Herbstmelancholie 19.02.2014, 23:59 Uhr 16 8

Seiltänzerin

Wenn nur die Angst vor dem Fallen nicht so groß wäre ...

Ich war deine Seiltänzerin. Ich bin nur wegen dir auf das Seil gestiegen, so weit oben. Du hast nach meiner Hand gegriffen und mich angelächelt. Ich habe getanzt, nur für dich. Mit dir war alles so einfach. Ich hatte das Gefühl alles bestehen zu können. Du hast mich so glücklich gemacht. Und ich dachte du wärst genauso glücklich wie ich. Doch das warst du nicht.
Ich bin gefallen. So tief. Auf einmal hatte alles seinen Sinn verloren. Ich lag am Boden, unfähig wieder aufzustehen.

Irgendwann bin ich dann doch wieder auf die Beine gekommen. Und dann bin ich wieder hochgeklettert. Und jetzt stehe ich wieder auf dem Seil. Alleine.
Ich glaube dich am anderen Ende entdecken zu können. Wenn ich es nur schaffen würde dich zu erreichen. Dann könnte doch noch alles gut werden. Du würdest mich in deine Arme schließen und ich hätte dich endlich wieder.
"Du musst nur einen Schritt vor den anderen setzen. Ganz langsam.", wispert mir die Hoffnung zu, "Komm. Du kannst es schaffen. Wenn du kämpfst, dann wirst du ihn zurück bekommen. Dann wird alles wieder gut."
Und ich will der Hoffnung vertrauen, weil sie so schöne Dinge sagt. Weil mich ihre Versprechungen locken. Weil ich dich so sehr vermisse und ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dich wieder in meine Arme zu schließen.

Aber das Problem ist die Angst. Ehe ich loslaufen kann, wird mir wieder bewusst, dass ich eigentlich gar nicht seiltanzen kann. Mein Gleichgewicht ist viel zu schlecht. Ich habe Angst, dass ich abrutsche und zurück in die Tiefe falle. Und plötzlich wird mir bewusst, in welch schwindelerregender Höhe ich stehe und wie tief es nach unten geht. Wenn ich jetzt falle, werde ich es dann je wieder nach oben schaffen? Und was ist, wenn dort unten kein Netz ist, das mich auffängt? Ich verbiete mir nach unten zu schauen, denn es geht zu tief hinab.
Und auf einmal verteufle ich die Hoffnung, weil ich Angst habe, dass sie mich in die Irre führt. Was ist, wenn sie gelogen hat? Was ist wenn es nie wieder ein "Wir" geben wird? Und dann bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob du wirklich dort drüben stehst. Oder vielleicht auch nur noch nicht, weil es noch zu früh ist - oder vielleicht nicht mehr, weil es schon zu spät ist. Vielleicht standest du auch nie dort.
Und auf einmal frage ich mich, warum mir die Hoffnung das antut. Warum kann sie nicht einfach weggehen und aufhören mit ihren vielen Versprechungen und schönen Worten.

Ich vermisse dich so. Ich wünschte, wir hätten nicht einfach aufgegeben. Und ich kann die Hoffnung nicht abstellen. Die Hoffnung, dass du es dir vielleicht doch noch anders überlegst. Die Hoffnung, dass dir doch noch bewusst wird, dass du mehr für mich empfindest. Ich bin doch deine Seiltänzerin.
Doch jetzt steh ich hier oben mit zitternden Knien, kann nicht vor, nicht zurück und hab einfach nur unheimliche Angst, dass die Hoffnung mich angelogen hat und ich am Ende doch wieder falle - zum zweiten Mal.


Tags: Liebe Schmerz Verlust Trennung Liebeskummer
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16 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Die Hoffnung redet also mit dir, aber die Angst nich?
    Findich ja n bisschen Diskriminierend.

    27.03.2014, 13:22 von Jingeling89
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  • 0

    Hmm, immer dieser Tunnelblick :-/. Bitte nicht allein auf dem Seil tanzen wo Du allein abgestürzt bist, lieber ein anderes suchen, ob allein oder zu zweit, dann eben mit jemanden anderen in Zweisamkeit. Oder wenn Du das noch nicht kannst, dann erhole dich erstmal wieder au dem Boden der Realität, bevor Du wieder in höheren Regionen herumtanzen kannst.

    27.03.2014, 12:36 von Cyro
    • 0

      Ich versteh denke schon, was du meinst.
      Aber kennst du nicht das Bedürfnis etwas zu reparieren/retten, was dir viel bedeutet hat, an Stelle es gleich wegzuwerfen? Davon handelt der Text. Ob man es dann wirklich wagt ist wiederum nochmal eine andere Geschichte..

      28.03.2014, 00:42 von Herbstmelancholie
    • 1

      Ja, den Wunsch verstehe ich. Nur ist die Frage, ob er erfüllbar ist. Vielleicht interpretiere ich es falsch, aber mir schien, dass Du eine schöne Zeit mit einem Kerl hattest, der nun aus irgendwelchen Gründen keine Partnerschaft mit Dir mehr will. Liebe kann man ja nicht erzwingen. Ich habe keine Ahnung was mit ihm los ist, das gibt Dein Text nicht her, aber wie eindrucksvollen Bilder, die Du verwendest, sagen mir: Vergewissere Dich dass er Dich auffängt wenn Du in höhere Regionen abhebst. Oder schwebe gemeinsam mit ihm. Aber so ... nein, je höher desto platsch. Pass auf Dich auf.

      28.03.2014, 08:22 von Cyro
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  • 0

    Je schneller du runter fällst, desto weniger schmalzige Texte muss die Welt ertragen.

    Aber vermutlich kommen dann Texte wie: 'Nach dem tiefen Fall sahen wir uns in die Augen, du wolltest in mich eindringen, doch ich erkannt, dass meine wahre Bestimmung in schwülstigen Formulierungen liegt und in den starken Armen von Stefan, dem Besitzer von zwei Hardrockcafés, mit dem ich dich immer betrogen hatte, wenn mein Gehirn alles mal wieder irgendwie so total überfordert kompliziert  gewesen war!'

    26.03.2014, 16:27 von quatzat
    • 0

      Du musst sie ja nicht lesen ;) ..

      27.03.2014, 10:34 von Herbstmelancholie
    • 0

      Morgen kommt übrigens mein neues Buch raus: 'Die 100 idiotischsten Neon-Argumente.'

      27.03.2014, 10:39 von quatzat
    • 0

      Nimmst du auch Vorbestellungen entgegen ?

      Uups, Quatze, was machst Du da ? Hör mal auf an dem Seil herumzusäbeln auf das die Autorin schon wieder raufklettern will :).

      27.03.2014, 12:57 von Cyro
    • 0

      Ich hab meinen Säbel doch noch gar nich ausgepackt. :P

      27.03.2014, 13:06 von quatzat
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      Den rostigen Krummsäbel?

      Ich persönlich lese solche Texte ja jerne.
      Da fühl ich mich gleich immer weniger abnormal

      27.03.2014, 13:20 von Jingeling89
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      Ich find das Argument gar nicht so dumm .. ich denke mir diese Plattform ist ja was, womit man sich in seiner Freizeit beschäftigt und wenn man von Texten genervt ist brauch man sie ja nicht (zu Ende) lesen. Aber versteh mich nicht falsch - das soll nicht heißen, dass ich dir verbieten will, die Texte (negativ) zu kommentieren. Ich denke, ich bin gerade so alt genug, dass ich nicht alles persönlich nehmen muss. Also tob dich aus. ;)

      Und Jingeling89: Schön, dass ich helfen konnte ^^.

      28.03.2014, 01:06 von Herbstmelancholie
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      Ja, das Argument ist keins, weil man doch erst lesen muss um den Inhalt zu kennen, anschließend zu sagen: Hättest Du nicht lesen müssen, dann hätte Dich wer Inhalt nicht genervt" ist unlogisch.
      Na klar weiss ich was Du mit dem 'Argument' meinst, und ich überfliege auch manchmal Artikel nur und meide gar ganz an manchen Tagen bestimmte Kategorien. Oder halte mich weitestgehend bei Missfallen zurück. Aber das ist eine andere Sache. Gelegentlich darf man auch mal spitzfindig sein und (aber bitte nur vorübergehend). Nimmt man mal für eine Minute oder so diese Denkweise (viel Logik und Verstand, Minimum Empathie) ein, hören sich ein paar Kommentare und Artikel gar nicht mehr so furchtbar böse an.

      28.03.2014, 08:38 von Cyro
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    wunderschön spielerisch dargestellt, dieses Gefühl "Hoffnung"!

    26.03.2014, 16:08 von Tora
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    "Und auf einmal frage ich mich, warum mir die Hoffnung das antut. Warum kann sie nicht einfach weggehen und aufhören mit ihren vielen Versprechungen und schönen Worten. "


    Hoffnung kann so verdammt bitter sein. Hast du sehr gut eingefangen mit deinen Worten.
    PS: ich kann auch nicht seiltanzen, mach dir nichts draus ;)

    26.03.2014, 15:38 von EllenGret
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    Aus so vielen kleinen Worten so etwas großes zu zaubern! War von der erste Sekunde an begeistert!! :)

    26.03.2014, 15:08 von keinkinddergesellschaft
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  • 0

    wunderschön geschrieben und so zutreffend!

    26.03.2014, 09:26 von tillwemeetagain
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