lalina 30.11.-0001, 00:00 Uhr 14 82

Schlaflos

Man würde es merken, wenn er gerne Zeit mit einem verbringt.

Ein Flüstern im Flur holt sie aus ihrem ohnehin schon unruhigen Schlaf. Sie lauscht dem Gemurmel und Gekicher, aber versteht nichts. Sein Mitbewohner verabschiedet sich von einer Frau. Ohne tatsächlich zu wissen wie spät es ist, schätzt sie die Zeit auf drei Uhr. Durch den Spalt zwischen den dunkelblauen Vorhängen fällt das Licht der Straßenlaterne. Der Schatten des Fensterrahmens wird auf den weißen Teppich geworfen. Sie starrt auf den Schatten und wünscht sich in Gedanken woanders hin, aber der Geruch und die fremde Haut auf ihrer Haut fühlen sich viel zu real an und verraten ihre Träume. So wie sie sich verrät, während sie hier liegt. Sie denkt darüber nach, was er ihr vor ein paar Stunden gesagt hatte. Er sei kein Mann der großen Worte. Man würde es merken, wenn er gerne Zeit mit einem verbringt.

Seit ein paar Wochen treffen sie sich jetzt regelmäßig. An den wärmeren Abenden sitzen sie draußen und trinken Bier, an anderen in einer Bar mit seinen Freunden. Im Kino waren sie auch gewesen, der nächste Film ist schon ausgesucht. Sie haben freie Tage miteinander verbummelt, er hat ihr Frühstück ans Bett gebracht. Manchmal sitzen sie einfach nur so da, reden nicht, hängen ihren eigenen Gedanken nach, stören sich nicht daran. Sie weiß, was sie von ihm hat: wohldosierte Zweisamkeit. Sie fragt ihn nicht, ob ihm etwas fehlt, aber nicht aus Angst, die Antwort könnte all das beenden, sondern aus Desinteresse. Würde er sich morgen nie wieder melden, sie würde ihn nicht vermissen.

Seinen Arm hat er fest um sie geschlungen und die nackte Haut liegt schwitzend aufeinander. Sie weiß, dass er immer nur dann ihre Nähe sucht, wenn er nicht schlafen kann. Würde sie also jetzt etwas sagen, könnte er sie hören. Ihr fällt nichts ein und sie will auch nichts hören. Sie denkt an ein anderes Bett, einen anderen Arm, einen anderen Geruch, einen vertrauten Menschen. Sie fühlt wie die Hand, auf der ihr Kopf liegt, feucht wird. Stumm laufen ihr die Tränen über das Gesicht. Das ist vermissen.

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14 Antworten

Kommentare

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  • 1

    ...... nicht schön, aber doch so wahr.....

    08.05.2013, 13:16 von Inna_2012
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  • 1

    ich mags sehr 

    03.05.2013, 15:43 von Kaffeeliebe
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  • 1

    ja, das ist Vermissen.

    03.05.2013, 10:30 von Tora
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  • 3

    ich frage mich immer wieder, wie menschen in solche situationen geraten. ich könnte das einfach nicht.


    & das meine ich nicht abwertend. es scheint ja viele zu geben, die sich mit solchen beziehungen trösten oder bei laune halten .. aber das ist nichts für mich. unvorstellbar.

    02.05.2013, 22:37 von CaroKo
    • 1

      Ich kann schon verstehen, dass man mal in sowas reingerät. Allerdings macht das doch bestimmt sehr schnell erdrückend unglücklich. Weil man dann ja gewissermaßen auch Verantwortung für das Seelenleben des anderen übernimmt, welches man ja irgendwann zwangsläufig negativ beeinträchtigen wird...

      05.05.2013, 18:12 von Yangus
    • 0

      In sowas kann man "unbewusst reinschlittern" nur sollte man da schnell wieder raus, für einen selber und der Person die man da beim "schlittern" mitreingezogen hat..hatte ich auch schon, gar nicht gut! Zusätzlich zum Vermissen des "vertrauten anderen" kommt dann nämlich das Gefühl der Perso, die einem Gutes will, schlechtes zutun...wie gesagt: Gar nicht gut.

      23.05.2013, 13:18 von CurlyKatha
    • 0

      Dito. Ich habe in so einer Situation auch lange Zeit den Absprung nicht geschafft. Umso dramatischer war es dann am Ende...

      23.05.2013, 16:30 von Yangus
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  • 1

    wow !!

    02.05.2013, 22:01 von LeleSchroeder
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  • 1

    Oh shit.

    02.05.2013, 20:28 von Siebenschoen
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  • 1

    Sehr schön und absolut treffend!

    02.05.2013, 18:16 von Nicki91
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  • 2

    sehr schön geschrieben, und sehr wahr!

    02.05.2013, 16:26 von LiniBru
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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