frolainHa 17.05.2018, 01:38 Uhr 5 5

Schuhe.

Wenn wir uns wiedersehen, ist aus Dir ein anderer Mensch geworden.

Wir sitzen in Deinem Wohnzimmer, Du rauchst eine selbstgedrehte Zigarette und wir nippen an der selben Flasche Bier. Aus den Lautsprechern tönt Stevie Wonder. Du hörst ihn in letzter Zeit häufiger, meinst Du, weil er „geile Musik“ gemacht hat. Mit mir hast Du nie Stevie Wonder gehört, wieso auch?

Als ich Deine Wohnung betreten habe, sind mir sofort die Polaroids an der Wand aufgefallen. Sie zeigen eine schwarze Schönheit – dieses fremde, neue Mädchen in Deinem Leben – und Dich, der so blass und verloren neben ihr wirkt. Du hast sie nur eine Woche nach unserer Trennung kennengelernt. Einer Deiner Freunde ist nämlich Fotograf, sagst Du, oder zumindest ziemlich talentiert. Nur deshalb hättest Du sie aufgehängt. Ich kenne diesen Freund nicht und von uns gab es nie Fotos an Deiner Wand.

Wir reden über Belangloses. Diese neue Serie, die Du schaust. Es geht um Drogen oder um Korruption oder um Sex, irgendwie hängt das ja alles immer zusammen, aber ich höre nicht wirklich zu, weil ich nichts über Dein neues Leben wissen will. Wir schweifen irgendwann vom Thema ab und machen unsere alten Scherze, da sehe ich plötzlich etwas Vertrautes in Deinen Augen. Der Moment dauert nur kurz an, dann widmest Du Dich wieder Deiner Zigarette.

Du hast es vermisst, endlich wieder mit jemandem über die wirklich wichtigen Dinge im Leben diskutieren zu können. Sie studiert nämlich Politikwissenschaften und ist Feministin, erklärst Du mir, sie ist sieben Jahre jünger als ich, aber irgendwann wird sie im Parlament sitzen, wenn sie nur endlich die Finger von den Drogen lassen könnte. Nur ihre Rechthaberei würde Dich nerven. Ob Du auch immer so rechthaberisch gewesen wärst? Ich nicke nur. „Wie anstrengend“, entgegnest Du. Dann meinst Du plötzlich, mein ewiger Hedonismus sei Dir ohnehin immer am Arsch gegangen.  

Ich frage mich, was Hedonismus für Dich eigentlich bedeutet. Vielleicht die Tage, die wir gemeinsam im Bett verbrachten, ohne jegliches Gefühl für Zeit oder die Welt um uns herum? Die Nächte voller Musik und Rotwein – The Doors, Jimi Hendrix, Miles Davis oder Chopin? Das gemeinsame Kochen, die Tage am See, unsere vielen Reisen oder einfach nur die Momente, wo wir schweigend nebeneinander saßen, ohne das Gefühl zu haben, die Stille krampfhaft mit irgendwelchen unbedeutenden Worten füllen zu müssen?

Ich verlasse Deine Wohnung gegen 4 Uhr morgens. Es ist das letzte Mal, dass wir uns wiedersehen werden.

Im Vorzimmer stehen ihre Schuhe. Sie sind hellblau und hässlich. Beim Nachhausegehen höre ich Stevie Wonder. Ich werde Dich vermissen. Oder den, der Du vorgabst zu sein.


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5 Antworten

Kommentare

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    Was isn dat für ein Typ, der ne Dame mit so einem guten Musikgeschmack gegen eine Feministin austauscht? Hört sich stark nach nem Typ an, der sich schon selbst aufgegeben hat.

    22.05.2018, 06:13 von mirror87
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    jo, und auf dich trifft das alles eben wahrscheinlich ganz genauso zu. überleg dir mal, was du eigentlich gespielt hast oder ob du die latte einfach nur so hoch hängst, weil du dich ja "für was ganz besonderes" hälst. pubertärer scheiß!

    21.05.2018, 21:58 von green_tea
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      weiber, grino, weiber..

      22.05.2018, 08:51 von MaasJan
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    Angenehm lakonisch :)

    17.05.2018, 20:04 von Gluecksaktivistin
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      unangenehm komisch -
      dein kommi

      17.05.2018, 23:04 von green_tea
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