Sitznachbarn
Ein wenig amüsiert hatte er später festgestellt, dass eine Stimme in seinem Kopf die Marseillaise gesummt hatte.
„Grün!“ Sie kicherte. „Das war leicht.“ Um mit seiner Sitznachbarin ins Gespräch zu kommen, hatte er sich ein Spiel ausgedacht, dessen Regeln ziemlich simpel waren. Einer musste fünf Begriffe nennen, und der andere die Verbindung der Begriffe raten. Seine ersten Begriffe „Gras, Absinth, Neid, Hulk und Joschka Fischer“ hatte sie zwar ziemlich schnell durchschaut, schien aber Gefallen an dem Spiel zu finden.
Sie war ihm bereits am Check In aufgefallen. Nicht nur, weil sie eine der wenigen alleinreisenden Passagiere auf diesem Langstreckenflug war, sondern auch weil er sie unglaublich liebenswert gefunden hatte, als sie beinahe verzweifelt und leise Flüche vor sich hin murmelnd etwas in ihrem Handgepäck gesucht hatte.
Ein wenig amüsiert hatte er später festgestellt, dass eine Stimme in seinem Kopf die Marseillaise gesummt hatte, als ihm klargeworden war, dass es sein Nebenplatz war, den sie zielstrebig angesteuert hatte.
„Und? Kopfhörer gefunden?“ hatte er sie kurz nach dem Start gefragt, und das Magazin zur Seite gelegt, in dem er gerade noch geblättert hatte. „Nein, wahrscheinlich hab ich sie doch in den ... Moment mal!“ Sie schaute ihn verwundert an. „Woher weißt Du...?“ „Na ja“ gab er zurück, „Du hattest einen iPod in der Hand, und hast unter Bauarbeiterflüchen in Deiner Handtasche gekramt. Ist jetzt nicht so schwer drauf zu kommen, oder?“ Dann hatte er ihr vorgeschlagen, stattdessen ein Spiel zu spielen, um sich die Zeit zu vertreiben. In diesem Moment hatte es ‚Klick’ gemacht, und der Funke war übergesprungen.
Fasziniert beobachtete er, wie ihre Zungenspitze einem komplizierten Bewegungsmuster folgend, auf ihren Lippen hin und her flitzte, während sie sich die nächsten fünf Begriffe ausdachte. Als sich ihre Blicke trafen, hielt er ihren mit seinen Augen fest. Ringo wäre vor Neid erblasst, bei dem Beat, den sein Herz trommelte. Sie schien nicht irritiert, sondern erwiderte seinen Blick mit einem leisen Lächeln.
Aus dem Glimmen das der Funke erzeugt hatte, war ein kleines Flämmchen geworden.
„Schirm, Uhr, Creme, Photosynthese, Tattoo.“ sagte sie immer noch lächelnd. Er brauchte einige Sekunden, um aus ihren Augen wieder aufzutauchen, und in die Realität zurück zu finden. Während er nun seinerseits nachdachte, konnte er durch das Fenster den strahlend blauen Ozean sehen, der glatt und ruhig unter ihnen lag. Diesmal beobachtete sie ihn, während er nachdachte, und sich eine tiefe Falte in seine Stirn grub. Plötzlich glättete sich sein Gesicht. „Sonne!“ rief er. „Allerdings passt der Begriff Tattoo da nicht ganz rein?!“ Wortlos drehte sie ihm den Rücken zu, und schob mit der Hand ihre langen dunklen Haare beiseite. Eine kleine Sonne erschien in ihrem Nacken. Er berührte ihre Haut, und fuhr mit dem Finger über den Umriss ihres Tattoos. Mit geschlossenen Augen genoss sie die Berührung, und als er feststellte, dass sie eine Gänsehaut bekommen hatte, wurde aus dem Flämmchen ein wild loderndes Feuer. Sie drehte ihren Kopf zu ihm zurück und sah ihm erneut in die Augen. Dankbar dafür, dass das Schicksal sie in diesem Flieger nebeneinander gesetzt hatte, nahm er ihre Hände in seine. Ihr Duft erinnerte ihn an Sommerferien. Sie schien aus jeder Pore einen Geruch nach grünen Äpfeln und frisch gemähtem Gras zu verströmen. Ihm wurde ein wenig schwindelig, bei dem Gedanken, sie zu küssen. Die Frau von deren Existenz er vor etwa drei Stunden noch nicht einmal etwas geahnt hatte, schien seine Gedanken zu lesen. Sie schloss ihre Augen und neigte ihren Kopf ein wenig. Er schloss ebenfalls seine Augen, und dass Feuer wurde stärker, größer und heißer. In der Sekunde, in der sich ihre Lippen trafen, explodierten die Flammen in einem gewaltigen Feuerball.
Brennende Teile des Flugzeugs fielen wie ein Feuerregen vom Himmel in den schweigenden blauen Ozean. Während eine Tragfläche langsam zum Meeresgrund schwebte, dämmerte der Abend.






Kommentare
"Ringo wäre vor Neid erblasst, bei dem Beat, den sein Herz trommelte."
10.07.2012, 17:34 von mirror87Na ja, es braucht nicht viel um Ringo und seine eher bescheidenen Fähigkeiten am Schlagzeug zu übertreffen ;)
.. wie ihre Zungenspitze einem komplizierten Bewegungsmuster folgend, auf ihren Lippen hin und her flitzte .. schöne Fantasien. :)
09.07.2012, 20:35 von ToraOh wow. Was soll ich sagen. Wundervoller Gedankengang..
und wenn es genau so geschah, hach ja.... :)
09.07.2012, 16:54 von AlmostLoverlieber dabei im feuerball zerschmelzen und feuerregnend vom himmel tänzeln, als das nie erlebt haben:)
08.07.2012, 21:03 von zehnmomentesehr schöne idee.
eindrucksvoll geschrieben.
Ringo wäre vor Neid erblasst, bei dem Beat, den sein Herz trommelte. - süßer gedanke!
07.07.2012, 23:48 von superhero!Mag ich! Aber streich bitte die Wendungen und Bilder, die aufgrund von zu häufigem Gebrauch schon Abnutzungserscheinungen haben.
05.07.2012, 14:24 von T-ADanke! Und wehe Du schreibst mir jemals eine Rechnung als Lektorin.
05.07.2012, 14:42 von First.Of.The.Gang