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Sie.

Die Geschichte eines Kriegers.

Juni 2013. Berlin. 

Sie ist nicht dabei. Jedenfalls nicht spürbar. Ich weiß von ihr. Du hast mir relativ schnell erzählt, dass es sie gibt. An diesem Wochenende lässt sie uns das erste Mal für uns sein. Die Hoteltür ist fest verriegelt. Es gibt für sie kein Eintreten. Wir genießen unbeschwerte Tage. Leichtigkeit und Geborgenheit. Ich beobachte dich genau. Sehe eine Schönheit, die ich bis dahin nicht wahrgenommen hatte. Du gefällst mir. Mehr, als mir lieb ist. Die Sonne scheint, der Sommer meint es gut mit uns. Ich wünsche mir hundert Wiederholungen dieser Tage.


Oktober 2013. Rhodos. 

Nach viel Streit genießen wir die letzten Tage auf dieser wundervollen Insel. Ich lerne eine neue Seite an dir kennen. Wir haben Angst vor dem was kommt und wissen doch, dass es richtig ist. Ich verliebe mich und sie besucht uns an manchen Tagen. Meist huscht sie aber nur kurz vorbei. Sie ist zu schnell. Ich kann sie nicht richtig erkennen. Ich akzeptiere sie einfach. Sie ist ein Teil von dir.


Alltag. Hannover. Hamburg.

Wir geben uns ganz und gar dem Neuen hin. Wir genießen und entdecken. Wir lieben und lachen. Ich mag deine Unbeschwertheit. Bewundere deinen wachen Verstand. Fange an dich zu lieben. Jede Sekunde mit dir ist ein Geschenk. Ich bin glücklich. Endlich mal wieder. Du wirst zu meinem Gegenpol. Bist so anders als ich. Wir ergänzen uns. Ergeben ein schönes Ganzes. In die Welt möchte ich hinausschreien, dass ich angekommen bin. Kann mir alles vorstellen. Wir träumen gemeinsam. Schauen uns Wohnungen an. Fühlen uns wohl und sicher miteinander. Du strahlst und umgibst mich mit deiner Wärme. Wirst zum Sonnenschein in meinem Leben. Du faszinierst mich und erfüllst mein Leben.

Sie ist nur hin und wieder Thema und nimmt für mich durch unsere Gespräche immer mehr Gestalt an. Ich weiß aber, ich bin stärker. Sie ist schon alt, hat viele Jahre auf dem Buckel. Ich bin ein Krieger und nehme mir vor sie zu besiegen. Wir halten zusammen. Bilden eine Einheit. 

In dunklen Momenten kann ich beobachten, wie sie dich umgarnt und umarmt. In diesen Momenten schwindet der Glanz in deinen Augen. Bist in dich gekehrt. Stehst nur da. Mir lächelt sie ins Gesicht. Mit einem kräftigen Ruck schüttelst du sie meist ab.

Du nimmst Kampfunterricht. Hast einen scheinbar guten Trainer. Er kennt sie und kann sie gut einschätzen. Oft kommst du erschöpft nachhause. Ich bin mir sicher du wirst stärker. Sehe eine Entwicklung und traue dir alles zu. Ich fühle mich bestätigt in der Wahl unseres Weges. 

Wir feiern Weihnachten zusammen. Genießen uns. Lieben das gegenseitige Beschenken. Haben unsere eigene, heile Welt erschaffen. Tragen die gleiche Uniform und fühlen uns unkaputtbar. Gemeinsam stehen wir an der Front.

Das neue Jahr bricht an. Sie wirkt jetzt größer und übermächtiger, als je zuvor. Wir sprechen über sie und entwickeln Schlachtpläne. Sie steht im Hintergrund und lacht uns aus. Immer häufiger schläft sie in unserem Bett. Ich versuche sie zu verdrängen. Du akzeptierst ihren Schlafplatz. Insgesamt wirkst du schwächer. Ich sorge mich.

Du hasst sie. Ich auch. Aber sie ist dir vertraut. Vertrauter, als ich es dir bin. Sie schlägt zu. Immer häufiger. Ich versuche im richtigen Moment vor dich zu springen und so viele Angriffe wie möglich abzufangen. Möchte dir Schutz bieten. Bist du mir doch das Liebste. Verlasse ich deine Stadt, zieht sie bei dir ein. Sie klammert sich an dich. Mir sind die Hände gebunden. 

Wir schaffen es nur noch selten vor ihr zu flüchten. Sie nimmt dir jegliche Freude. Du bist viel damit beschäftigt sie loszuwerden. Sie ist gerissener, als du es bist. Sie nimmt dir deine Kraft.

Ich erschaffe ein Lazarett für dich. Nehme dich auf, wenn es zu schlimm wird. Versuche deine Wunden zu heilen. Immer häufiger fehlen mir die richtigen Medikamente.


Mai 2014. Mauritius.

Wir wollen sie Zuhause lassen. Abhauen und die Leichtigkeit zurückgewinnen. Kommen an im Paradies. Wunderschöner Bungalow. Sie sitzt bereits auf der Terrasse. Ich nehme sie kaum wahr. Du jedoch hast sie direkt gesehen. Dir stockt der Atem. Du versuchst tapfer zu sein. Sie beginnt mit uns zu essen. Sie liegt am Strand neben uns. Ich möchte, dass sie geht. Du bist nur noch ein Schatten deiner selbst. Wir führen viele Gespräche. Sie hat dich ganz und gar ummantelt. Sie spricht mittlerweile für dich. Ich probiere sie wegzudiskutieren. Möchte deinen Kampfgeist wieder wecken. Hoffe, dass sie dich loslässt. Ich will nicht aufgeben.


Alltag. Hannover. Hamburg

Wir sind verwundet. Ich verbinde meine Wunden und versuche sie zu verstecken. Möchte mich viel mehr um dich kümmern - dich beschützen. 

Ich möchte mit dir laufen. Weit weg. In eine Welt ohne sie. Sie manipuliert und verändert dich. Ich beobachte dich oft, wie du verwundet in deinem Bett liegt. Du blendest die Welt aus. Unsere Welt. Ich bin hilflos und möchte schreien. Möchte dich wieder zum Leben erwecken. Wir streiten viel. Du hast sie nun voll und ganz akzeptiert. Kannst mit meinem Kampfwillen nicht mehr umgehen. Brauchst Ruhe. Ich bringe Verständnis auf und hoffe auf Besserung. 

Wir schleppen uns durch Wochen und Monate. Führen nun eine Beziehung zu dritt. Die Liebe schwindet, die Kälte kommt. Versuche behutsam mit dir umzugehen. Sie fordert genug von dir. Ich halte mich im Hintergrund.

Die Einheit ist zerbrochen. Wir schießen aufeinander, anstatt auf sie. Sie führt dein Gewehr und du triffst mich immer häufiger. Meist mitten ins Herz. Ich vermisse meinen Sonnenschein. Sie lacht. Oft und laut und flüstert mir dann ins Ohr „Hast du tatsächlich geglaubt, du wärest stärker?“.

Ja- das habe ich geglaubt. Meine Wunden bluten immer stärker. Jedes Verbinden ist vergebens. Ich kann uns Beide nicht mehr am Leben halten. Ich muss mich entscheiden, welches Leben ich rette.

Entscheide mich für mich. Dich kann ich schon lang nicht mehr retten. Verlasse unsere Welt und lasse dich mit ihr zurück.

Gehe mit der Hoffnung, dass der nächste Krieger stärker ist. Mit dem Glauben, dass du es ohne sie schaffen kannst. Irgendwann.


Ich drehe mich noch mal um und sehe, dass sie mir zum Abschied winkt.


Sie.- Deine Vergangenheit.


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