wie mir noch nie zuvor etwas geschmeckt hatte. Diesen Geschmack nach Leben konnte man nur wahrnehmen, wenn man den Tod mit eigenen Händen bezwungen hatte. Oma hatte eine Sauce zubereitet, nach der man sich die Finger lecken wollte. Großvater sah mich über den Tisch hinweg schmatzend an. Er lächelte und aus seinen Augen floss das Tintenblau zu mir hin, dieses Mal ergründlich, aber nicht weniger tief.
Als unsere Teller schon längst wieder im Schrank standen und Oma sich mit einem ihrer Lesehefte auf die Terrasse zurückgezogen hatte, schlief er mit mir, während ich zur Hälfte über dem Zerlegetisch lag. Alles fand sich in dem Augenblick für mich zusammen. Wir vereinigten, was zusammengehörte, wir folgten unserer Fliegennatur.
Großvaters Nägel huben mir den Schorf von den Schenkeln. Er kam in mir wie der größte Segen. Mein Körper, meine ganze Liebe bog sich um ihn. Ich kam ihm entgegen. Kein Blut. Nur Fleisch, das weiß, was es tut.
Wir liebten uns. So sehr. So dringlich. So sehr.

Der Sommer der Fliegen dauerte lange. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er jemals endete.
Es gab so viele Fliegen, so gottverdammt viele davon. Fliegen gehen auf alles, heißt es. Am liebsten gehen sie auf Kadaver, auf Fleisch, das reift. Irgendwann waren die schwarzen Trauben überall. Sie klebten an den spiralförmigen Fängern, die Großvater und ich selbst im Haus aufgehängt hatten und sie standen im Garten zwischen den Himbeeren, wenn niemand hinsah.
Die Glöckchen läuteten von Juni bis September. Opa und ich fingen alles. Was wir nicht verwerten konnten, brachten wir in den Wald oder auf den Kompost. Wir überließen es der Sonne und unseren summenden schwarzen Freunden.
Großmutter sah unsere verschworenen Blicke und dass wir redeten, obwohl wir kein Wort sprachen. Unser Geschenk für sie.
Als sie eines Mittags Janosch kochte, hatte sie keine Ahnung. Sie hatte von nichts eine Ahnung. Sie wusste nur, wie man Saucen zubereitet, wie man schläft und wie man Insekten tötet. Zu Höherem reichte es bei ihr nicht.

Als sie starb, viele Sommer später, dachte ich an die Wespe, die ihre Chance verpasst hatte. Weil ich es so wollte.
Als Großvater starb, einige Jahre nach ihr, dachte ich daran, wie wir während unseres Sommers einmal Hand in Hand auf der Terrasse gesessen hatten. Wir beobachteten gemeinsam den langsamen Untergang der Venus. Sie ertrank im Abendhimmel wie ein unbedeutender Stern. Ich lachte, er war wohl zu müde dazu.
Ringsherum summten die Fliegen, summte das Leben, das erschlagen wurde, bevor es mir gehören konnte.
Ich fühle es.

Ich weiß.

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7 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Die Bilder sind kaum zu ertragen.

    06.12.2016, 20:59 von Feodor
    • 0

      ich finde den text grenzwertig lang und bin früh ausgestiegen. 

      07.12.2016, 02:07 von EC_Lino
    • 0

      Dann hat der Anfang dir wohl nicht gefallen.

      07.12.2016, 07:48 von Feodor
    • 0

      isch mer oifach ed wichtig. scheena dag !

      07.12.2016, 12:46 von EC_Lino
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  • 0

    (ein minimanko: "warum? weil ich es kann!" ist eher 10er jahre-style und wirkt daher konstruiert auf mich)

    05.12.2016, 21:52 von libido
    • 2

      „Warum
      tust du Unsinn?“, fragte er mich.

      Ich antwortete ihm mit festem, vor Willkür strotzendem Blick, ganz so, wie ich es von Großvater gelernt hatte.
      Besser?
      Also ausreichend, um eben den Zwiespalt zwischen echter Willkür und scheinbarer Motivationslosigkeit aufzuzeigen?

      06.12.2016, 14:21 von JackBlack
    • 0

      fjeden!
      ich hätts eher als langeweile interpretiert. aber das ist wahrscheinlich genau die mitte aus beiden begriffen.

      07.12.2016, 00:31 von libido
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