Richard_at_Neon 23.07.2012, 22:56 Uhr 71 252

Schmerzumleitung nennt sie das

Dabei vergesse ich dann, was ich eigentlich vorhatte und ihr ist einfach nur egal, was sie vorhatte.

Manchmal wache ich nachts auf, weil sie so heiß ist, ich aber trotzdem meine Finger nicht von ihr lassen kann und will, dass ihr nackter Arsch meinen Schwanz berührt, wenn wir schlafen. Die Wörter „dauer geil“ haben durch sie eine reale Bedeutung für mich bekommen.

Morgens schaue ich ihr gerne dabei zu, wie sie sich anzieht und dabei denkt, dass ich in ihrem Rücken schlafe. Ab und zu dreht sie sich ruckartig um, als würde sie bemerken, dass ich mich schon jetzt darauf freue, jedes einzelne Kleidungsstück – vom Pulli bis zum schwarzen Spitzenslip – wieder auszuziehen. Daraus haben wir unser eigenes, kleines Ritual an jedem Abend, den wir miteinander verbringen, gemacht: Musik im Schlafzimmer aufdrehen, ganz nah beieinander stehen und sich gegenseitig nackt machen.

Bevor sie geht, hinterlässt sie kleine Botschaften in der Küche oder im Bad und weil ich von ihnen weiß, schlafe ich nicht mehr so lange, wie ich eigentlich könnte, weil ich es kaum abwarten kann, zu lesen, was ihr diesmal durch den Kopf ging, als sie meine Nachbarn von gegenüber vom Balkon aus und mit Kaffee in der Hand und in dem roten Korbsessel sitzend beobachtet hat.

Der Typ mit dem roten Schlafzimmer braucht unbedingt Vorhänge. Und die Hände hat er sich auch nicht gewaschen, bevor er sich das Brot geschmiert hat…

Von der Arbeit aus schickt sie mir langweilige Bilder. Was sie isst, was sie sieht, wenn sie aus dem Bürofenster schaut, von den Menschen, mit denen sie in ihrer Mittagspause die Straße überquert. Bei jedem Anderen würde ich sagen, er solle den Schrott für sich behalten, aber wenn ich sehe, dass sie mir ein neues Bild geschickt hat, gehen meine Mundwinkel unweigerlich nach oben. Überhaupt muss ich vielmehr lächeln, seitdem sie aufgetaucht ist.

Für meine Freunde erfindet sie neue Namen, damit wir auch in ihrer Gegenwart über sie lästern können und wenn sie von mir spricht, benutzt sie immer Tiernamen mit Verniedlichung. Neulich begrüßte mich eine ihrer Freundinnen mit Äffchen. Ich musste grinsen, als ich sie neben mir stehend anschaute, sie verzog keine Miene.

Wenn wir uns zufällig tagsüber auf der Straße begegnen, begrüßen wir uns mit nem Handshake, den sie sich für uns ausgedacht hat. Danach ist ihr erster Satz: „Ich habe keine Zeit.“ Und ihr zweiter: „Trinken wir einen Kaffee zusammen?“ Dabei vergesse ich dann, was ich eigentlich vorhatte und ihr ist einfach nur egal, was sie vorhatte. Und wenn wir dann im Cafe nebeneinander sitzen, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Wie ihr Tag war, was der oder die gemacht hat, was sie jetzt und gleich machen will. Mein Leben kommt mir im Vergleich zu ihrem so unspektakulär vor. Und wenn sie dann so erzählt, lachen ihre Augen und ihre Sommersprossen tanzen auf ihrer Haut, während sie wild gestikulierend ihren Worten noch mehr Ausdruck verleiht.

Aber ich bin froh, dass ich auch eine andere Seite an ihr kennenlernen darf. Jeden Tag ein Stückchen mehr. Zum Beispiel mag sie ihre Beine nicht, auch wenn sie das nie gesagt hat, weiß ich es. Sie trägt immer Strumpfhosen – im Winter dicke, im Sommer dünne. Ob das nur mir auffällt? Wenn sie abends nochmal aufs Klo muss, wartet sie solange bis sie es kaum noch aushält, weil sie weiß, dass ich ihr beim Aufstehen auf ihre Beine starren werde oder primär auf ihren Arsch. Den mag sie aber auch nicht. Ich finde die kleinen, fast schon feinen Dellen auf der oberen Hälfte ihrer Schenkel gleich unter ihrem festen Arsch erwachsen. Schließlich ist sie keine 15 mehr, geht straff auf die 30 zu.

Manchmal erzählt sie von früher. Von ihrem Vater, dem Alkoholiker, und ihrer Mutter, der sie es nicht recht machen kann oder jemals konnte. Von ihrer Oma, die viel zu früh gestorben ist, ebenso wie ihre Schwester, die Ältere, keine von den vier Jüngeren. Selten auch von ihren Ex-Freunden und dass sie sich nicht mehr daran erinnern kann, wann sie das letzte Mal ein ernst gemeintes Ich liebe dich gehört hat und ob überhaupt mal. In ihren Augen sehe ich dann so etwas wie Sehnsucht und spüren kann ich diese auch, denn meine Hand drückt sie dann ganz fest, um gegen die Tränen, die in ihren Augenwinkeln brennen, anzukämpfen.

Schmerzumleitung nennt sie das.

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71 Antworten

Kommentare

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  • 3

    der anfang stört mich etwas, sonst wundervoll.

    26.12.2012, 11:00 von Nana1409
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  • 3

    toller typ...

    25.12.2012, 00:08 von Mehrsein
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  • 2

    Nichts gibt einem mehr das Gefühl, geliebt zu werden, als Aufmerksamkeit. Danke für diesen Text.

    24.12.2012, 22:58 von Sommerregen03
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  • 1

    Wirklich schön...dieses Gefühl kenne ich

    24.12.2012, 21:44 von DecemberFlower90
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  • 2

    Klasse!

    24.12.2012, 15:46 von marco_frohberger
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  • 2

    wie wunder-wunder-wunderschön!

    02.08.2012, 23:06 von revolutionsbluemchen
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Schön, schön, schön (:
    Gefällt mir wirklich sehr gut!

    30.07.2012, 22:18 von NoDoubt489
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    gut :)

    29.07.2012, 19:43 von wassakocha
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