FoolsCrowd 06.04.2010, 20:21 Uhr 33 21

Sechzig Grad

Spermaflecken auf dem Leintuch. Das ist das Einzige, was mich noch daran erinnert, dass du hier warst.

Ich habe keine Fotos von dir. Ich habe keine Liebesbriefe. Nicht einmal SMS. Deshalb muss ich mich an den weiß ausgefransten Flecken festhalten.

Du bist in mein Leben getreten wie ein Wirbelwind. Gewirbelt, muss man dann wohl eher sagen. Hast mich geschlagen, gelacht, dich entschuldigt. Anfangs dachte ich daran, dass du zu viele Haare auf den Zehen hast. Ein Bier hast du mir versprochen für den blauen Fleck. Ich habe lange darauf gewartet.

Als es so weit war, haben wir Parallelen gefunden und uns daran aufgegeilt. Wir beide lieben Grießkoch, hatten eine ähnliche Kindheit, wollen die Welt retten. Der unstillbare Schmerz, die Leere, war uns beiden bekannt. Dann hast du gesagt, es gibt da jemanden und sie ist nicht hier aber es ist kompliziert. Diesen Satz sollte ich noch hassen lernen.

Anfangs jedoch war er aufregend. Er hat mir eine Welt versprochen, die ich schon so lange nicht mehr hatte. Mit Herzklopfen und Zittern und Atemlosigkeit. Wir sind gemeinsam in die Nacht gefahren. Mit einem Bus und einer Matratze. Doch gelegen sind wir am eiskalten Boden, zwei Zentimeter Platz zwischen uns um uns nicht eingestehen zu müssen, dass wir am liebsten ineinander stecken würden.

Du hast mich gefragt, ob ich immer die Wahrheit sage. Spinnst du, habe ich gesagt, da wäre ich ja verletzlich. Du hast mir gesagt, du willst ehrlich sein, du hast mir gesagt, dass du mich magst. Doch du kannst mir nichts versprechen. Sie ist da. Sie weiß es, es ist kompliziert. Ich habe gezittert, mein Herz hat geklopft. Wieder mal. Mir war nur noch übel, ich habe bestimmt fünf Kilo abgenommen. Wir gehen es langsam an, hast du gesagt, kein Küssen, nur liegen.

Das haben wir gemacht. Wir sind bis acht Uhr morgens nebeneinander im Bett gelegen. Haben uns angesehen. Uns angeschwiegen. Kopf-an-Knie, Bauch-an-Brust. Ich hätte dich ewig so haben wollen. Irgendwann hat es uns nicht mehr gereicht. Du hast mich geküsst, ich habe dich ausgezogen, wir haben getan, was wir schon von Anfang an tun wollten.

Seitdem ist es weg. Das Gefühl, Zerspringen zu wollen vor Glück. Stattdessen ist die Angst da. Dass du es bereust. Dass du zu ihr zurück willst. Dass du mich nie so lieben wirst, wie ich es brauche. Du rufst nicht mehr an. Ist es so kompliziert? Ist dieser eine beschissene Fleck auf dem Leintuch die Manifestation für eine Liebe, die keine war? Ein Beweis für dich, dass es mit ihr schöner war? Ein Beweis für mich, dass ich nicht genug für dich bin?

Vielleicht lässt mich der kopflose Gedankenstrudel los, wenn ich die Beweise vernichte. Nichts einfacher als das. Waschmaschine, Pulver, Wasser, sechzig Grad, siebenundsiebzig Minuten. Dann bist du weg.

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33 Antworten

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    "Waschmaschine, Pulver, Wasser, sechzig Grad, siebenundsiebzig Minuten. Dann bist du weg."


    diese stelle liebe ich besonders...wenn alles nur so einfach wäre wie fleckenbeseitigung...


    29.04.2010, 17:39 von dieANA
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    Ich finde den Text toll. Was mich gerade reizt sind die Ansätze, einfach dass du nicht alles breittrittst sondern so stehen lässt. Ich aknn das Gefühl gut nachvollziehen und ich finde einfach diesen Bezug auf die Flecken super. Total gelungen, meiner Meinung nach.

    25.04.2010, 23:30 von miss_mies
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    So kurz, aber in Ordnung. Auf jeden Fall habe ich daw Gefühl des glühenden Herzens und dem schmerzenden "Sie" oder "eine andere" mitgefühlt.

    21.04.2010, 12:54 von mill-make
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    finde deinen text sehr gut!!!

    20.04.2010, 11:29 von somefunkykid
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    richtig guter Text, Situation ist mir bekannt. :/

    18.04.2010, 23:09 von miss_mies
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    der text ist ein wenig verwirrend. wegen dem wechsel zweischen "er" und "du".

    17.04.2010, 12:56 von kukolka_ina
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    Ich finde den Text sehr gut, denn er ist wie das wahre Leben. Nicht vollständig, nicht perfekt, nicht geordent und er macht es nicht allen recht. Aber das Gefühl beim lessen stimmt.

    14.04.2010, 10:42 von lottaalein
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      @lottaalein "les(s)en oder lassen"

      - die berühmte Frage,
      ewiger Disput, ... blablabla

      14.04.2010, 10:58 von Seerosengiesser
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    Die 60 Grad-Info ist sicher hilfreich für 20jährige Jungens, die grad zum Studieren von zuhause ausgezogen sind und planlos mit ihrer Bettwäsche vor der WG-Waschmaschine stehen.

    Als Aufhänger aber eher matt. Sperma wird überbewertet (sag ich mal als Mann).

    Was aber ist Grieskoch? Kriegt man den auch mit 60 Grad raus?

    Die seichten, verspielten Sex-Vokabeln (z.B. auch ineinanderstecken) verhindern den Aufbau emotionaler Resonanz. Zumindest bei mir. Da fahren dann Kitsch-Panzer über die zarten Pflanzen wie der Matratze und den 2 Zentimetern.

    Insgesamt schmeckt man schon den Pulverrauch des Endknalls, wo von "ihr" und "kompliziert" die Rede ist. Der Rest verläuft nach einem absehbaren bio-sozialen Schema, aus dem keiner der Charaktere auszubrechen versucht.

    Man könnte das dadurch immerhin in den Realismus einordnen, wenn die Sache fiktiv ist.

    14.04.2010, 09:57 von LudwigMartin
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