HettyCoedwig 19.01.2014, 19:34 Uhr 0 2

Schmerzvolles Verlangen

Wo ist der Unterschied zwischen "lieben" und "geliebt werden wollen"? Was ist eigentlich diese dubiose "Liebe"?

Er war noch nicht bereit für eine feste Beziehung. Es war schon dunkel geworden. Wir saßen auf einer Bank und starrten den Spielplatz an. Ich war mir so sicher, dass er für mich so empfand wie ich für ihn und versuchte ihm meine Situation zu schildern. Wir verbrachten so viel Zeit mit einander, schrieben uns täglich hunderte Nachrichten und ich fühlte mich so wohl bei ihm. Wie er mich ansah, mich berührte, mit mir sprach. Er war zärtlich, liebevoll und gutmütig.
Ich sei noch zu jung. Sagte der, der ganze drei Jahre älter ist als ich und sich mit mir auf einem Spielplatz treffen wollte. Wenn man so viel durch gemacht hätte wie er, würde man das verstehen. Er wurde so sehr verletzt, dass er eine Zeit lang aufhörte zu essen, versucht hatte sich umzubringen und sein gesamtes Leben aus dem Ruder lief. Es würde niemals klappen mit uns.
Ich spürte diese schier unbeschreibliche Leere in mir, als wäre alle Luft auf einmal verschwunden und nichts als mein Gewebe übrig geblieben. Die lärmende Stille lachte mich regelrecht aus. Sie schrie mir ins Gesicht, ich sähe lächerlich aus. Ich sei naiv gewesen und dumm. Gänsehaut überfiel mich wie eine Lawine und spülte alles andere weg. Dann war ich wirklich, vollkommen leer. Ich weinte nicht, denn da war nichts. Nur ein Stechen in meiner Brust. Wie mit einer Nadel die einen Luftballon zersticht. Durch das Loch das dort entstand, strömte mein ganzes Leben hinaus. Mein Leben, mein Glück, meine Freude. Sie wurden mir nicht genommen oder gewaltsam entrissen - nein, im Gegenteil - langsam flossen sie wie Honig durch das Loch in meiner Brust an meinem Bauch entlang zu meinen Schenkeln, meinen Schienbeinen runter und schließlich zu meinen Füßen. Ich sah zu, wie sie leise davon krochen und tat nichts dagegen. Regungslos saß ich da und starrte einfach auf mein Leben, mein Glück, meine Freude wie sie sich schleichend von mir entfernten. Dann spürte ich nichts mehr. Ich war taub. Nicht mal die Leere in mir spürte ich mehr
Es täte ihm unendlich leid. Er wolle mich nicht verlieren. Wir sollten noch Freunde bleiben. Natürlich. Ich wollte ihn um mich haben.

Einige Zeit verging, wir waren uns wieder relativ nah und langsam fingen wir wieder an uns öfter zu treffen, mehr zu schreiben. Es tat wieder gut. Das Loch in meiner Brust füllte sich langsam wieder mit Leben, Glück und Freude. Vor allem Freude. Ich lachte wieder öfter. Ich hatte auch eine neue Freundin gefunden. Sie wohnte auch in meiner Stadt, ging nur nicht auf meine Schule. Sie hatte dieselben Interessen wie ich, denselben Musikgeschmack und lachte über meine Witze. Sie wusste, dass ich ihn immer noch liebte. Das wusste sie ganz genau. Als sich wieder viel mit ihm zu tun hatte und alles war wie vorher, nahm ich meinen Mut zusammen um ihm zu sagen, dass ich noch immer empfand wie vorher. Jetzt würde es klappen. Es war perfekt. Aber ich sei noch zu unerfahren, mir müsse jemand wirklich weh tun um mit ihm auf einer Ebene zu sein, so zu fühlen, so zu denken wie er. Er verabscheute Beziehungen zwischen Mann und Frau in unserer Gesellschaft. Diesmal weinte ich. Nicht über die Tatsache, dass er mich wieder von sich stieß, sonder wegen meiner eigenen Dummheit und Naivität. Es war so vorhersehbar. So berechenbar. Er wollte mich jedoch nicht verlieren. Vielleicht würde sich später etwas zwischen uns entwickeln. Ich sei ein so wertvoller Mensch.
Ich klagte ihr mein Leid und sie tröstete mich zunächst. Doch plötzlich fing sie an zu versuchen mich zu übertrumpfen. Ich erzählte ihr wie er mich hin und wieder berührte, sie sagte, er berühre sie andauernd so. Ich erzählte ihr wie viel wir das erste Mal in Facebook mit einander schrieben, sie meinte sie schreibe jeden Tag so viel mit ihm. Ich dachte es sei normal. Bis ich sie nach einem Konzert mit seinem Sweatshirt und seiner Mütze sah. Sie stellte sich demonstrativ vor mich und zog ihn zu sich um ihn zu küssen. Ich wollte schlucken, doch da war kein Speichel den ich hätte schlucken können. Ich wollte nach Luft schnappen, doch da war keine Lunge, die die Luft hätte aufnehmen können. Ich wollte sterben, doch da war kein Leben mehr, das ich mir hätte nehmen können. Ich verließ das Gebäude und ging nach Hause.

Ich konnte sie ständig sehen. Sie küssten sich immer dann, wenn ich das Zimmer betrat. Es war als spielten sie für mich Theater. Ich hasste sie beide. Und liebte ihn trotzdem mit allem was mir blieb und allem was verschwunden war.

In der darauf folgenden Zeit suchte ich mir neue Freunde, ein neues Leben und neue Interessen. Doch überall wo ich war, tauchten nach einiger Zeit die Beiden auf. Sie verbot ihm allerdings mit mir zu sprechen. Was die ganze Sache noch schmerzvoller machte.
Ich konnte nicht anders als der Sache aus dem Weg zu gehen. Worüber sie sich natürlich wahnsinnig freute. Sie liebte es regelrecht mich zu demütigen.

Als er sie nach einem Jahr endlich verließ, weil er merkte, wie selten dämlich und langweilig sie war, ging alles wieder von vorne los. Ich würde mich nicht wieder verlieben. Ganz sicher nicht. Und was tat ich? Ich verliebte mich von neuem. Ich fand mich allerdings damit ab, als er mir in den nächsten vier Monaten noch drei Mal vor den Kopf stieß. Ich solle aber immer in seiner Nähe bleiben. Im Sommer dann, kam es immer häufiger zu körperlichen Annäherungen von beiden Seiten aus. Wir küssten immer öfter und er fand es angebracht meine Brüste immer häufiger zu berühren. Aber er wollte nicht mit mir zusammen sein. Ich solle warten. Dann gab ich auf. Und wir wurden beste Freunde. Ich lernte jemanden anderes kennen und lieben. Doch als auch er mir zu hören gab, ich solle warten, obwohl wir quasi eine richtige Beziehung führten und wirklich jeden einzelnen Tag Sex hatten,  gab ich die Männer für eine Weile völlig auf.

Einige Zeit später, kamen mein bester Freund und ich uns wieder nahe, schliefen einige Male fast mit einander. Irgendwann gestand er mir, dass er mich immer geliebt hatte und er bereit wäre für eine Beziehung. Das war alles was ich jemals von ihm hören wollte. Doch ich war es nicht mehr. Ich war es wahrscheinlich niemals gewesen. Ich wollte es nur hören. Ich liebte ihn wirklich nur nicht so. Er starb innerlich.

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