PinkahPandah 07.03.2019, 11:04 Uhr 4 0

Selbstverständlich

Egal wie gut der Inhalt war: War die Verkleidung angekratzt, wurde dem Inhalt nicht mehr so viel Wert zugemessen.

Als hätte jemand den Öffner angesetzt und den Deckel des Tages angehoben, schoben sich die wenigen Lichtstrahlen durch seine einfach verglasten Fenster. Gefühlt, hatte er eben erst die Tür hinter einer weiteren durchzechten Nacht geschlossen. Eine Nacht, die er damit verbracht hatte, Antworten auf Briefe von Personen zu finden, die er mal gekannt hatte. Aber die Suche auf dem Boden eines angeschlagenen Londdrinkglases birgt nie jene Früchte, die man in so einem Falle sucht. Egal wie gut der Inhalt war: War die Verkleidung angekratzt, wurde dem Inhalt automatisch nicht mehr so viel Wert zugemessen. Eine Binsenweisheit seines Opas - wie bei so vielen anderen, erkannte er ihren vollen Wert erst als er den Boden erreicht hatte. 

Viel war nicht los an diesem vom Eisnebel verhangenen Morgen. Es war eigentlich selten viel los - egal ob es kalt oder warm war. Hier war Land und ein paar Häuser, die dem Sturm trotzten und dort das Meer. Diese Egalität aus Wasser. Zumeist salzig und generell unbeeindruckt von allem um sich herum. Er schaute in die Gischt und fragte sich, ob Bruce Lee wohl daran gedacht hatte, als er sagte: „Du musst sein wie Wasser.“ Aufbrausend und unbeeindruckt. War das nicht ein Widerspruch? Gedankenverloren stand er, wie zum Beginn so vieler Tage zuvor, auf der alten Veranda aus Eichenholz und versuchte in der Leere des Nebels Schiffe auf dem Meer auszumachen. In der einen Hand hielt er eine Tasse dampfenden Kaffee, die andere lag auf dem vom Raureif überzogenen Geländer vor ihm.

Er hatte den Abend viel zu spät beendet und schließlich damit verbracht an die Decke zu starren und mit den Geistern der Geschichte Flaschendrehen zu spielen. Seit er nicht mehr Urlaubs- sondern Dauergast war, in diesem verschlafenen Küstendorf, führte die ansässige Kneipe auch endlich brauchbaren Gin. Er war ja schließlich Ihr bester Kunde. Täglich, zehn Minuten vor der Abendbrotzeit, öffnete er die mit kleinen vergilbten Fenstern durchlöcherte Holztür und steuerte direkt die Theke an. Wo er am Anfang noch in erstaunte Gesichter blickte, bekam er jetzt nur noch ein neutral gebrummeltes „Moin“ entgegengebracht. Irgendwann wird auch das Unbegreiflichste selbstverständlich. 

„Selbstverständlich“ war aber momentan ein absolut unverständliches Wort für ihn. Das deutlichste Zeugnis dieser Tatsache war das Wohnzimmer hinter ihm. Das Parkett des Zimmerbodens war nur noch an einigen wenigen Stellen zu sehen. Der Rest war über und über mit Papier belagert. Kleine Zettel. Papierfetzen. Servietten. Briefpapier. Mal mit mehr, mal mit weniger Worten vollgeschrieben. Mal hastig gekritzelt, damit kein Gedanke verloren geht. Mal langsam und bedächtig niedergeschrieben, um jedem Wort die ihm anhängende Bedeutung beizumessen. Sie zu zählen hatte keinen Sinn. Was nützen schon Zahlen. Zahlen wollten in diesen Fällen Dinge die keine Größe, keinen errechenbaren Gegenwert haben, in etwas hineinpressen, um sie verständlich zu machen. Aber wie soll etwas, nur durch das Hinzufügen von Ziffern, verständlicher werden, wenn man es nicht einmal inhaltlich versteht. 

Selbstverständlich wäre es gewesen auf die Briefe einfach zu antworten. Eigentlich. Denn es war auch nicht selbstverständlich fünf Jahre nach einem "Ich hasse dich!" mit "Hey, alles klar?" in der Tür zu stehen. Eher zu liegen. In der Mitte der Tür. Da in diesem kleinen Schlitz wo man das Papier durchsteckt. Oma und Opa nannten es liebevoll Briefkasten. Mit Briefen in die Welt des anderen eindringen war perfide. Briefen. Mehrzahl. Wer schreibt heute noch Briefe. Einer ist ja okay. Aber drölfzigtausend? Voll umständlich und zeitraubend. Das war nicht selbstverständlich.

"Hey, alles klar?" Seine Augen fielen beim Verlassen der Veranda auf dem kleinen unscheinbaren Zettel auf seinem Sekretär. Er nahm ihn in die Hand. Nichts war klar. Seit fünf Jahren wohnte er in diesem toten Küstendorf. Lebte von Gelegenheitsjobs und brauchbarem Gin. Sein Inneres war so grau wie die Welt um ihn herum. Er funktionierte nur, weil ein Abschied von allem, für immer, keine Lösung war. Er konnte keine Menschen sehen, mit ihnen reden oder das Leben genießen. Er drehte den Zettel rum und begann seine Antwort zu schreiben.

"Selbstverständlich!"

 

4 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    This is exceptionally instructive substance and composed well for a change. http://munchausenschreiben.de/gute-referate-schreiben-ein-kleiner-leitfaden/ It's pleasant to see that a few individuals still see how to compose a quality post!

    13.03.2019, 11:36 von muneerahmed
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Ej komm, lass es mal gut sein. Das liest hier eh keine*r mehr mit deinem Werbescheiß.

      07.03.2019, 22:44 von Gluecksaktivistin
  • 1

    Das liest sich, als hätte man ein Buch aufgeschlagen und irgendwo in der Mitte  zwei Seiten gelesen. Irgendwwie komplett aus dem Zusammenhang. Schade.

    07.03.2019, 20:13 von Gluecksaktivistin
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare