moi_judita 31.08.2006, 11:21 Uhr 5 6

Sechzehntausendfünfhundert Herzschläge

Sechzehntausendfünfhundert Herzschläge weit weg. Und doch so nah.

Die Räume sehen sich so ähnlich. Weiße Wände, Holzdielen und eine nackte Glühbirne, die desinteressiert an einem Kabel von der Decke baumelt. Durch die kahlen Fenster dringt das monotone Rauschen des Verkehrs. Aber es ist ein ganz anderer Verkehr, hier, fünfhundert Kilometer weiter nördlich. Fünfeinhalb Fahrstunden entfernt, mit Pause an einer nichts sagenden Raststelle. Sechzehntausendfünfhundert Herzschläge, die sie von ihm trennen.
Diese Räume fühlen sich ganz anders an, obwohl sie genauso leer sind, wie die die sie verlassen hat. Sie kennen sie nicht. Sie wissen nicht, dass sie morgens die Vorhänge so ruckartig aufreißt, dass die Gardinenstange wackelt. Sie wissen nicht, dass sie lieber auf ihrem Flokati auf dem Boden ein Buch liest, als in ihrem Himmelbett, das ganz leise quietscht, wenn man sich bewegt. Sie wissen nicht, dass sie immer heißes Wasser für ihren Erdbeertee aufsetzt und es dann vergisst, so dass sie es irgendwann noch einmal aufwärmen muss. Sie wissen nicht, dass sie in manchen Nächten bis in die frühen Morgenstunden mit den Kopfhörern auf den Ohren, Musik hört und dabei das Lichtspiel der vorbeifahrenden Autoscheinwerfer an der Decke beobachtet. Sie wissen nicht, wie sich ihre Hand in seinem Nacken vergräbt, wie sie leise seinen Namen flüstert und in noch näher zu sich zieht.
Wie sich ihre Hand in seinem Nacken vergraben hat, wie sie seinen Namen leise flüsterte und in noch näher an sich zog. Er ist Vergangenheit.
Die Gardinenstangen und das Himmelbett stehen auseinandergebaut an der Wand gelehnt, der Flokati, der Wasserkocher, der Erdbeertee, die Kopfhörer, all das steckt irgendwo in den eingedellten Umzugskartons im Flur. Aber er, er ist nicht hier.
Er ist sechzehntausendfünfhundert Herzschläge weit weg.
Die Räume kennen sie nicht und sie werden sie nie so kennen, wie sie war.

So fröhlich am Anfang und so verzweifelt zum Schluss. Dazwischen lag nur ein halbes Jahr. Ein halbes Jahr, das damit anfing, dass er mit ihr auf einem leeren Balkon in der Südstadt stand und sie beide ihren Zigarettenrauch ein Stockwerk höher zu Herrn Peters schickten. Sie hatten dagestanden und gelacht, bis sie halb erfroren waren und sich zum Aufwärmen küssten. Sie waren nicht verliebt, aber es fühlte sich gut an. Irgendwie richtig, dachte sie am nächsten Morgen um sechs.
„Irgendwie richtig.“ sagte er am nächsten Mittag um zwölf, als sie aufgestanden waren und frühstückten.
Es war richtig gewesen.
Oder? dachte sie. Dieser romantische Quatsch muss doch richtig sein, sonst wäre er nicht so schön.
Über den zugefrorenen Teich im Park schlittern. Eis essen, er Erdbeer, sie Schokolade, obwohl die Luft selbst fast welches ist. Den Tag im Bett verbringen und alte Filme aus den 50ern schauen. Auf Parties in dunklen Ecken Teenagerzungenküsse tauschen und dabei betrunken das Flaschenbier verschütten. Und die Freunde sagen hören: „Ja, Lisa und Leon, die passen so gut zusammen!“
Es war so richtig gewesen, bis all das eine Bedeutung bekam. Bis die Sehnsucht nach dem nächsten schönen Erlebnis mit ihm einsetzte, kaum dass das eine schöne Erlebnis mit ihm vorbei war. Bis sie sich verliebt hatte. Lisa in Leon. Bis er sich verliebt hatte. Leon in Lara.

Scheiß Alliterationen, denkt sie und kramt den Wasserkocher aus einem Karton auf dem mit rotem Edding „Küche“ steht. Während sie darauf wartet, dass das Wasser heißt wird, schaut sie aus dem Fenster. Alles sieht anders aus da draußen. Diese Stadt kennt sie nicht. Aber sie will, dass sie sie kennt. Auch wenn dann wieder an jeder Ecke in ihrem Kopf ein Denkmal steht, so wie in der Stadt, die sie verlassen hat.
Die Ecke, wo er sie zum ersten Mal geküsst hat. Die Ecke, wo er sie zum ersten Mal vor fremden Leuten geküsst hat. Die Ecke, wo er sie zum ersten Mal vor seinen Freunden geküsst hat. Die Ecke, wo er sie zum letzten Mal geküsst hat. Die Ecke, wo er Lara zum ersten Mal geküsst hat.
Alle sind jetzt fünfhundert Kilometer weit weg. Deshalb war sie geflüchtet, mit zwanzig Umzugskartons und unzähligen Möbeleinzelteilen, die mit Kreppband aneinander kleben.
Ihr Handy klingelt. Und als sie auf dem Display nachsieht, wird ihr bewusst, dass er immer nur eine Telefonnummer weit entfernt sein wird.
Sie lässt das vibrierende Ding auf der Fensterbank liegen und geht nach draußen. Das heiße Wasser hat sie wieder vergessen, aber sie weiß jetzt, dass sie vor den alten Ecken mit all den Denkmälern nur flüchten kann, wenn sie hier neue baut, an neuen Ecken.

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5 Antworten

Kommentare

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    Wow, ein toller und sehr mitreißender Text. Ich hab beim Lesen fast das Atmen vergessen. ,)

    08.10.2006, 21:10 von LaFarfalla
    • 0

      @LaFarfalla ja, wirklich - mir ging's genauso!

      12.10.2006, 22:09 von Angela_Bulloch
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    hab deinen text heut morgen im büro gelesen und er hat mich den ganzen tag beschäftigt. das ist selten das man so schöne texte liest!
    saha hat leider recht, wenn flucht alleine mal helfen würde

    20.09.2006, 21:33 von st_pepper
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    wunderschöner Text. Ich mag deinen Stil sehr gerne...

    19.09.2006, 12:21 von Katha20
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    Ein sehr schöner Text in einem sehr schönen Sprachstil.
    Er zeigt die Gründe und Probleme genauso wie die Hoffnungen.

    02.09.2006, 15:32 von Don-negro
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