flyingtoohigh 03.11.2010, 12:58 Uhr 4 3

Schwarz und Weiß

Er. Den Kopf voll unausgesprochener Gedanken. Sie. Die Hände voller ungesagter Worte.

Er. steht vor ihr und prägt sich den Asphalt ein. Den alten Kaugummi. Die Kreidestriche. Die Flecken in hundert Schwarzschattierungen. Und er weiß, wenn er später zurück denken wird, an diesen Augenblick, wird er sich an den Asphalt erinnern, aber sich die Details ihres Gesichts schon nicht mehr ins Gedächtnis rufen können. Und das bricht ihm jetzt schon das Herz. Aber er kann einfach nicht aufblicken. Er kann einfach nicht mehr.

Sie. sucht seinen Blick, lässt ihre Augen wandern. Seine Nase. Sein Mund. Haut in tausend Weißschattierungen. Und sie weiß, egal was passiert, sie kennt ihn in-und auswendig, zumindest äußerlich, und sie wird all die Kleinigkeiten, die ihn zu ihm machen, nie mehr vergessen. Und sie ist nicht mehr so sicher, ob sie darüber froh sein soll. Aber sie will ihn nie vergessen. Glaubt sie.

Er. hat den Kopf voller unausgesprochener Gedanken. Sie haben sich angestaut und angestaut, die ersten schon vor Monaten, und in den letzten Wochen sind so viele dazu gekommen, dass er sie an die Wände seines Gehirns drücken fühlen kann. Dass er spürt, wie das Haus, das sein Verstand ist, kurz vor dem Zusammenbruch steht. Also hat er sich ein Blatt Papier genommen und dann ein zweites, drittes, viertes. Und jetzt hat er ihr diesen Brief überreicht. Der so voll von ihm ist, dass er sich wundert, dass die Papierbögen ihm nicht ähnlich sehen. Dass so voll von ihm ist, dass er sich nicht getraut hat, das Geschriebene noch einmal durchzulesen. So voll von ihm ist und so leer von ihr, dass er jetzt weder den Brief noch sie anblicken kann.

Sie. hat die Hände voller ungesagter Worte. Seiten um Seiten voller Dinge, die er ihr bis jetzt nicht gesagt hat, so viele, dass sie schwer in ihrer Hand wiegen und versuchen, sie zu Boden zu drücken. Sie spürt, wie das Haus das ihr Herz ist, unter dem Gewicht ächzt. Sie blickt von ihm auf die Blätter in ihrer Hand und wundert sich, wie viel Unausgesprochenes zwischen ihnen gestanden haben muss, ohne dass sie es gespürt hat. Und sie merkt, wie die Blätter zur Wand zwischen ihnen werden. Die so voller Geheimnisse ist, dass sie undurchdringlich scheint. Die so voller Geheimnisse ist, dass sie ihn kaum mehr sehen kann. So voller Lügen und so leer von Gefühl, dass sie weder ihn noch sich wiedererkennt.

Er. kämpft mit dem Impuls, ihre Hand zu nehmen. Schwankt zwischen dem, was er möchte und dem, was richtig wäre, wie so oft. Er weiß, er muss sich umdrehen und gehen und sie lesen lassen und seinen Brief für sich erklären lassen. Und er weiß, er wird sie nicht wiedersehen. Und statt an ihre Augen wird er sich an dreckigen Asphalt erinnern. Und er hasst sich und er liebt sie, aber das macht keinen Unterschied. Hat nie einen Unterschied gemacht. Er muss gehen und sie gehen lassen. Aber er kann nur hier stehen und den Boden ansehen.

Sie. kämpft mit dem Impuls, den Brief sofort zu öffnen. Oder ihre Hand unter sein Kinn zu schieben, und ihn zu zwingen, sie anzublicken, aber das hat sie schon zu oft getan. Und sie weiß, was sie lesen wird, und sie weiß, sie muss sich umdrehen und gehen. Und sie weiß, sie wird ihn nicht wiedersehen. Aber sie wird ihn nie vergessen können. Und sie hasst ihn und sie liebt ihn, aber manchmal ist sie sich nicht so sicher, dass es einen Unterschied gibt, zwischen diesen beiden Gefühlen. Sie sollte gehen, ihren Stolz retten, Schadensbegrenzung betreiben. Aber sie kann nur hier stehen und seine Haarspitzen ansehen.

Er. ist so müde, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten kann. So müde, dass er nicht glaubt, es nach Hause zu schaffen. So müde, weil er nicht weiß, was zu Hause sein soll. So müde, weil er nur in ihren Armen schlafen kann. So müde, weil alles immer gleich abläuft. Weil das Leben keine Überraschungen bereit hält.

Sie. ist so hellwach, dass ihr keine Kleinigkeit entgeht. So wach, dass sie glaubt, nie wieder schlafen zu können. So wach, weil sie viel zu lange schlafend verbracht hat. So wach, weil sie sich fühlt, wie ins Gesicht geschlagen. So wach, weil sie nichts mehr verpassen will. So wach, weil sie alles hätte erahnen müssen. So wach, weil sie nie mehr überrascht werden will.

Er. blickt endlich auf. Möchte ihr noch einmal in die Augen sehen. Möchte sie mit Blicken um Entschuldigung bitten. Möchte sie sich für immer ins Gedächtnis einprägen. Möchte einmal tun, was richtig ist und nicht was er möchte, nur ein einzigen Mal. Er blickt endlich auf.

Sie. ist schon nicht mehr da.

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4 Antworten

Kommentare

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    Mit all den Details und Gegensätzlichkeiten eines Moments: wunderschön.

    08.03.2011, 22:07 von Hexenkraut
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    Gefällt

    03.11.2010, 19:46 von KingSnake
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    Wow. Sehr gut beschriebener Moment. Ich pfeife auf Analyse und Selbstreflekion und Weiteres. Nehme den Text einfach mal als unglaublich gute Beschreibung eines Momentes, der sich gefühlt dahinzog und doch viel zu kurz war, zumindest wenn man mit dem Herzen liest.

    03.11.2010, 13:51 von Cyro
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    Bis auf manche Formulierungen gefällt das irgendwie. Aber unklar, warum es so endet, ist es trotzdem.

    03.11.2010, 13:38 von nyx_nyx
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