pocket 30.11.-0001, 00:00 Uhr 31 33

Seilschaft

Erst, wenn einer Stand hat, darf der andre folgen.

Möglicherweise ist es wirklich eine Frage des Timings. Also, des Zusammenspieles vom richtigen Zeitpunkt eines Aufeinandertreffens und der dazugesetzten Handlungen. 


Hätte man ihn beispielsweise nicht vor ihrer Tür geparkt, mit Kind in Eiseskälte. Und hätte seine Jacke, den Dübel, der mit gefühlten zweihundertachtundzwanzig Jacken und Mäntel überbeladenen Vorzimmerhakenleiste, zum Aufgeben gezwungen, wären diese wohl nicht mit einem mörder Karacho auf den Boden gekracht. Sie wäre nicht aufgeschreckt wie ein Huhn ins Vorzimmer gelaufen. Und er hätte dann nicht auch noch salopp gefrag: "Hast du noch was andres zum kaputt machen?". Dann hätte sie wohl nicht gegrinst, ihm nicht die Hälfte der zweihundertneunundzwanzig Jacken und Mäntel in die Hand gedrückt und ihn erst recht nicht verpflichtet, sie in ihr Schlafzimmer aufs Bett zu verfrachten. 

Das war wohl der Knackpunkt. Eine erste Begegnung, die nach genau fünf Minuten im Schlafzimmer endet, noch dazu mit quer übers Bett verstreuten Kleidungsstücken, endet. Und sie endet fatal! 


Sie endet mit 51 Sonetten auf ihrem Nachttisch. Mit einem neuen Schöpflöffel in seiner Küche. Sie endet mit unerfüllten Erwartungen, zu hoch gegriffenen Versprechen, zu tief gestapelten Gefühlen. Sie endet mit zu lauter Musik und sehnsüchtigen Blicken, die der vorüberziehenden Landschaft geschenkt werden. 
Da die Stille schreit und die Blicke sonst tropfen. 
Sie endet mit Grillparzer im Auto für den einen und der Heimkehr ins Wohlbekannte, für den andren. 

Dazwischen bleibt so einiges liegen. 
Dazwischen liegen mehrere hundert Höhenmeter an Lust in Fels und Fleisch. Dazwischen liegen Kraft und Erschöpfung. Leidenschaft und Schrift. Mut zur Hässlichkeit und Angst vor Verlust. 
Es liegt Familie dazwischen. 
Eine die hätte sein können, und jenen die sind und bleiben.

Außen vor bleibt das Gefühl. Angeseilt in der Wand mit Blick ins Tal.

 

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31 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Oder social networking...

    21.07.2013, 21:10 von RazthePutin
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    Oesterreicher sagen dazu auch die rutschn legn...

    21.07.2013, 21:06 von RazthePutin
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  • 0

    Unter Maennern, kann der Begriff Seilschaft, in diesem Bezug, manchmal als modernes Gesellschaftsspiel betrachtet werden...

    21.07.2013, 21:05 von RazthePutin
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  • 1

    Das Herz bekommt der Text für die ersten zwei Absätze. Die waren gut, intensiv, nicht nur vom Inhalt, sondern auch vom Ausdruck her.

    Dann, als Weiß zu Schwarz wird, wird der Text leider, na ja, sagen wir mal...etwa fahrig.

    Gestolpert bin ich im 3. Absatz über die zweimalige Verwendung des Prädikats "endet". Nach "noch dazu", glaube ich, der ich selbst zu viele Kommas setze, dass das Komma da zu viel ist. Schade, dass der so sauber gezeichnete Pinselstrich der ersten Zeilen dann derart endet ;)

    Goethe sagte einmal, er mache das Allgemeine so speziell, dass es sich jeder wieder allgemein machen könne. Wärst du doch beim Speziellen der ersten Zeilen geblieben.

    Inhaltlich kann ich jetzt einen meiner neuen Lieblingssprüche anfügen: Es ist schade, dass man (gerade in Deutschland) die Geschichte immer vom Ende her bewertet. Wenn ich an eine meiner Beziehungen zurückdenke, fallen mir zwar ein paar Sachen ein, die super waren (der größte Teil des Bettprogrammes etwa), aber versuche ich eine Biographie dessen zu schreiben und mich an die Details zu erinnern, fallen mir eigentlich nur Situationen ein, die mies liefen. Witzig ist, dass gerade der Anfang mir noch als wunderbar in Erinnerung blieb (Wohl so, wie in deiner Geschichte).

    Letztendlich kann ich immer nur wieder eine Weisheit präsentieren: Wir haben nur wenig Zeit auf dieser Welt, warum sie mit dem verschwenden, was nicht läuft...und sei es auch nur in Gedanken...von jedem Menschen, auf den ich traf, habe ich noch etwas lernen können. Und das sollte s sein, was am Ende übrig bleibt :)

    20.07.2013, 11:23 von chrisbow
    • 1

      Letztendlich kann ich immer nur wieder eine Weisheit präsentieren: Wir haben nur wenig Zeit auf dieser Welt, warum sie mit dem verschwenden, was nicht läuft...

      ... die frage ist: ist es verschwendung, wenn etwas nicht läuft. oder ein unabdingbarer reifeprozess, eine aufgabe, die das leben stellt. "es läuft nicht - also weg damit" ist mir ein wenig zu einfach. manchmal ist die tiefe finsternis erforderlich, damit das neue licht erstrahlen kann-

      20.07.2013, 18:12 von Lichtspiel
    • 1

      Das Süße ist niemals so süß ohne das Saure?

       

      Ja ja, das war einer der schwächeren Momente bei Nietzsche. Ich sage nicht, dass man nicht Phasen der Reflektion braucht, Phasen, wie du sagst, der Reifung. Klar sollte sich jeder Zeit nehmen über das Scheitern zu reflektieren, denn nur wer einen Fehler erkennt, neigt nicht dazu, ihn zu wiederholen.

       

      Aber man kann sich auch in der wunderbaren Welt der Melancholie verlieren. Und das ist es, was ich sagen wollte. Trauere, reflektiere, ziehe weiter. Das meint auch nicht, dass wenn eine Beziehung gerade beschissen läuft, dass man sie "abschafft", "aussortiert", das meint lediglich, dass man sich eher auf das Jetzt und auf die Zukunft konzentrieren sollte, als sich in der Vergangenheit einzunisten. Wer letzteres mag? Wohl bekomms. Ich glaube eben nur, dass das nicht glücklich macht und letztendlich verschwendete Zeit ist, insofern, als dass man vielleicht irgendwann aufwacht, zehn Jahre älter ist und sich fragt, was hätte ich in den letzten zehn Jahren alles machen können, singen und tanzen und lachen. Das Leben ist nicht besonders lang, es mag einem mit zwanzig noch so vorkommen, aber irgendwann ist man dreißig, vierzig oder fünfzig. Und die Welt ist viel zu schön, als dass man sie nicht mit vollen zügen genießen sollte. Und nein, ich bin nicht so verbimmelt, dass die die Probleme der Gesellschaft nicht sehe, aber, wer dieses Argument bringt und damit die Baustelle wechselt, kann sich gleich der Frage stellen, ob es dann nicht sinnvoller ist, die Probleme der Gesellschaft anzugehen, als die seines Herzens zu betrauern...

      21.07.2013, 11:41 von chrisbow
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  • 1

    super Text!

    20.07.2013, 06:38 von Sultanine
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  • 1

    im angesicht der zeilen frage ich mich:
    warum ist der kreis rund?

    19.07.2013, 20:39 von Lichtspiel
    • 0

      mags ma das erklären?

      20.07.2013, 10:19 von pocket
    • 2

      ja:


      Hätte man ihn beispielsweise nicht vor ihrer Tür geparkt ... Und hätte seine Jacke, den Dübel, der mit gefühlten zweihundertachtundzwanzig Jacken ... Sie wäre nicht aufgeschreckt wie ein Huhn

      ... hätte, wäre, wenn: die klage ist so alt wie die frage nach der rundheit des kreises. den ansatz finde ich etwas abgedroschen.

      ... ist, ist, ist und ist gut so - manchmal auf den zweiten blick: den ansatz hätte ich viel interessanter gefunden, vor allem die schlüsse daraus

      20.07.2013, 17:49 von Lichtspiel
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  • 1

    und dank Hollywood wissen Wir das nur zu gut...

    19.07.2013, 20:28 von RazthePutin
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  • 2

    Wir wissen worum es wirklich geht und traeumen doch von Der Liebe... doch beides geht nicht... Fuer Jedermann...

    19.07.2013, 20:27 von RazthePutin
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  • 1

    Dazwischen und nicht außen vor liegt nicht nur eine ganze Menge Gefühl, sondern ein kompletter Rosamunde Pilcher Roman, in Deinem Text zu selber ausmalen / schreiben  :)  Jedenfalls drängt sich mir dieser Eindruck auf.  Aber wer weiss wie die Geschichte zwischen Anfang und Ende aussehen würde, wenn Du sie schreiben würdest ?


    19.07.2013, 20:02 von Cyro
    • 1

      lieber cyro, du hast mich erwischt! :P ich habe nur skizziert, vllt male ich es noch mal aus. ich finde es aber auch spannend, was andre daraus machen.


      rosamunde taucht nun schon zum zweiten mal im zusammenhang mit meinen texten auf. das verstört mich:)

      20.07.2013, 10:18 von pocket
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  • 1

    für mich endet es mit verwirrten blick und gestressten gedanken. jetzt frage ich mich wirklich, wieviel sätze kannst du in nur einer sekunde denken?

    19.07.2013, 12:18 von SADandBEAUTIFUL
    • 0

      boah, viel zu viele, aber der rest hinkt oft nach.

      19.07.2013, 14:05 von pocket
    • 1

      du hast eindeutig hummeln im popsch (für die österreicher unter uns)

      19.07.2013, 14:11 von SADandBEAUTIFUL
    • 0

      und im schädl und sowieso:)

      19.07.2013, 14:16 von pocket
    • 0

      hummeln im schädel gibt es nicht. stroh in der birne gibt es :D

      19.07.2013, 14:20 von SADandBEAUTIFUL
    • 0

      wieso liegt da stroh rum... und warum trägst du...? eh scho wissen...

      :D

      19.07.2013, 14:27 von pocket
    • 0

      wo liegt stroh rum? was trage ich rum? ich weiß grundsätzlich nie bescheid wenn du was sagst ;)

      19.07.2013, 14:29 von SADandBEAUTIFUL
    • 0

      ahaha, ich glaub du bist echt der einzige mensch der das nicht kennt und ich wurde schon schief angschaut weil ich keine ahnung hatte:)

       

      bussal dafür

      19.07.2013, 14:52 von pocket
    • 0

      der was nicht kennt? pocket, musst du immer in rätseln mit mir reden? ICH VERSTEH DICH NIIIIIIIIICHT :)

      19.07.2013, 15:16 von SADandBEAUTIFUL
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Seite: 1 2
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