lilko 05.03.2010, 21:55 Uhr 7 14

Schöne Nase

Böser Mann.

Ich kenne den Mann nicht, der sich mir gegenüber hingesetzt hat, in der kleinen Kneipe, an dem rotkariert bedeckten Tisch. Er will reden, sagt er.
Worüber, frage ich.
Über die Liebe.
Nein, er wurde nicht verlassen, nicht bitter enttäuscht, nicht betäubend beglückt, von einer vollbusigen Fremden.
Er will nicht über seine Liebe reden, sondern über meine.
Ich blicke von meinem Buch hoch. Über meine Liebe? Kenn ich nicht, gibt es nicht. Lass mich in Ruhe.
Das will ich sagen.
Stattdessen: Du hast eine schöne Nase.
Nein, sagt er. Lacht. Kein Flirt. Ein Gespräch.
Ich flirte nicht, grundsätzlich. Nie. Er hat trotzdem eine schöne Nase. So eine krumme, böse. Ich mag diese Nasen.

Lange wird geschwiegen an dem kleinen Tisch. Budapest wird langsam wach, es ist Freitag Abend. Ein Engländer kommt an unseren Tisch und fragt mich, ob ich einen great fuck will. Nein. Ich will lieber über Liebe reden. Der Engländer geht, der Fremde lächelt. Trotzdem reden wir nicht. Wir schweigen und lächeln. Die Kellnerin mit der Teufelstätowierung kommt und sagt, ich soll was trinken oder mich verpissen. Ich bestelle einen Whisky. Nein, nicht auf Eis.
Dann löst sich meine Zunge und ich erzähle. Erzähle von jeder Liebe, die es für mich gibt, gegeben hat. Von meiner Liebe zu Büchern, davon, wie sehr ich Spinat liebe. Davon, wie ein alter Mann gestern Morgen von der Rolltreppe fiel, wie ich ihm aufhalf und er lachte und sagte,dass das Leben mit dem Alter immer spannender wird und wie ich mich dann auch in ihn verliebte- für den Moment.
Erzähle von A und B und C. Ja, sie küssten und sie schlugen sich.
Der Fremde lacht.
Erzähle von dem Afrikaner, der mich mit vierzehn von einem Schiff werfen wollte und mich stattdessen über die Reling haltend küsste. Mich nicht fallen liess und wie ich trotzdem fiel. Mit vierzehn.
Erzähle, dass ich mir gelegentlich auch das Höschen entzwei reissen liess- und mein Herz gleich mit. Erzähle, warum ich das aber erst später bemerkte.
Weil ich naiv bin, tief drin in mir.
Nein, sagt der Fremde, nur echt, das bist du.
Der erste Whisky geht, der zweite kommt. Ach, und die Flasche Wein.
Ich fange an zu vertrauen, einem Fremden, der sich an meinen Tisch geschlichen hat und meine Gedanken klaut, meine Worte. Ich will gar nicht wissen, wieso, ich rede weiter. Rede von Bärten und Gitarren und Hunden und Schwänzen. Vom Lachen und Weinen. Und warum das alles für mich Liebe ist.
Erzähle auch, warum es sie manchmal nicht mehr gibt. Warum Männer, die mir in der U-bahn zulächeln, mich auf einen Schnaps einladen, mir auf der Straße zuwinken oder mich wissentlich an der Schulter streifen,wenn sie sich Platz bahnen wollen, nur hüllenlose Wesen für mich sind. Warum ich manchmal nicht mit schäumenden Bieren auf Dinge anstoßen will, die ich ja doch nicht fühle, sondern viel lieber alleine Zuhause sitze, Chopin höre, Weisswein trinke und weine. Ja, auch das ist die Liebe. Oder macht die Liebe. Und warum weniger manchmal mehr ist. Und trotzdem zuviel werden kann.
Wieso man Glück nicht wiegen kann und das es Schmetterlinge im Bauch nicht gibt, nur Panzerwagen, die über einen hinweg rollen und einem alles andere rauben, nur die Liebe nicht, diese blöde Hure.
Bitter enttäuscht musst du sein, sagt der Fremde.
Nein, Bin ich nicht. Echt nicht.
Aber man bezahlt eben immer. Für dieses Gefühl. Wenn man die einzige sein will. Und glücklich und zufrieden.
Jetzt kommen Mädchen in die Bar. Mädchen mit weit ausgeschnittenen Dekolletés.
Schönes Wort, Dekolleté, sage ich.
Schöne Dekolletés, sagt er.
Und blickt mich nicht an.
Ja, sagt er. Steht auf. Du bist wirklich naiv. Sehr sogar. Und Spinat- das ist ja ekelhaft.
Der Wein ist leer und obwohl ich weinen will, weil ich das Wort naiv nicht mag und es zweimal, ganze zweimal gefallen ist, muss ich ein bisschen lachen. Der fremde schüttelt den Kopf, ich trinke den Whisky.

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7 Antworten

Kommentare

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    Guter Text, auch wenn die Überschrift zunächst irritiert.
    Aber von Anfang bis Ende ein sehr guter Artikel.

    24.05.2010, 08:53 von Cyro
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    Aber man bezahlt eben immer. Für dieses Gefühl. Wenn man die einzige sein will. Und glücklich und zufrieden.

    oder auch das mit der Hure.
    Finde das Ende nicht so sehr gelungen. Mag das Wort auch nicht.

    24.05.2010, 04:57 von Lisn
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    "Rotkariert bedeckter Tisch" ???
    Wasn das für ne Holzart?

    07.04.2010, 15:32 von Surecamp
    • 0

      @Surecamp die gibts nur in ungarn. aus dem holz des szalámigyümölcs-baumes geschnitzt, sehr nett anzusehen..

      07.04.2010, 22:19 von lilko
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    "Wieso man Glück nicht wiegen kann und das es Schmetterlinge im Bauch nicht gibt"

    – und DASS es....



    07.04.2010, 15:28 von lisbeth_salander
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