Anna_Blum 30.11.-0001, 00:00 Uhr 76 11

Selig bedrückt

Ich habe Angst, wenn er redet im Schlaf. Ich habe Angst, dass er dann die Wahrheit sagt.

Dass er ausspricht, was er denkt und fühlt, wirklich denkt und fühlt. Oder noch einfacher: Dass er den Namen der Frau flüstert, die er wirklich liebt.

Ich vertraue ihm nicht, vertraue uns nicht. Sobald wir uns ein paar Stunden nicht sehen, beschleicht mich das unruhige Gefühl, ihn verloren zu haben. Ich stelle mir vor, was er just in diesem Moment erkannt hat: Ich bin ihm nicht genug, alles war nur eine Illusion, stimmungsbedingt, er hat sich in mir getäuscht, endlich ist er zur Vernunft gekommen, außerdem läuft dort eine Frau vorbei, die viel interessanter ist als ich, mehr Stil hat, darüber hinaus mehr Geld, mehr Intelligenz, vom gepflegteren Aussehen ganz zu schweigen. Und auch ich warte auf die Erkenntnis: Von ihm verarscht und überhaupt betrogen worden zu sein. Es gibt so vieles, auf das ich warte. Auf den Tag, an dem er mir zum ersten Mal sagt, er wolle heute lieber alleine sein. Auf den Tag, an dem ich ihm gehörig auf die Nerven falle und er meine Nähe nicht erträgt, nicht einmal mehr meine Stimme, am wenigsten meine Augen, die ganz toll darin sind, falsche Versprechungen von großer Tiefe und unbändigem Glück zu machen. Und dann treffen wir uns, und er ist heiß auf mich und auf meinen Körper, den er als wunderschön bezeichnet (wie gut das tut, manchmal erlaube ich es mir, an seine Worte zu glauben), und er kauft mir Rosen und Obst und schaut ganz verliebt und ich denke „Huch, wie kann das sein!“.

Denn es kann nicht sein. Tagtäglich spüre ich meine Unzulänglichkeit in allem, vor allem darin, auf Dauer liebenswert zu sein und ich weiß, dass es nicht lange mit uns halten wird, dass wir uns im Grunde gegenseitig etwas vormachen. Er, weil er mir vorgaukelt, all seine Worte ernst zu meinen. Es vielleicht sogar tut, aus einer Laune heraus, die sich jeder Zeit ändern kann, im Grunde gleich jetzt. Und ich, weil ich dasitze und nicke, wenn er von gemeinsamen Plänen in der Zukunft spricht und nicht daran glaube. Weil ich unser Zusammensein als eine Sehnsucht empfinde, als einen unsicheren Tanz im Land der Träume, von dessen Wänden sich jeder Zeit die Karibik-Poster lösen können, um dahinter karges, zerrissenes Grau zu offenbaren.

Er ist der erste Mann, in den ich mich verliebt habe und doch der letzte, in den ich mich je verlieben wollte. Wie oft hatte ich mich nach dem Mut gesehnt, mein Herz zu entblößen, nur einmal den selbstverminten Todesstreifen um mich herum zu überwinden, gedankenlos meine verletzbarsten Stellen zu zeigen. Aber es hätte ein anderer Mann sein sollen, der mich dazu bringt. Nicht er, der von der Sorte Männer ist, die unruhig sind, sich nicht binden können, denen das Wasser im Mund zusammenläuft, sobald sie eine attraktive Frau entdecken, die sich jedem Reiz hingeben, wie ein Kind vor dem Süßigkeitenregal im Supermarkt. Nein, sagt er manchmal, ohne dass ich danach frage, er nehme andere Frauen gar nicht wahr, er denke immer nur an mich. Und dann fährt er mir mit seinen Händen über das Gesicht und küsst mich unsagbar zart, und ich sauge die Berührungen selig auf und bin gleichzeitig bedrückt, weil ich seinen Worten keinen Glauben schenke. Es ist eine Tretmühle aus zarten rosa Wolken, aus der ich nicht raus komme und die mich auf wunderbare Art und Weise zermürbt. Nachts, wenn ich neben ihm liege, werde ich bedrückter, je länger er schläft. Ich liege da und schaue ihn aus der Ferne an und warte darauf, dass er im Schlaf spricht und zittere gleichzeitig bei dem Gedanken daran. Er spricht häufig, aber undeutlich, verstanden habe ich seine Worte noch nie. Einmal flüsterte er etwas, das wie mein Name klang. Oder war es doch der einer anderen gewesen? Selig bedrückt schlief ich neben ihm ein.

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76 Antworten

Kommentare

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  • 0

    wow. du sprichst mir aus der seele.
    : (

    06.05.2009, 18:17 von sarahlovesherbaebaey
    • 0

      @sarahlovesherbaebaey mir auch...
      ich kenne das so gut. das wachliegen. das bangen. das zittern. die zweifel. die einsamkeit ohne ihn. die sorgen.
      sogar seine freunde sagen mir,dass er nur mich will. das er zwar andere haben könnte. aber das er darüber nicht einmal mehr nachdenkt. und trotzdem. grenzenlose angst und schwäche.

      28.06.2009, 15:15 von muschelaugen
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  • 0

    Danke!,
    dass du den Worten und Gedanken in meinem Kopf ein Gerüst gegeben hast!
    Realisiere gerade die "graue Wand" die zum Vorschein kommt.
    Liebste Grüße

    15.09.2008, 21:26 von frau3
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  • 0

    Danke,
    dass du den Worten und Gedanken die verloren in meinem Kopf umherschwirren ein Gerüst gegeben hast!
    Realisiere momentan die "graue Wand die sich hinter der Fototapete versteckt hat"...
    Es dauert bestimmt noch einige Zeit, doch die graue Wand wird auch wieder bunt!!!
    Liebe Grüße

    15.09.2008, 21:22 von frau3
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  • 0

    ich vertrau ihm auch irgendwie nit... vermute hinter jeder frau eine heimliche geliebte, bin nach jedem partyabend alleine misstrauisch und mach mir viele gedanken, ich finde selbst, dass das nicht fair ihm gegenüber ist...
    guter text aber!

    15.01.2008, 19:46 von aur_elie
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  • 0

    ich finde diesen text wunderschön!! ich war echt gerührt, weil ich diese situation auch sehr gut kenne, es kommt vor, dass man sich immer so viele gedanken macht, die eigentlich oft total unnötig sind... wunderschön..grooßes lob!!

    05.07.2007, 17:31 von Hopeless_82
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  • 0

    Ich schließ mich PermisFou an... ich hab das genauso erlebt. Mit dem einen Unterschied, dass jetzt Schluss ist, weil es so war wie ich immer befürchtete. Doch jetzt liebt mich ein Engel auf Erden. Die erste Liebe bleibt immer einzigartig. Dennoch verzweifle nie, es findet jeder einmal den Menschen der ihn verdient hat.

    23.01.2007, 11:53 von Rebbi
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  • 0

    ich lese diesen text gerade zum zweiten mal und bin verliebt in ihn, du sprichst mir aus der seele. danke.

    31.10.2006, 11:58 von salzstange.
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    kenne das gefühl... mache das grade durch..mir kommt es so vor als arbeiten meien freund un dich nur noch auf dne Tag hin wo er für immer weg fliegt nach schottland zum studieren... und wo wir dann schluss machen... weil keiner von un sglaubt das es bestehen bleibt... über die distanz udn doch kann ich nicht loslassen.. und er? ich weiss es nicht.. die frag estell ich mir immer wieder.. manchmal kommt es mior vor das er sich feut das er weg geht .. die Beziehung zu ende ist.. er endlich frei.. udn dann sagt er doch weider so dinge wie... warum kommst du nicht mit? oder lass es uns versuchen...

    11.09.2006, 19:52 von Urmelgirl
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    irgendwie auch beruhigend zu wissen dass es wohl so sein muss --- eine zeitlang hoffentlich nur
    danke auch dir

    03.09.2006, 00:26 von Mareena
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