jen_fer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 4

Sag es!

Ich will hier nicht über Liebe philosophieren – das machen andere schon genug und besser als ich. Darum geht es hier überhaupt nicht.




Als ich letztes Wochenende bei einem befreundeten Pärchen zu Besuch war, wurde es mir wieder einmal mehr als deutlich. Ich will hier nicht über Liebe philosophieren – das machen andere schon genug und besser als ich. Darum geht es hier überhaupt nicht. Es geht nicht um dieses tiefe, alles verändernde, warme Gefühl, nach dem sich alle sehnen, einige es zugeben und nur wenige es wirklich jemals gefühlt haben. Nein, es geht um den schnöden Ausdruck der Liebe. Das, was die Liebe erst vollkommen und akustisch fassbar macht. Darum, was jeder gerne hören will. Darum, was manchmal die größte Überwindung kostet, wenn man es zuerst sagt. Es geht um das, was in letzter Zeit für alle Zwecke verfremdet und verwendet wird: für das neue paar Schuhe, für die Stadt, in der das letzte Wochenende verbracht wurde, für sie, ihn, es und mich, auf englisch, mit Herzchen oder Abkürzungen. Inflationär schreit es von den Dächern, Werbeflächen, den kleinen Fernseh-Highlights unseres Alltags und den großen Hollywood-Werken, die uns seit Jahren die Illusion der Wahrheit nehmen.

Nur man selbst scheint an akuter Stimmabstinenz und kurzfristiger Sprachlähmung zu leiden, wenn man an der Reihe ist. Und dabei wissen wir doch ganz genau, wie es geht – wie es sich anhören, wie man sein Gegenüber ansehen und wie der richtige Moment aussehen sollte. Wir kennen auch den genauen Wortlaut (zugegeben, drei einfache Worte könnte man auch jedem mittelmäßig talentierten Papagei nach 2 Tagen Intensiv-Training beibringen). Wieso dann also das Drama? Und dabei wollen wir mangelnde Gefühlte als Ursache ausschließen. Über alles und jeden wird heute gesprochen, geschrieben, gepostet, getwittert, ge-alle-weiteren-Arten-der-neuen-digitalen-Kommunikation-mit-denen-wir-unseren-Fast-Freunden-das –neue-Hobby-unseres-Kanarienvogels-mitteilen-möchten. Und wieso können manche von uns es nur so um sich werfen wie eine Konfettikugel an Karneval während andere stumm dasitzen und das Gefühl haben, sie könnten mit diesem einen kleinen Satz eine Katastrophe auslösen, die nur ein Team Superhelden aufhalten könnte?

Es ist nicht schwer oder kompliziert. Eigentlich ist es sogar ziemlich einfach. Es hat nichts mit Mut oder Schmetterlingen oder einer nummerierten Wolke zu tun. Eigentlich ist es doch wie bei allem mit dem ersten Mal: bevor es passiert fürchtet man sich, dann möchte man es so schnell wie möglich hinter sich bringen, und wenn man es einmal geschafft hat, dann wird es besser je öfter man es tut. Bis es sich irgendwann so gut anfühlt, dass man nie wieder darauf verzichten möchte. Und dann fragt man sich, was der Wirbel überhaupt sollte.

Versteht mich nicht falsch. Das soll keine Aufforderung sein, es in tausendfacher Ausführung zu tun. Aber wenn Schweigen wirklich Gold ist und Gedanken die Berechtigung unseres Seins verkörpern, dann möchte ich hiermit auffordern, die Edelmetalle in den Tiefen der Berge zu lassen, aus denen sie kommen und unsere Identität einmal sich selbst zu überlassen. Es ist nichts dabei, ehrlich das auszusprechen, was einem auf dem Herzen brennt und man hat nichts zu verlieren außer dem schlechten Gefühl sich von dem anderen verabschiedet und wieder nicht das gesagt zu haben, was mehr zählt als alles andere. Ein rhetorisch perfekter Schluss würde jetzt das einmalige Ausschreiben des kleinen Sätzchens erfordern, das so viele kleine und große Schwierigkeiten bereitet. Aber da es für den einen besonderen Menschen bestimmt ist, werde ich es mir hier verkneifen. Ich hoffe jeder weiß worum es geht. Und denen, die nicht wissen wovon ich schreibe, wünsche ich, dass sie bald diesen speziellen Moment erleben, bei dem das scheinbar Unmögliche laut durch den Raum hallt oder leise als Flüstern alles Andere verstummen lässt und nur noch die kleinen feinen wichtigen Worte „ich liebe dich“ zählen.


Tags: ich liebe dich
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2 Antworten

Kommentare

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    beim lesen deines textes bereue ich wieder, dass ich es nicht geschafft habe, meinem letzten freund zu sagen, dass ich ihn liebe... so ein ding ist es eben: wer sagt es zuerst... wird man zurückgewiesen... wird es zu konkret. aber sollte ich noch einmal die gelegenheit bekommen, werde ich es ihm sagen. denn nun habe ich ja nichts mehr zu verlieren.

    15.04.2013, 22:59 von GanzAmRande
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    wird ein "ich liebe dich" nicht weniger reizvoll je öfter man es sagt? 

    allerdings stimme ich zu: jedem an dem dir etwas liegt (etwas besonderes, spezielles, schönes, interessantes, usw.), sollte wissen wie du gefühlstechnisch zu ihm/ihr stehst. fakt ist: es kann alles von heute auf morgen vorbei sein. kann man es dann mit gutem gewissen vereinbaren, dem anderen nicht gesagt zu haben, dass man ihn/sie mag, liebt, gern hat, schön findet, attraktiv, usw.? JA, vll sollte man nicht an komplimenten sparen, denn sie machen die welt doch ein stückchen besser und zufriedener ;)

    15.04.2013, 22:21 von Cup_of_Imagination
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