Zuckerwatte26 20.10.2010, 22:05 Uhr 0 1

sightseeing

Eine Stadt, die mir alles gegeben und gleichzeitig alles genommen hat. Ich werde sie hinter mir lassen. Nicht für immer. Aber für heute.

Ich sitze hier auf der Arbeit und spiele an meiner Kette rum, eigentlich müsste ich noch so viel erledigen.
Meine beste Freundin faselt irgendwas über Sex.
Meine beste Freundin sitzt in einer hässlichen Stadt, 250 km von mir entfernt fest und lebt da.
Unter der Woche.
Die meisten Wochenenden ist sie hier in meiner Stadt. Der schönen Stadt.
Leider wird es auf die Dauer zu teuer, also werden die Wochenenden in der schönen Stadt seltener.
Das ist mit einer der Gründe wieso ich so abwesend bin heute.
Ich hätte sie gern hier, heute, morgen, ach jeden Tag hätte ich sie gern hier. Und natürlich meint es das Schicksal immer so gut mit mir, dass es mir - wenn sie mal nicht da ist - richtig mies geht.
Heute ist wieder so ein Tag. Mir ist schlecht mein Magen dreht sich.
Der Auslöser?
Eine Stadt.
Kennt ihr das, zu Hause in seiner Stadt ist man sicher, man fühlt sich wohl, man kennt fast jede Ecke man weiß was einen erwartet.
Heute soll ich in eine andere Stadt, seine Stadt. Eine gute Freundin von mir ist aus dem schönen Hamburg hier zu ins Rheinland gezogen, um zu studieren. Da hat sich das Schicksal wieder eingemischt. Natürlich musste sie in die Stadt von meinem Ex-Freund ziehen, wie sollte es auch anders sein.
Und natürlich möchte sie heute Abend dort mit mir weg gehen.

Ich hasse diese Stadt, ich find sie hässlich und asozial. Eigentlich hab ich sie immer gehasst und hässlich gefunden, trotzdem war ich bereit, dort ständig meine Zeit zu verbringen - mit ihm.
Ich habe sogar angefangen, die Stadt zu akzeptieren mich wohl zu fühlen; ich sah mich schon umziehen aus dem Paradies ins Ghetto. Denn eigentlich ist das Paradies wo das Herz ist. Mein Herz war immer bei ihm.
Ich liebe meine Stadt, ich wollte hier nie weg ziehen; hier will ich sterben und hier die letzte Ruhe finden, meine Kinder sollen hier zur Welt kommen und hier aufwachsen. Das war immer schon mein Plan. Für nichts auf der Welt wollte ich diesen Plan aufgeben.
Bis er kam.
Scheißkerl.
Je näher mein Feierabend rückt, desto stärker werden meine Magenschmerzen. Mir ist schlecht, ich musste mich sogar schon übergeben. Mein Kopf tut auch ziemlich weh. Diese Stadt kann doch nichts dafür, dass er dort wohnt und dass ich an jeder Ecke eine Erinnerung hab, die ich mit ihm verbinde.
Manchmal wünschte ich, eine Bombe würde diese Stück Erde in die Luft sprengen.
Und die Stadt verfolgt mich.
Überall sehe ich ihren Namen. Auf der Arbeit rufen Kunden an: „Hallo, hier Herr Meier aus W“.
Kotz, würg, Brechreiz.
Ich leugne nicht, dass ich ihn noch von Herzen liebe und dass ich an chronischen Magenschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit und Müdigkeit leide seitdem er mich verlassen hat. Außerdem plagen mich starke Selbstzweifel und ich bin sehr launisch.
Aber wieso muss ich zur Hölle da heute hin?
Saufen, ja ich sollte saufen. Das Problem ist nur: Wenn ich irgendwann wieder so betrunken bin, werden natürlich alle Vorsätze über Bord geworfen, dann ist es natürlich so eine super gute Idee ihm Nachts zu schreiben. Man sollte mir das Handy wegnehmen wenn ich saufe.
Beliebte Studivz Gruppe, aber leider auch so wahr.
Iphone sollte eine App erfinden: die „ich-darf-meinem-Ex-nicht-betrunken-schreiben“-Funktion.

So, ich habe Feierabend, ich geh nach Hause. Auf dem Weg werden mich wahrscheinlich drei Heulattacken überkommen und zu Hause vor dem Spiegel noch Eine, weil ich ja so fett und hässlich bin und genau heute nichts zum anziehen finde. Dann werde ich versuchen mit meiner Freundin zu verhandeln. Sie wird sagen, dass meine üblichen Ausreden nicht ziehen.
Betrunken eine sms schicken? Brauche ich nicht mehr. Ich habe es auch nüchtern getan.
Und er will mich sehen, mich küssen mich berühren.
Scheißkerl.
Aber – es gibt immer ein „aber“, es gibt immer ein „vielleicht“ und immer ein „keine Ahnung wann“.
Eventuell könne er heute Nacht nach meiner Partytour. Ich bin ein kleines, naives Mädchen.
So jetzt geht es mir noch beschissener, ich ziehe mich dreimal um. Bis ich wieder das anziehe, was ich ganz am Anfang anhatte.
Gott lass Hirn vom Himmel regnen und setzt es bei ihm ein!
Scheißkerl
Liebe ist wie rauchen und Liebeskummer wie der kalte Entzug.

Irgendwann bin ich dann auch in der hässliche Stadt angekommen, ich hab Fieber und Magenschmerzen.
Meine Freundin lacht mich aus. Sie findet es faszinierend, dass eine Stadt so viel Einfluss auf mein Wohlbefinden hat.
Ich finde es überhaupt nicht lustig, dieser Scheißkerl ist an allem Schuld.

Zwei Stunden später sitzen wir beide im Auto und fahren zurück in meine Stadt. Sie konnte es nicht weiter ertragen dass ich da saß wie ein Häufchen Elend. Erlösung!
Meine Heimat, mein zu Hause, meine sichere Festung.
Gott bist du schön, so rein, so sanft, und doch so schnell und laut. Ich bin befreit ich kann lachen, ich freu mich auf den Abend, ich tanze, ich trinke, ich lache.Bis mein blödes iphone vibriert.
„Wo bist du????“
So Party zu Ende.
Laune auf null und gleichzeitig freue ich mich wie ein kleines Mädchen. Ja wahrscheinlich bin ich ein kleines, naives Mädchen.
Meine Freundin kriegt schon die Krise; diesen Blick kennt sie. Ich muss mich zusammen reißen, wenigstens nur heute, ihr zu Liebe, meinem Herzen zu liebe.
Doch er schreibt und schreibt und hört nicht mehr auf.
„Ich bin um 5 Uhr zu hause, kannst du dann da sein?“
Klar kann ich!
Und wenn ich in Spanien wär – ich würde rüber fliegen. Gut, dass er das nicht weiß. Obwohl, er weiß es bestimmt.
Kleines, naives Mädchen.
Wir feiern weiter, bis wir beide auch keine Lust mehr haben. Sie ist voll, sie lallt und erzählt mir ständig wie lieb sie mich hat und dass sie ihre neue Stadt so furchtbar hässlich findet und dass sie noch nie so eine hässliche Stadt gesehen hat.

Es ist 3 Uhr. Noch viel zu früh. Gerade als ich mich damit angefunden habe zwei Stunden vor seiner Tür zu sitzen, klingelt mein Handy: „Schatz kannst du früher kommen, dann gehe ich früher nach Hause, mag dich sehen, vermiss dich.“
Perfekt.
Es wird so sein wie immer. Wir werden heißen, leidenschaftlichen Sex haben, er wird mir erzählen, dass er nur mich will, dass er süchtig nach mir ist, dass er mich braucht.
Dann werden wir Arm in Arm einschlafen und morgens früh werde ich seine Küsse am Hals spüren und seine unglaublichen Augen sehen. Wir werden Sex haben dann noch zwei Stunden im Bett wie zwei frisch Verliebte schmusend liegen. Abends werde ich diese hässliche Stadt verlassen. Eine Stadt, die mir alles gegeben und gleichzeitig alles genommen hat. Ich werde sie hinter mir lassen. Nicht für immer. Aber für heute. Naives, kleines Mädchen....

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