JackBlack 16.03.2012, 17:40 Uhr 34 26

Showerdown (Reloaded)

Unseren ersten gemeinsamen Sohn nannten wir Ebertplatz, nach der U-Bahn-Station, wo wir ihn gezeugt hatten.

Kurz nach neun verschwand die Sonne hinter der einzigen Wolke, die sich in die Stadt getraut hatte. Durch das kleine Dachfenster über mir sah ich ihr beim Verstecken zu und hätte es ihr am liebsten gleichgetan.
Wenn man sich jedoch an einem der ersten Herbsttage in einem vier Quadratmeter kleinen Badezimmer befindet und Wasserdampf, Plastikfische und Schmerzen das Einzige sind, was den bedeutungslosen Augenblick ausmacht, gibt es keinen Ort, an dem man sich verbergen könnte. Ich seifte mich zum wiederholten Mal mit einer Hand voll Fa Energy Zone ein, von den Schultern bis zu all den Stellen hin, die mir noch erreichbar waren, aber das half weder gegen den Gestank noch gegen die Qualen, denen ich mich in den kommenden Stunden ausgesetzt sah.
Um meine Brüste machte ich mir Sorgen. Sie sahen so aus, als könnten sie jederzeit an einer oder gleich mehreren Stellen aufplatzen. Das Schlimme war, sie fühlten sich auch so an.
Im März hatte ich einmal geträumt, hochschwanger in einer dieser Röhrenwasserrutschen steckenzubleiben und einen Hirschbullen zu gebären.
Kein Hirschkalb, nein, einen ausgewachsenen Bullen mit einem prächtigen Geweih, das sich seinen eigenen Geburtskanal aus mir heraus grub. Bevor mich die Presswehen erschöpfen konnten, war ich glücklicherweise bereits tot. Mein vorletzter Gedanke war:
‚Wie bedauerlich! Jetzt gehe ich drauf und werde nie erleben, wie er seine ersten Sprünge tut‘.
Der letzte galt dem Penis seines Erzeugers, Hartmut.
Also, Hartmut hieß der ganze Kerl, sein Penis hatte keinen Namen. Obwohl Hartmut gepasst hätte.
Wir fanden es beide immer vollkommen bescheuert, Geschlechtsteilen Namen zu geben, als wären sie eigenständige Wesen, mit denen man sich auf eine Cola oder einen Kaffee verabreden kann. Oder die man fragt, ob sie zum Spielen rauskommen.
Es gab so viele Dinge, die wir bescheuert, lächerlich und überflüssig fanden. Waschlappen zum Beispiel. Eis mit Colageschmack. Duschgele mit dem Namen „Energy Zone“ oder „Icy Peppermintchoc“. Kondome. Babys.
Wahrscheinlich ist es im Leben sinnvoll, einige Dinge nicht gleichzeitig für idiotisch und überflüssig zu halten.

Unseren ersten gemeinsamen Sohn nannten wir Ebertplatz, nach der U-Bahn-Station, wo wir ihn gezeugt hatten. Hartmut hatte die Idee, als wir zusammen beim Sonntagsfrühstück saßen, Kaffee mit saurer Milch tranken und das erst nach der dritten Tasse merkten, weil wir beide so bekifft waren, dass wir uns zwei Stunden lang kaum mehr rühren konnten.
Bumsen und Nichtstun auf gutem Dope, das war für uns das Allergrößte.
Dass ich in anderen Umständen war, wussten wir damals erst seit wenigen Tagen.
„Die scheiß Milch flockt!“, sagte Hartmut irgendwann. „Ja.“
„Ich finde, wir sollten es in Holland wegmachen lassen.“ „Ja.“
„Weißt du, dass es mich irgendwie tierisch antörnt, dass du schwanger bist?“
Ich knöpfte mein Schlafhemd auf und hob ihm statt einer Antwort eine Brust entgegen. Er trat wortlos hinter mich, zog mich vom Stuhl hoch und bumste mich dann so heftig, dass alles, was auf dem Tisch stand, auf dem Boden landete.
Ebertplatz kam wenige Wochen später in einer Abtreibungsklinik in Arnheim zur Welt.
Gartenlaube folgte ihm etwa ein dreiviertel Jahr darauf.
Hartmut setzte mich vor der Klinik ab und holte mich zwei Stunden später vom Parkplatz ab.
Er war kein Typ, der Händchen hielt.

Klofick sollte der Abwechslung halber ein Mädchen sein, beschlossen wir.
Sie machte es uns einfach. Ich verlor sie nach einer durchzechten Nacht auf der Toilette eines Clubs.
Sie plumpste einfach so ins WC und ging dort langsam unter, wie ein schlafendes Püppchen in ihrem blutigen Nest aus Schwamm. Ich schickte ihr den Inhalt meines Magens hinterher, nicht wegen ihres Anblicks, sondern, weil ich schlicht zu viel gesoffen hatte.
Noch in derselben Nacht begannen die Alpträume.
Winzige, rosige Mäusebabys ertranken in meinem Wodka Kirsch, sanken zur Neige und zerstoben auf dem Grund des Glases zu einem dicken Flockenbrei. Ich saß an einem Bartresen, Hartmut neben mir.
Seine Hand lag wie ein nasses, krankes Tier auf meinem Knie und trommelte schwerfällig den Takt der Musik nach. Er grinste mich bekifft an. Seine Augen glänzten lüstern, sein Mund schmunzelte verzogen. Mir fiel auf, dass sein Kinn unnatürlich lang und breit war, er sah aus wie eine Karikatur des Jokers, der zum Spaß ein Lachen zwischen den aufgeblasenen Backen hin und her schob.
Als er seine Lippen schließlich entspannte, blitzte etwas Weißes dahinter hervor. Seine Zähne konnten es nicht sein, denn die hatten die Farbe von hellem Karamell. Er spitzte den Mund wie zu einem verwegenen Kinderkuss, holte einmal tief durch die Nase Luft und presste dann langsam ein Ei durch die Lippen. Das Ei brach auf, bevor es seinen Mund ganz verlassen hatte. Ein hellrotes Dotter fiel zu Boden und zerlief dort schwarz zu allen Seiten.
„Dein scheiß Wodka flockt.“, bemerkte Hartmut. Seine Stimme klang belegt und schmatzend, er lachte feucht und es stank.
Ich warf seine Hand von meinem Bein, sprang vom Barhocker und rannte, begleitet vom tosenden Applaus der anderen Gäste, zur Tür hinaus. Ich rannte und schrie dabei stumm gegen alles, was da war, rannte und rannte, bis ich keuchend neben Hartmut erwachte.

Zuerst stupste ich ihn zögerlich an, um ihn zu wecken. Er maulte nur und rollte sich zusammen. Ich schlug ihm sachte gegen die Schulter, zog an seinen Haaren, quiekte und heulte, erst verhalten, dann laut wie jemand, der stirbt. Zuletzt trat ich gegen seinen Rücken und Hintern wie gegen einen besiegten, toten Hund.
Seine Faust traf mich an der Nase. Es fühlte sich an, als schöbe sich ein Knochen unter mein Auge. Ich schrie, dann weinte ich. Strampelnd lag ich in seinem Bett. Etwas Warmes lief mir über die Wangen. Ich weinte noch mehr. Es tat weh.
Plötzlich war Hartmut über mir. Seine Pobacken umschlossen meinen Hals, er schlug seinen Penis gegen meine zertrümmerte Nase.
„Weißt du eigentlich, dass es mich tierisch antörnt, wenn du heulst?“
Er kletterte tiefer, schlug sich zwischen meine Beine und vögelte mich so schnell und lose wie der anrückende Irrsinn selbst es getan hätte.

Am nächsten Morgen erwachte ich in getrocknetem Blut. Hartmut stank.
Mein rechtes Auge ließ sich nicht öffnen. Mein Gesicht fühlte sich an wie ein einziges Brennen. Der tiefer liegende Schmerz war pochend und dumpf, erkaltende Lava, die gegen Stein schlug.
Luft bekam ich nur durch den Mund.
Ich stand auf, wankte ins Bad und sah lange in den Spiegel. Meine Nase war verrutscht, mein Auge zu einer fleischigen Frucht geschwollen. Überall klebte Speichel und Blut. Mein Gesicht war kein Gesicht, sondern ein Überrest menschlicher Würde, der sich selbst Grimassen schnitt.
Ich hätte gerne geweint, aber ich wusste, Weinen würde wehtun. Also ließ ich nasse Kälte aus dem Hahn laufen. Über meine Hände, über mein Gesicht. Etwa eine halbe Stunde lang.
Danach ging ich in die Küche und setzte Kaffeewasser auf.
Der Tag verging wie die Wochen und Monate, die darauf folgten.

Hartmut verlor nie auch nur ein einziges Wort über den nächtlichen Vorfall. Er sah teilnahmslos in meine Wunden, er sah teilnahmslos auf die Krusten, sein Blick ertrank im Kaffee und er wurde aus nichts schlau.
Ich schämte mich zuerst meiner, dann seiner Existenz, ich verfluchte so vieles und blieb doch ganz still, bis zu dem Tag, an dem er mich komisch beäugte und sein leerer Blick voller Fragen war.
„Irgendwas stimmt nicht mit dir.“
„Was sollte denn nicht mit mir stimmen?“
Er überlegte lange.
„Du bist anders, seit Wochen schon. So bedächtig, so komisch ruhig. Du führst doch was im Schilde, ich merk das ganz genau.“
„Ich bin schwanger.“
„Scheiße, schon wieder? Langsam geht das ins Geld, weißte das?“
„Ich bin Anfang des fünften Monats.“
„Leck mich am Arsch, erzähl doch keinen Unsinn! Das hätte ich doch gemerkt.“
„Was merkst du denn schon?“
Er stand auf und fasste mir um den Bauch.
„Scheiße, bist du denn verrückt? Bist du völlig bescheuert? Willst du mich verarschen?“
Dann, nach ein paar sachkundigen Griffen: „Scheiße, du brütest ja wirklich was aus!“
Immer war alles scheiße.
Er wirbelte mich herum, ich sagte nichts. Er knallte mir eine. Ich sah ihm dabei in die Augen.
„Und?“, fragte ich, „Wo ist das Problem? Wir sind doch jedes dritte Wochenende in Holland.“
Es dauerte eine Weile, bis meine Worte bei ihm ankamen. Er ließ mich los, grinste und murmelte, während er sich wieder setzte: „Du bist ein durchtriebenes Luder.“
„Ja.“
Ich lächelte. Es fühlte sich krank an.

Eine gute Woche später setzte er mich vor der Klinik ab.
„Zigarette?“, fragte er zwei Stunden später. Ich ließ mich auf den Beifahrersitz fallen, erschöpft.
„Klar.“
Ich rauchte das Ding in zehn Zügen weg.
Am ersten Rastplatz in Deutschland hielt er. Zum bewährten Erleichterungspinkeln.
„Kommst du mit?“ Ich schüttelte den Kopf. „Willst du nen Kaffee oder ne Cola?“ Wieder verneinte ich.
„Okay.“ Wir knutschten ein bisschen, wie immer.
Als er wiederkam, ließ ich meine Füße aus dem geöffneten Fenster hängen. Er kitzelte sie.
„Mann, ist die Welt bescheuert.“, sagte er.
Wir fuhren eine Weile bei lautem Radio, bis der Empfang schlecht wurde. Hartmut drehte es leiser, dann aus.
Gute zwei Kilometer lang schwiegen wir, bis er ein Thema fand, das belanglos genug für uns war.
„Timo dreht völlig ab.“
„Ja?“
„Scheiße, er meinte letztens so zu mir, er würde wieder die Schulbank drücken. Abendgymnasium, Abitur nachholen und so. Total gaga in der Birne, der Kerl. Warum er so‘n Scheiß macht, hab ich ihn gefragt. Weißt du, was er geantwortet hat, der schwule Sack? Wahnsinn würde auf Dauer langweilig werden. Da hab ich ihm gesagt, dass Verrücktheit ja wohl der beste Indikator für geistige Gesundheit ist. Scheiße, was bleibt uns, wenn wir nicht ab und an mal ein bisschen ausflippen können?“
„Nichts“, sagte ich und streckte die Beine in den Fußraum aus, „Typen wie Timo machen mir Angst.“
Hartmut grunzte zufrieden.

Sechzig Kilometer darauf kamen wir zu Hause an. Mein Kreislauf war schwach, Hände und Füße eiskalt. Hartmut schob mich die Treppen hoch. Ich fiel bäuchlings ins Bett, er schnüffelte an meinem Hintern.
„Du riechst gut, wenn du clean bist.“
Er küsste mich in den Nacken und verschwand in die Küche.
Es ist verrückt, wie normal einem der Wahnsinn werden kann, wenn er nur alltäglich genug ist.
Es vergingen keine zwei Wochen und ich kaufte mir ein Mieder.
Ich gab mir Mühe, genauso schlecht auszusehen, wie ich mich fühlte. Ich lag fast den ganzen Tag lang im Bett, schlief auf Büchern ein, die ich nicht las, ließ mich vom Fernsehprogramm berieseln und stellte mich schlafend, wenn Hartmut nach mir sah.
Wir sprachen kaum noch miteinander. Wenn er mit mir schlafen wollte, drückte ich mir ein Kissen vor den Bauch und schob ihm meinen Po entgegen. Ihm schien das Recht zu sein. Ein einziges Mal hielt er mittendrin inne und stellte fest: „Mann, du bist ganz schön verschlissen. Du fickst dich wie eine alte Matratze.“
In den darauffolgenden Tagen kam er immer erst spätnachts nach Hause. Sternhagelvoll und stinkend nach Bier, Schweiß und fremden Muschis. Montag wünschte er mir einen guten Morgen, Freitag eine gute Nacht.

Am Wochenende regnete es pausenlos. Ich war allein, dämmerte tagsüber vor mich hin und stand nachts am Fenster, um der Stadt beim Einnässen zuzusehen. Hartmut rief einmal kurz an: „Ich bin in Hamburg, mit ein paar Leuten. Montag oder so komm ich zurück.“
Ich badete drei Stunden lang, danach packte ich meine Sachen.
Sonntagnachmittag traf ich mich mit Timo im Park. Wir setzten uns auf eine der Bänke und er hielt uns beide unter seinem Regenschirm fest, während ich erzählte, mit ganz dünner, belegter Stimme.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“, sagte er, als alle Worte aus mir gelöst waren.
„Ich weiß nicht, was ich tun soll. Kannst du mir nicht helfen?“
„Wie?“
„Hilf mir, meine Koffer aus der Bude zu tragen. Jetzt gleich. Nimm mich mit zu dir, lass mich eine Weile bei dir wohnen. Nur so lange, bis ich einen Plan hab. In seiner schrecklichen Wohnung krieg’ ich keinen klaren Gedanken zusammen.“
„Es ist auch deine Wohnung.“
„Nein. Alles, was sich darin befindet, gehört ihm. Genau das ist mein Problem.“
„Früher oder später wird er dich suchen.“
„Aber nicht bei dir. Er hält dich für abgedreht und mich für jemanden, der dich für verrückt hält.“
„Er hält mich für abgedreht? Mich?“
„Er hält jeden für abgedreht, der jenseits seines Alptraums wohnt.“
Timo sah mir lange in die Augen, dann wanderte sein Blick über meinen eingeschnürten Bauch.
„Versteh mich nicht falsch, aber was ist mit einem Frauenhaus? Die sind doch da spezialisiert auf Fälle wie dich.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Da würde er zuerst nach mir suchen, glaube ich. Jedenfalls würde ich mich nicht sicher fühlen. Außerdem will ich mich nicht befreien, um mich irgendwo anders wieder einsperren zu lassen.“
Er überlegte kurz, nickte.
„Also schön, du hast bei mir auf unbestimmte Zeit Asyl.“

Bei Timo ging es mir schnell besser.
Die Normalität eines Toasts mit Nutella, die Normalität eines Menschen, der beim Frühstück mit dem Fuß wippte, während er in eine Kniffte biss und in der Zeitung blätterte, weckte in mir die Hoffnung auf Zukunft. Aus der unbestimmten Zeit wurden viele Wochen, die meisten davon waren heiter, fast unbeschwert.
Timo und ich saßen nachmittags zusammen, im Schneidersitz, vor seiner Anlage im Wohnzimmer, hörten Musik, spielten Gitarre.
„Die Gitarre steht dir gut.“, sagte er und ich war ihm dankbar dafür, dass er mich zum Lächeln brachte.
An einem Donnerstag kam er spät nach Haus, ich lag auf meiner Couch und las ein Buch. Ich las nicht nur an den Buchstaben vorbei, sondern lief durch die Geschichte. So vertieft, dass ich mich erschrak, als Timo plötzlich neben mir kniete, sein Kinn auf meine Brust legte und zu mir hoch sah.
„Lass dich nicht stören.“, sagte er, doch er tat es natürlich.
Seine Nähe und jede intimere Form von Körperlichkeit machte mich nervös. In Retter verliebt man sich schneller, als man den Verstand einschalten kann. Ich fasste ihm an die Stirn, spielte mit seinen Locken. Er lächelte und fragte:
„Gefällt dir das?“ „Ja.“
„Warum?“
Ich überlegte lange. „Weil es zärtlich ist. Zärtlichkeit geht nie zu weit. Ich glaube, das macht Zärtlichkeit aus.“
Er verharrte in seiner Position, bis ich meine Hand sinken ließ.
„Ich gehe jetzt schlafen.“, sagte er, tat es und es wurde Freitag.

Das Wochenende gehörte uns. Er las mir aus seinen Arbeiten vor. Zwischendurch aßen wir Toast. Tranken Milch. Er erzählte viel. Aus seiner Kindheit, von Fröschen und Schnecken, von Wunden und deren Heilung. Von seinen Schwestern und der Beerdigung seiner Mutter, von Turnstunden, den letzten Kaugummiautomaten und seiner ersten großen Liebe.
„Warum erzählst du nichts?“, fragte er am Sonntag, während er meine Hand hielt und mir immer wieder auf den Bauch schielte.
„Weil da nichts ist.“
„Nichts ist nur ein anderer Ausdruck für alles.“ „Und“, fügte er hinzu, „du solltest lernen, zuerst deinen Geist und dann erst deinen Körper zu öffnen.“
Am Montag schliefen wir miteinander. Weil ich es wollte. Weil er es verdient hatte. Weil ich anders nicht herausfinden konnte, wie ernst er es mit mir meinte.
„Ich fühle mich scheiße.“, sagte er, nackt und anders neben mir liegend.
Scheiße. Da war sie wieder. Irgendwie gehörte sie zu meiner Familie. Ich sagte nichts, ich atmete bloß in die Dunkelheit.
„Wie fühlst du dich?“, fragte er. „Sag mir die Wahrheit!“
„Leer.“ Er stand auf, ich wollte ihm nachfassen, er ließ mich nicht.
„Genau das“, sagte er, „ ist dein verdammtes Problem. Bevor du dich traust, etwas zu fühlen, ertaubst du.“
„Aber ich kann doch nichts dafür, wenn ich mich so fühle!“
„Nein?“ Er drehte sich um. „Wer denn dann?“

Am nächsten Morgen betrachtete ich mich im Spiegel. Mein Gesicht, meinen Bauch. Beide redeten zu mir, aber ich hörte nicht hin, ich schwieg beharrlich gegen alles an. Dafür hasste ich mich. Mein Bauch war eine hübsche Kugel, rund wie ein Ball. Das Baby machte sich klein, weil ich ihm keinen Platz geben wollte. Wenn ich weite Oberteile trug, konnte man uns beide glatt übersehen.
Es vergingen weitere Wochen. Timo behandelte mich kühl. Hartmut hatte ich fast vergessen. Toastbrot hing mir mittlerweile zum Hals raus. Manchmal saß ich mittags stundenlang in der Küche, die Gitarre wie ein Cello zwischen meine Beine gepresst, und zupfte die Töne lang. Ich überlegte mir Namen für das Baby in meinem Bauch, richtige Namen, klangvolle Namen. Namen, die zu jemandem passen würden, der ein gutes Leben hat. Der autoritär ist, sich durchsetzen kann, ohne Gewalt anzuwenden.
„Meinst du nicht, du solltest zum Arzt gehen?“, fragte Timo mich irgendwann.
„Wieso sollte ich?“
„Na, weil das wichtig ist. Die ganzen Vorsorgeuntersuchungen. Damit du weißt, ob es dem Baby gut geht. Wann der Geburtstermin ist.“
„Muss man so was wissen?“, fragte ich. Es klang gleichmütig, war aber ehrlich gemeint.
„Ich mache mir Sorgen um dich. Wirklich echte Sorgen.“
Ich lächelte. Wenn Leute dir sagen, dass sie sich ernsthaft um dich sorgen, meinen sie in Wirklichkeit, dass du dich ändern sollst.
Timo beobachtete mich eine Weile, dann platzte es wütend aus ihm heraus:
„Wieso, verdammte Scheiße, sitzt du bloß dumm da wie eine brütende Henne? Worauf wartest du?“
„Auf das Baby. Ich stelle mir vor, wie die Wehen einsetzen, vielleicht mitten in der Nacht. Wie ich dich dann wecke und wie wir zusammen zum Krankenhaus fahren.“
Er seufzte hart.
„Falls du es noch nicht gemerkt haben solltest: dies ist die Realität. Es wird nicht irgendwann ein Abspann laufen und du kannst dich aus deinem Sessel erheben und nach Hause gehen. Du hast nicht einmal ein Zuhause!“
„Ich kann doch mit dem Baby hier sein, zumindest ein paar Wochen. Danach finde ich schon was.“
Er schüttelte seine Locken.
„Du musst zu einer Beratungsstelle gehen. Pro familia, was weiß ich was. Denen deine Situation erklären, damit man dir helfen kann. Gelder zu beantragen, für das Baby. Du brauchst doch Sachen für das Kind. Kinderwagen, Bettchen, Anziehsachen, Fläschchen, Windeln, den ganzen Kram halt. Wo meinst du, soll das bitteschön herkommen? Denkst du, das regnet vom Himmel?“
Ich schwieg und starrte auf meinen dicken Bauch, in dem sich alles Leben befand, das ich noch spüren konnte.
„Glaubst du, er vermisst mich?“
Timo stand auf, stellte sein Geschirr in die Spüle, hielt den Schwamm unter den Wasserkran, warf und traf mich damit am Hals.
„Peng.“, sagte er, trocknete sich die Hände ab und verließ den Raum. Ein paar Minuten später hörte ich, wie die Tür ins Schloss fiel.

„Norenberg.“, meldete sich Hartmut.
Ich brachte kein Wort heraus.
„Hallo?“
Ich atmete tief ein und aus. Kränklich. Auflegen wollte ich, tat es aber nicht.
„Ich bin’s.“ Schweigen. Dicht, dass es sich wie ein Stöpsel in die Ohren setzte.
„Was willst du?“
Seine Stimme klang so abweisend, dass ich zu heulen anfing.
„Bitte“, rotzte ich ins Telefon, „bitte hol mich hier raus! Bitte!“
„Wo steckst du?“
„Bei Timo. Kannst du mich abholen? Kannst du bitte kommen und mich abholen? Ich halt es hier nicht mehr aus.“
Hartmut lachte auf.
„Scheiße, hätte ich mir ja denken können“, sagte er, „Verrückte gehen immer zu Verrückten.“
„Es tut mir Leid!“, stammelte ich. Die Tränen brannten auf meinen Wangen. Ich flennte, bis er überredet war.
„Ich bin unterwegs.“

Ich saß lange da, in der düsteren Diele im Schneidersitz, knibbelte mir die Unterlippe blutig und glaubte der Stimme in meinem Kopf, die mir sagte, dass nun alles wieder gut werden würde. „Alles kommt in Ordnung.“, sagte ich zu mir und dem Bauch. Ich wiederholte es so lange, bis ich mich in der Lage fühlte, aufzustehen und ins Bad zu gehen. Ich hatte das Bedürfnis, mir das Gesicht zu waschen, mir kaltes Wasser über die Handgelenke laufen zu lassen, um die Hitze und das Schreien aus mir zu vertreiben. Das Geräusch des fließenden Wassers hatte etwas Hypnotisches. Ich sah und hörte ihm zu, wie es aus dem Hahn herausschnellte, auf meine Haut prasselte und mit gurgelndem Echo im Ausguss verschwand. Fast beneidete ich es.
Dass sich der Schlüssel in der Wohnungstür drehte, hörte ich nicht. Als Timo mir seine Hand auf die Schulter legte, schrie ich vor Schreck laut auf. Ich sprang zur Seite, stolperte über den Badvorleger und schaffte es gerade eben noch so, meinen Körper ins Gleichgewicht zu rudern. Völlig fertig ließ ich mich auf den Badewannenrand plumpsen. Ich hechelte und winselte wie ein gejagter, in die Enge getriebener Hund.
Timo hockte sich vor mich hin, nahm meine kalten, nassen Hände in seine warmen und sagte:
„Entschuldige bitte. Ich wollte dich nicht erschrecken. Und es tut mir leid, dass ich den blöden Schwamm nach dir geworfen habe. Das war bescheuert von mir. Manchmal vergesse ich, wie allein du dich fühlen musst. Dass du einfach nur Angst hast.“
Er streichelte mir über die Wange, starrte auf meine nackten Füße.
„Du zitterst ja.“
Er klappte den Klodeckel herunter, hob mich hoch und platzierte mich auf dem Plastikthron, in dem viele bunte Fische gefangen waren wie Käfer in farblosem Bernstein. Er verstöpselte die Badewanne und drehte den Hahn auf. Nun prasselte das Wasser in Stereo. Es lief durch meinen Kopf.
„Ich lasse dir ein Bad ein, das wird dir gut tun. Danach bringe ich dich ins Bett und wir trinken uns einen Tee. Ich habe dir deine Lieblingskekse mitgebracht.“
 
Ich verstand, was er sagte und verstand es doch nicht. Es war, als ginge mich die ganze Szene nichts an. Ein Teil von mir wollte mich aufrütteln, mich sagen lassen, dass ich Mist gebaut hatte, wieder einmal. Aber ich sagte nichts. Ich sah nur ruhig dabei zu, wie sich die Wanne mit immer mehr Wasser und Schaum füllte, sah zu, wie die kleinen Seifenblasen knisternd zerplatzten. Timo drehte den Wasserhahn am Spülbecken aus. Er legte mir ein großes Badehandtuch bereit. Er gab mehrere Tropfen eines ätherischen Öls ins Badewasser, das nach Orangen duftete. Ich beobachtete, wie der Badezimmerspiegel ganz leicht beschlug.
Dann ging plötzlich die Wohnungsschelle. Es war keine Schelle, die freundlich läutete, sondern eine, die gefährlich summte wie eine elektrische Säge.
Timo ging arglos zur Tür. Ich wollte ihm hinterherrufen, er solle um Himmels Willen nicht öffnen, aber ich blieb stumm. Mit zusammengepressten Lippen starrte ich auf den schäumenden Wasserstrahl, maß die Zeit, die verging, nicht in Sekunden, sondern in Millilitern. Die Ruhe vor dem Sturm, sie war so geräuschvoll, so präsent, dass sie fast sichtbar schien. Einen kurzen Moment lang schloss ich die Augen.

Das Donnerwetter brach los, ohne dass vorher Worte fielen.
Timo segelte an der Badezimmertür vorbei, so schnell wie ein geworfener Schneeball. Ich hörte, wie er gegen die Flurkommode prallte, dann sah ich Hartmut direkt ins Gesicht. Da war keine Regung in ihm, nur ein eiskalter, durchbohrender Blick.
„Ich glaub es nicht!“, brüllte er los. „Die kleine Hure hat sich einen Braten in die Röhre schieben lassen. Pfui Teufel!“ Er spuckte auf den Boden.
„Warst du das, Arschloch?“, fragte er in Timos Richtung. Es kam keine Antwort, nur ein ersticktes Murmeln.
„Scheiße, du Wichser, ich rede mit dir!“
Er trat aus dem Bild und ich hörte, wie er auf Timo einprügelte. Der Garderobenständer fiel mit einem gedämpften Knall zu Boden. Es rumste und polterte, ich vermutete, Hartmut drosch Timo immer wieder gegen die Kommode und gegen die Wand. Gegenstände schepperten aneinander und fielen zu Boden.
„Ich prügel dir die Scheiße aus jeder Pore, du kleiner verlauster Scheißer!“
Einmal hatte ich dabei zugesehen, wie Hartmut jemanden mit seinem Armeemesser bedrohte und dann brutal zusammenschlug, an dem er sich bloß ein wenig abreagieren wollte. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er jemanden zurichten würde, den er zu bestrafen gedachte.
Für die Dauer weniger Liter wurde der Kampf leiser, Augenblicke vergingen, in denen ich nur das Fließen des Wassers hören konnte. Die Badewanne war fast voll, jemand würde den Hahn zudrehen müssen.
„Mach doch keinen Scheiß, Alter, mach bloß –“
Es war Hartmuts aufgeregt klingende Stimme, die mitten im Satz erstarb. Ich lauschte angestrengt in den Flur, doch es blieb still. So still, dass sich mein Magen zusammenzog und mir der Schwindel das Rückgrat hinauf kroch. Plötzlich war mir speiübel.
Wie in Zeitlupe erhob ich mich, beugte mich über die Wanne und drehte das Wasser ab.
Dann ließ ich mich zurück auf die Fische fallen. Mir war kalt, aber ich fror kein bisschen. Meine Haut war so weiß und glatt wie Papier.
Ich wartete. Auf ein Geräusch. Ein Stöhnen, ein Räuspern, irgendwas.
Das Baby trat mir gegen die Bauchdecke. ‚Dina’, dachte ich. ‚Vielleicht nenne ich sie Dina, nach meiner Großmutter. Und wenn sie ein Junge ist, wird sie keinen Namen haben. Dann wird sie ein Fisch sein, den niemand rufen muss. Nass und stumm und schwimmend.‘

Ich weiß nicht, wie lange ich auf der Toilette saß und abwechselnd vom abkühlenden Wannenwasser in die stille Düsternis des Flurs starrte. Eine halbe Stunde vielleicht, möglicherweise nur ein paar Minuten. Ich konnte nicht aufstehen und nachsehen. Ich wollte, aber ich konnte nicht. Vielleicht auch umgekehrt.
Endlich rührte sich etwas. Jemand stöhnte leise. Dann hörte ich, wie sich ein Körper an der Wand entlangschob. Langsam, wie eine riesige verletzte Schabe.
Zitternd beobachtete ich die Tür. Das Kreuchen kam näher. Eine Hand fasste schließlich um den Türrahmen. Sie zog eine Bewegung hinter sich her, dann ein Gesicht. Vielmehr das, was davon übrig war. Der Kiefer schien verrenkt, die Stirn deformiert, das linke Auge war zugeschwollen und hing wie eine seltsame Geschwulst neben der Nase. Das rechte Auge war unversehrt. Es starrte mich an wie drei.
Timo stolperte auf mich zu, die Arme ausgestreckt, die Beine in einem ungelenken Halbspagat. Er fasste nach dem Duschvorhang und hielt sich daran fest wie an einem Seil. Das Messer, das er fest umklammert gehalten hatte, fiel zu Boden.
Sein Mund öffnete sich, um etwas zu sagen, aber es kam nur blutiger Schaum. Ein Schneidezahn fehlte, der andere war abgebrochen.
„Ghhhuuuuuu!“, ertönte es aus den Tiefen seines Schlundes. Feine Blutspritzer flogen aus seinem Rachen, setzten sich auf den Wannenrand, fielen auf die verbliebenen Inseln aus Badeschaum.
Seine linke Hand löste sich vom Vorhang, hob sich und blieb einen Augenblick lang unentschlossen in einem komischen Winkel stehen. Dann streckte er seinen Arm zu mir, schob den Zeigefinger nach vorne und brach in hysterisches Gelächter aus. Es klang wie das Quaken eines Frosches, dem ein kleiner Junge das Fliegen beigebracht hatte, aufgespießt von einem Dartpfeil, der nur auf den nächsten Wurf wartete.
Timo lachte immer noch, als sich der Duschvorhang mit einem lauten Klacken aus der Schiene löste und mit ihm in die Wanne stürzte. Sein Kopf und sein Rumpf gingen unter wie eine Schnecke, die ein kleiner Junge an einen Backstein gebunden und in einen Teich geworfen hatte, schnell und ohne Gegenwehr. ‚Er ertrinkt.’, dachte ich und zwei Minuten später dachte ich das immer noch.

Unter mir schwammen die stillen Fische. Minuten vergingen, wurden zu Stunden. Erst als das Licht fahler wurde und sich der Abend ankündigte, konnte ich mich endlich rühren.
Hartmuts Körper lag ausgestreckt, bäuchlings und tot auf dem Dielenboden. Sein weißes T-Shirt war rot. Ich stieß ein paar Mal mit dem nackten Fuß gegen seine Hüfte. Es war ein eigenartiges Gefühl, eine Leiche zu berühren. Meine Haut lief davor weg. Selbst das Baby wurde unruhig. Es drehte sich in meinem Bauch wie in einer Waschtrommel.
Ich lief ins Schlafzimmer, griff mir auf dem Weg dahin die Gitarre, setzte mich aufs Bett und spielte meine laienhafte Version von Nothing Else Matters, bis die Dunkelheit nicht mehr dunkler und die Nacht nicht mehr später werden konnte.
Danach wurde es nicht nur ruhig, sondern still. Stille ist, wenn man die Ruhe für sich alleine hat. Das war an diesem Abend auch umgekehrt. Ich war mir geblieben. Ich konnte warten. Und nichts anderes zählte.
Am nächsten Morgen stellte ich zuallererst das Radio an. Dann kochte ich mir einen Tee, aß ein paar der Kekse, die Timo mir mitgebracht hatte, legte mich wieder ins Bett und wartete auf Regen. Irgendwann am Nachmittag stand ich auf, schaltete das Radio aus und nahm mir ein Bier aus dem Kühlschrank.
Abend und Nacht vergingen ohne Niederschläge und auch die nächsten Tage blieben trocken. Es wurde noch einmal richtig warm, die Menschen auf der Straße trugen fast nur Haut. Ich wollte keine mehr tragen. Gar nichts mehr tragen wollte ich.

Aus dem Wohnungsflur drang leichter Verwesungsgeruch in alle Räume. Am Ende der Woche war er so beißend, dass ich mich den ganzen Tag lang übergab. Ich hatte mich nur von Tee, Bier und Keksen ernährt und merkte, wie anfällig und kraftlos mich das machte.
In Timos Schlafzimmerschrank fand ich drei Decken und ein altes, zerknittertes Sonnensegel. Ich warf alles über Hartmuts Kadaver, dann machte ich mit allem weiter, was die Wohnung an Stoffen hergab. Sämtliche Duftwässerchen und Reinigungsflüssigkeiten entleerte ich über dem Haufen. Danach öffnete ich alle Fenster. Der Gestank ging davon nicht weg, verlor aber wenigstens seinen Biss.
Timos Körper schwamm bis zu den Hüften in der Badewanne. Ich bandagierte meine Hände mit einer Rolle Klopapier und zog ihn dann an den Knöcheln aus dem Wasser. Zu Lebzeiten hatte er keine siebzig Kilo auf die Waage gebracht, aber ich konnte seinen Körper trotz größter Anstrengung nur zentimeterweise bewegen. Wäre er nicht mit halbem Oberkörper auf den Badvorleger gefallen und noch ein wenig in den Duschvorhang eingewickelt gewesen, hätte ich ihn aus eigener Kraft nicht aus dem Bad schleifen können.
Als er schließlich in der Diele lag und ich mich hechelnd am Türrahmen abstützte, begann das Baby in meinem Bauch zu schreien. Ein sägender Schmerz setzte sich wie ein Echo in meinen Eingeweiden fort und erstarb dann so prompt, wie er gekommen war.
Ich ließ das schlimme Wasser aus der Badewanne, riss mir die behelfsmäßigen Bandagen von den Händen und spülte dem Tod mit heißem Wasser aus dem Duschkopf hinterher. Dann reinigte ich alles mit Schwamm und Scheuerpulver, so lange, bis mir fast die Finger bluteten.
Das Baby schrie dazu. Seine kleine Stimme vibrierte in meinem Unterleib. Es würde nicht mehr einschlafen. Es atmete heiß gegen meinen Magen. Es verschlang mich von innen.

Ich trug uns ins Bett. Der Schmerz kam in Wellen. Auf seinem Höhepunkt schob ich mir ein Kissen in den Mund und biss mit ganzem Kiefer dagegen an. So lag ich da, wimmernd, weinend und mich krümmend, während sich die Dämmerung, dann die Dunkelheit zu mir gesellte. Ich schlief nicht, aber ich träumte. Von Fischen mit riesigen Geweihen, die mich zerschnitten und durchspießten, die mir durch die Bauchdecke trieben wir durch gegartes Fleisch. Der Morgen schlug mich wach, bevor es hell wurde. Warmes Wasser lief aus mir heraus, brannte mir zwischen den Beinen und stank nach verdorbenem Räucheraal. Die Fäulnis war um mich herum und in mir drin, das Baby brüllte um sein Leben und ich stellte mir tausend kleine Münder an seinen Kiemen vor, die so weit aufgerissen waren, dass man nur noch in schlagende Dunkelheit sah.
Als es hell genug war, kroch ich auf allen Vieren ins Bad, am stinkenden Haufen vorbei, durch getrocknete Spuren von Blut und Speichel. Ich kroch über Timo hinweg wie eine fette Schnecke. An der Badewanne angelangt hatte ich das Gefühl, der gellende Schmerz ginge über in einen stumpfen. Ich konnte den Kopf des Babys spüren, wie er sich tiefer in mein Becken bohrte, wie die blinden Augen dem Licht entgegenzuckten, wie es der schrecklichen Welt immer näher kam.
Einen Augenblick später wurde plötzlich alles stumm. Eindringlich unbewegt und intensiv, wie die Minuten, die ein Orkan zur letzten Sammlung braucht.

Ich hängte den Duschkopf auf, drehte das Wasser an, zog mir mein nasses Nachthemd über den Kopf und stieg in die Wanne. Das Wasser war heiß, so heiß, dass es mir im Nu die Haut verbrannte. Meine Brüste wurden rot wie die Panzer von Hummern. Ich sah aus dem kleinen Fenster in den blauen Himmel und stellte mir Wolken vor. Weiße, in sich verdrehte und verzwirbelte Wolken, die leichter waren, als irgendetwas wiegen konnte.
Einen Augenblick lang zählte nur dieser Moment.
Mit einem Mal kam der Schmerz mit aller Macht zurück. Ich ging in die Knie und spuckte zähen Schleim. Die Welle überlief mich, während ich sie zerschrie. Sie ebbte ab und ich hatte keinen Atem mehr. Mein Kopf war völlig leer. Die Wehen gruben mich aus. Sie gruben mich aus mir heraus. Sie brachten mich zu den Fischen. Alles stank entsetzlich. Nach Blut, nach Tod, nach Leben.
Ich griff mir das Fa und salbte mich damit ein, rieb und kratzte es in meine Haut. Rieb es mir über die schmerzenden Brüste, schlug es mir an den schlimmen Bauch. Ich hämmerte mit den Fäusten gegen die Kacheln, ich schlug mir die Stirn daran auf. Nichts half. Nicht einmal mein Schreien.

Irgendwann hockte ich mich hin. Hielt die Hand vor meine Scheide und fühlte etwas Hartes.
Ich schrie und drückte mit aller Macht heraus, was da in mir steckte. Blutiges Wasser lief an meinen Füßen vorbei. Das Baby steckte in mir fest, es steckte mit ganzem Geweih in mir fest und übte das Atmen, während es brüllte und trat und seine Kiemen spreizte.
Es brach aus mir hervor. Ich spürte und hörte, wie mein Fleisch riss. Ich fühlte einen Kopf und wie sich der Rest dahinter schmal machte. Noch einmal kam der Schmerz, noch einmal zog er mich auseinander, dann schoss der Körper aus mir heraus. Blutig, unwirklich und über und über mit schleimiger Kreide überzogen. Das Mäulchen zu einem übenden Zittern verzogen, blass und dämlich, zwischen den Beinchen ganz sein Vater.
Ich drehte mich um und schob den Stöpsel in den Abfluss. Das heiße Wasser fiel in langsamen Litern, aber es fiel. Ich erhob mich, wühlte in der Pflasterkiste nach einer Schere, fand sie und zerschnitt damit blind die Nabelschnur.

Dann brachte ich dem Fisch das Tauchen bei.

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34 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ohaaa... hab mich beim Lesen an der Kippe verbrannt...

    20.06.2012, 10:34 von proseccoherzumir
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    >>Stille ist, wenn man die Ruhe für sich alleine hat.<<

    Dieser und andere Aphorismen haben mich wirklich beeindruckt. Generell ist die Geschichte mir aber sichtlich zu düster und resignativ erzählt. Auch verwirrend finde ich den Aktionismus der Protagonistin, der im letzten Abschnitt einzusetzen scheint. War sie doch unentwegt den Geschehnissen machtlos ausgeliefert gewesen, so beteiligt sie sich dann aber doch effektiv bei der Beseitigung des kleinen Fisches.

    29.03.2012, 11:47 von JohnMoody
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    Da isser ja wieder.

    Ps.: die Bilder von Einst fand ich schon ganz gut platziert. Schad, dass er diesmal ohne auszukommen hat.

    22.03.2012, 05:06 von Blackend
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  • 0

    Und wieder ein Aufsatz ueber eine Schlampe.  Scheint  dich irgendwie zu fesseln ? :-)

    Wenn die Texte doch etwas kuerzer waeren, ich wuerde viel mehr von dir lesen.  So aber reichen mir erst einmal die letzten drei.

    20.03.2012, 02:50 von steam
    • 2

      "Schlampen und andere Fesselspiele."
      Schnittiger Buchtitel. :-)

      20.03.2012, 13:21 von JackBlack
    • 0

      hihi, jau. 


      Als Zusatz:  Einschneidende Erlebnisse !

      20.03.2012, 13:37 von steam
    • 0

      Kapitel eins:
      Gefangen im Frauenzimmer - wie die Knoten in meine Zunge kamen.

      20.03.2012, 17:21 von JackBlack
    • 0

      lass uns  kooperativ ein Buch schreiben.


      Kapitel zwei:

      Die Loesung:  Alexander schlaegt zu. 


      20.03.2012, 17:30 von steam
    • 0

      Kapitel drei:

      Die Losung: Alexandra schlägt auf.

      20.03.2012, 18:57 von JackBlack
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  • 2

    Du kannst schreiben. Ich kann lesen.


    Eine ganz wunderbare Disziplin darin. Ich geh' wieder spielen jetzt und verschenke meine Buntstifte.

    19.03.2012, 10:49 von Kokomiko
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  • 0

    Ich fand den damals schon klasse!

    18.03.2012, 11:41 von Bender018
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    Großartig geschrieben, vielleicht das Beste, was ich von Dir kenne, sprachlich passgenau auf's Thema zugeschnitten, der Geschichte einer abgebrochenen Menschwerdung in einer verfickten, lieblosen, leblosen Welt.

    Beschreibung dessen, was ein Papst mal die Kultur des Todes genannt hat.

    Besser geht's nicht.

    Nur eine Kleinigkeit stört mich, lächerlich zu erwähnen, aber trotzdem: Zweimal "kleiner Junge" in zwei aufeinander folgenden Absätzen, einmal in dem mit dem Frosch und dem Dartpfeil, dann in dem mit der steinbeschwerten Schnecke.

    Einmal Knabe statt zweimal kleiner Junge klänge mir besser.

    Ansonsten, Cäpt'n, das ist große Literatur.

    Meine Verehrung.

    17.03.2012, 22:40 von Winterwanderer
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    Es ist so furchtbar :/
    Ich habe es gefesselt gelesen und immer gehofft, gehofft, gehofft.
    Eigendlich musste es so enden, es war nur logisch.
    Aber..musste es denn SO enden?
    Ich bekomm die Bilder nicht aus meinem Kopf.

    17.03.2012, 21:11 von Igel75
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Seite: 1 2
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