Als ich am Abend unserer ersten Begegnung nach Hause kam, hatte der Mann bereits auf den Anrufbeantworter gesprochen.
Seine Stimme, durch den Apparat komplett unvertraut, erfüllte meine leere Wohnung. Er gab vor, sich von der Richtigkeit der Telefonnummer überzeugen zu wollen, und erstaunlich war allein, dass ich ihn sofort zurückrief, denn ich war ein mäßig begabter Telefonbenutzer. Stimmen ohne Körper machen mir Angst.
Der Mann meldete sich so schnell, dass man glauben konnte, er habe auf meinen Anruf gewartet, doch damit endete bereits der aktive Teil des Gesprächs. Wir hatten beide die Kunst der einnehmenden Rede nicht erfunden und wussten weder etwas zu sagen, noch damit aufzuhören, und so lauschten wir in die Leitung, die allen technischen Entwicklungen zum Trotz immer noch surrte. Als wir uns irgendwann verabschiedeten, blieb ich beruhigt und ein wenig ratlos zurück. Das Schweigen, das wie eine leichte Daunendecke gewesen war, fehlte mir.
Später lag ich zum Schlafen bereit und wartete auf die Angst, die sich normalerweise vor Verabredungen mit mir Fremden einstellte, doch da war nichts, was mich ängstigte, eher ein Gefühl von Unausweichlichkeit. Es gab keine andere Möglichkeit, als den Mann wiederzusehen, denn die Vorstellung, dass er mit jedem Gespräch, das keines gewesen war, aus meinem Leben verschwinden würde, erfüllte mich mit etwas Abgründigem.
In der Nacht träumte ich von Beinprothesen aus Kunstfleisch, das aussah wie Thunfischsteak.
Am neuen Morgen waren meine Beine verschwunden. Ich stand auf den Stümpfen mit meinem Kaffee am Fenster und sah wie jeden Morgen den Nachbarn bei ihrem Leben zu.
Erstaunlich, mit welcher Ernsthaftigkeit sie sich verkleideten, in Anzügen und Kostümen, und die Gesichter hielten sich noch in einem Zwischenreich auf.
Man sollte mit anderen ausschließlich um sechs in der Früh verkehren, wenn sie noch in ihren Pyjamas stecken, die Haare am Kopf kleben und ein wenig Spucke im Gesicht. Mit etwas Glück könnte man dann sogar einen Satz hören, der noch nicht gefiltert und kontrolliert worden war.
Als ich mich an den Schreibtisch begab, um eine Gebrauchsanweisung für einen Pulsmesser zu schreiben, merkte ich, dass meine Beine vorhanden waren. Es sind mitunter die Kleinigkeiten, die einem zu guter Laune verhelfen.
Kommentare
Seltsam schön.
10.01.2013, 12:52 von seek4happiness"...merkte ich, dass meine Beine vorhanden waren. Es sind mitunter die Kleinigkeiten, die einem zu guter Laune verhelfen."
26.12.2012, 15:59 von SirMCPedtaOh ja. Und wenn sie manchmal noch so klein sind:)
Man sollte mit anderen ausschließlich um sechs in der Früh verkehren, wenn sie noch in ihren Pyjamas stecken...
24.11.2012, 19:38 von ein_zipfelchen_zeit_in_der_tascheJa.Ja.Ja.
Und ich mag deinen Schreibstil sehr gern.
Oh, dankeschön! :)
aus vollem herzen gern:)
26.11.2012, 21:56 von ein_zipfelchen_zeit_in_der_tasche"Seine Stimme, durch den Apparat komplett unvertraut, erfüllte meine leere Wohnung"
Wieso ich? Hier gehts nicht um mich...
26.04.2012, 13:56 von konsTanteaaaaaaaaaaaah, dann bin ich ja beruhigt :-D
26.04.2012, 13:58 von steamRichtig!
Das ist schön, das motiviert...
26.04.2012, 14:00 von konsTanteSeltsam.
25.04.2012, 22:52 von cosmokatzeAber find ich gut.
Danke!
"Freaky" war mein erster Gedanke, ich hätte gerne mehr davon ;-)
25.04.2012, 20:42 von Mrs.McHMal sehen, was noch so kommt ;)
25.04.2012, 20:58 von konsTante