Liz-- 23.04.2018, 23:16 Uhr 3 4

Septemberluft

„Durch Dummheit und Einsamkeit. Durch dieses neue ‚ohne dich‘.“

Was bleibt ist nur der metallische Geschmack von Blut. Von aufgeschlagener Lippe und dröhnendem Kopf. Der Geschmack der letzten Nacht steckt in den Knochen, im Kopf und im Herz. Aufgewacht. Bevor ich die Augen öffne, schaue ich dich an. Du mich nicht. Du bist nicht da.

Ich putze mir den Mund ab und stehe auf. Du hast mich liegen lassen. Auf dem nassen Boden. Der Asphalt hält mich gefangen. Er umschlingt mich, zieht mich an. Zerrissene Jeans und blutige Knie tragen mich durch die kalte Septemberluft. Die aufgehende Sonne blendet. Ich halte mir die Hand schützend vor die Augen. Und vor das Herz.

Richtiges wollen, Falsches machen. Hingefallen. Hände und Knie aufgeschürft. Ich laufe. Laufe, so schnell ich kann. Stolpere. Und verliere den Boden unter den Füßen. Falle hin und breche mir das Herz.

Keine Farben mehr, alles nur schwarz-weiß. Ohne dich gibt es kein rot, kein blau, kein grün mehr. Der Schmerz trifft mich so sehr, dass ich mich festhalten muss. Ein schöner, weicher Schmerz, der mir zeigt, dass ich noch fühlen kann. Noch lieben kann. Dich lieben kann.

Ich kämpfe mich hoch. Wische mir die Tränen ab und torkle weiter durch den Morgen. Durch die hellen Straßen und die leeren Gesichter. Durch die schwindende Nacht und die Belanglosigkeit. Durch Dummheit und Einsamkeit. Durch dieses neue ohne dich. Die Stille zerreißt mich. Ich setze meine Kopfhörer auf und schalte die Musik an. So laut, dass ich meinen Kopf nicht mehr hören muss. So laut, dass sich alle Gedanken an dich nicht mehr denken lassen. Bleibe stehen und schließe die Augen.

Jeder einzelne Gedanke an dich fühlt sich an, wie ein stechender Schmerz. Wie ein verschluckter Zahnstocher. Ein Zahnstocher, der sich mit jedem Atemzug immer tiefer in mein Herz bohrt. Und stecken bleibt. Ich ziehe mich am Geländer hoch. Stecke den Schlüssel ins Schloss und drehe ihn um. Türknallen. Stille. Zähne putzen. Blut spucken. Tiefenrausch. Vermissen. Bereuen. Schmutz im Herz. Brennende Trümmer.

Ich schaue in den Spiegel und erkenne mich nicht. Die Nacht hat mich verändert. Wer mich anblickt, ist eine Andere. Eine, mit blutiger Lippe und verlaufener Schminke. Mit tiefen Augenringen und ernster Miene. Eine, die einen Fick darauf gibt, was du denkst. Nicht die, die ich kenne. Nicht die, die ich bin. Ich bin die, mit leerem Gewissen. Die, mit vollem Herzen. Die, die das alles nicht erträgt. Die, die sich nach dir verzehrt. Die, mit Liebe. Mit Liebe für dich.

Ich spucke ins Waschbecken, schließe die Augen, ziehe den Reißverschluss zu und lasse mich fallen.

Vielleicht ist dann alles nie passiert.

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3 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Die Kunst der Geschichte ist vielleicht genau das. 

      24.04.2018, 12:13 von Liz--
    • 0

      Das Reale entzieht sich wohl mal wieder der Wahrnemung. :)

      24.04.2018, 13:17 von Freyr

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