einweggedanken 21.12.2014, 15:00 Uhr 24 56

So richtig.

Und so tauche ich unter. Lass alles verstummen. Will bei mir sein.

Warmer Kakao auf dem kleinen Holztisch. Die Sonne hinter grauen Wolken, aber eine Decke macht dies bedeutungslos. Kinderlachen und neugierige Blicke. Niemand will verpassen, wenn Lars über seinen bunten Fußball stolpert. Auf meinem Schoß das eine Buch. Begleitet mich schon seit Wochen. Fürchte mich vor seinem Ende, denn das würde ich gerne hinauszögern. Zu kräftige Bilder, die bekannte Situationen in mir wecken. Tief in mir drin. 

Ich will hier nicht weg. Will mit niemanden tauschen, denn eigentlich scheint alles so richtig. Die Stadt passt auf mich auf. Überrascht mich, wenn ich mich zu langweilen beginne. Hunderte Ecken warten darauf, durchschritten zu werden. Durchbrochen zu werden. Ich denke an die letzten Monate. Denke an die Menschen, die ich kennenlernte. An Einzelne, die ich in mein Herz geschlossen habe. Und Andere, die selbiges verlassen haben. Sie haben ihre Spuren hinterlassen. Tiefe Kratzer und den ein oder anderen Satz, der mich morgens zusammenzucken lässt. Doch so richtig ächten mag ich diese Erinnerungen nicht. 

Eigentlich sollte es mir gut gehen. Wohne mitten im Grünen, in einer Wohnung voller Farben. Kann für mich sein oder auch nicht. Bekomme Besuch. Von liebenswerten Menschen, die ihre Zeit mit mir teilen. Ihre Gedanken. Ihre Ängste und Hoffnungen. Aber irgendwas fehlt. Irgendwas verhindert, dass ich mich freue. Über die Postkarten im Briefkasten, die Filme auf großer Leinwand, die Lieder nur für mich. Suche unentwegt nach diesem einen Gefühl, das ich nichtmal mehr richtig beschreiben kann. Verschwommene Artefakte, die früher so klar schienen. Dieses eine große Gefühl. Stattdessen häufen sich Belanglosigkeiten. Immer die selben Sätze. Die selben Gesten. Ein Meer an Freundlichkeiten, aber ohne Insel. Ohne Strand. Ich mittendrin. Und so richtig voran zu gehen scheint es nicht.

Die Kraft, sie schwindet. Jeder Zug entzieht mir mehr. Und wenn ich ganz still bin, hör ich die Stimmen. Die Meinungen der anderen. Ich will sie nicht hören. Will ihnen nicht glauben, denn irgendwie ist da noch Hoffnung. Ist da noch der Wunsch nach einem Umschwung. Einer neuen Richtung. Einem Kompass. Und so tauche ich unter. Lass alles verstummen. Will bei mir sein. Ohne sie. Verkrampftes Strampeln bringt mich immer tiefer. Will auf den Grund. Will den Boden berühren. Genug geflogen. Genug versucht. Ich will wieder stehen. Will zur Ruhe kommen. Und bemerke dabei gar nicht, wie mir die Luft ausgeht. Streife den harten Meeresgrund. Es tut gut ihn zu fühlen. Etwas zu spüren, das intensiver als die Sätze der anderen ist. Etwas zu fühlen, das steinerner als die eigenen Thesen ist. Abermals fühlt es sich falsch an. Doch dafür ist es zu spät. Denn so richtig durchdacht habe ich das alles nicht.

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24 Antworten

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    "Ein Meer an Freundlichkeiten, aber ohne Insel." - Super ausgedrückt!

    11.01.2015, 17:41 von inkedpisces
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    Schöner  Text. Mir geht es momentan ähnlich...eigentlich sollte es mir gut gehen...eigentlich. Doch tief in mir drin verspüre ich täglich immer mehr den Drang hinter allem einen Cut zu machen. Alles aufzulösen, was mich irgendwie in irgendeiner Weise einengt / bedrängt nur um mich wieder glücklich und frei zu fühlen. Aber noch bin ich nicht mutig genug, um das zu tun und versuche alles herunter zu spielen in dem ich mir einrede " Das ist nur eine Phase, das geht wieder vorbei"...doch was wenn nicht?

    10.01.2015, 10:14 von In_Vino_Veritas
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    So richtig durchdacht ist es nicht, aber so richtig durchdacht ist es nie.

    http://tinderexperience.blogspot.co.at/?m=1

    31.12.2014, 00:38 von SarahOoh
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  • 1

    So richtig – auf den Punkt getroffen

    Schöner Text. Ansätze mit denen sich wohl jeder mehr oder weniger identifizieren kann, danke!

    30.12.2014, 01:00 von whatwouldaudreydo
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    wunderschön! Bei mehrfachem Lesen mischt sich der Text sich mit eigenen uunterschiedlichen Situationen und gibt dem Ganzen nochmal eine andere Richtung... Aber das ist nur mein Gefühl ;)

    29.12.2014, 17:32 von wirbelherz
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Mein Sohn heißt Lars.
    Solche Phasen braucht man, um weiter zu kommen. Ob fliegen oder schwimmen ist dabei völlig egal. Diese Phasen machen dich zum ICH. Also ab und durch! :)

    28.12.2014, 10:37 von Nachdenk-Aroma
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  • 0

    Gute Anregung zum Nachdenken! Was gibt uns Sinn?  Oder wer? 

    Es ist wirklich wie ein Meer in dem wir schwimmen und wir haben unser Ziel verloren und tauchen nach Schätzen zur Ablenkung. 
    Alles ist so verkopft. Wir denken zu viel. Und haben das einfache Tun verlernt.

    26.12.2014, 21:59 von rotkaepchen
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  • 1

    "Wohne mitten im Grünen, in einer Wohnung voller Farben"
    Dabei habe ich ein wunderbares Bild im Kopf. :)

    26.12.2014, 12:27 von alpa1606
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  • 1

    Ich mag das.
    Eventuell mag ich das sogar sehr. :) 

    25.12.2014, 01:35 von bunteschaos
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