ichmussweg 01.09.2009, 15:45 Uhr 0 0

Run, baby run!

Gute Gründe für einen Besuch in Bamberg: • Besuch der historischen Altstadt • Genuß des Rauchbieres auf der Sandkärwa • Stefan’s Geburtstag

Gute Gründe für einen Besuch in Bamberg:

• Besuch der historischen Altstadt

• Genuß des Bamberger Rauchbieres auf der Sandkärwa

• Stefan’s Geburtstag

Guter Grund, nicht nach Bamberg zu fahren:

• keiner

Zumindest zum Zeitpunkt der Entscheidung, nach Bamberg zu fahren und Stefans Einladung zu folgen, gab es keinen erkennbaren, erklärbaren oder sonstwie definierten guten Grund, dieses Unterfangen bereits im Keim zu ersticken und den Zündschlüssel Samstag abend auf der Anrichte liegen zu lassen.

Also, das ganze Programm bitte! Frisch geduscht, rasiert, die ganz zufällig frisch geschnittenen Haare zum Stachelköpfchen verstrubbelt, overdyed Jeans, dazu ein tailliertes, schwarzes Hemd und genau soviel „Marc Jacobs Men“ damit‘s unanständig wirkt und ab die Post in die oberfränkische Provinz.

Eigentlich hätte es ein toller Abend werden können. Alleine die Aussicht, Stefan nach knapp 5 Jahren wiederzusehen (die letzten 1½ Jahre hatten wir immerhin unregelmäßig regelmäßig miteinander telefoniert und uns am Leben der jeweiligen Gegenseite teilhaben lassen), seinen neuen Freund kennenzulernen, zu sehen wo und wie er jetzt wohnt, hatten mich in eine mehr als euphorische Grundstimmung versetzt. Kein Wunder also, daß dank der größten Stimmungshits von Queen und meinem eigentlich rezeptpflichtigen Endorphinspiegel im Blut die 260 Kilometer mehr als schnell vergingen und ich kurz vor acht Uhr abends vor Stefans Wohnungstür stand.

Völlig ahnungslos, was mich erwarten würde, schleppte ich mich also mit einem überdimensionierten Picknickkorb und einem gerahmten Bild unterm Arm die vier Stockwerke nach oben und da stand er dann.

Lebensgroß. In all seiner Pracht. Immer noch genauso wie früher. Scheisse.

Während ich die letzten 2½ Stunden sehr entspannt und ziemlich gut gelaunt das deutsche Fernstraßensystem genutzt hatte, eröffnete sich mir bereits beim ersten Anblick des Gastgebers und Geburtstagskindes ein vollständiges Pandemonium der aufgestauten Emotionen aus den letzten 10 Jahre.

Dem geneigten Leser sei hier kurz erklärt, daß Stefan und ich Ende 1999 ein kurzes, dafür aber umso heftigeres amouröses Arrangement hatten, das sich bereits unter quasi sittenwidrigen Umständen angebahnt hatte. Sein damaliger Freund wusste nichts davon, ich hatte niemandem, dem ich das hätte beichten müssen und darüber hinaus war Stefan für mich die Erfüllung meiner sämtlichen Sehnsüchte. Sexy as hell, intelligent, witzig, kreativ, charmant, kultiviert und in der Horizontalen blieben keinerlei Wünsche offen. Höhepunkt war 2 Tage vor Weihnachten unsere sehr eigenwillige Interpretation eines Krippenspiels und leidenschaftlichen Sex unterm Tannenbaum hat es seit jenem Tag nie wieder für mich gegeben.

Nach ein paar Wochen bekam ich zu meinem Liebhaber dann doch noch seinen Freund vorgestellt, was dann auch das jähe Ende unserer erotischen Abenteuer darstellte. Getreu dem Motto “Wenn ich dich schon nicht als Mann fürs Leben bekomme, will ich Dich wenigstens als guten Freund!” bastelte ich mit den beiden an einer sich schnell und gut entwickelnden Freundschaft. Man kochte gemeinsam, ging ins Kino, fuhr gemeinsam Zelten nach Österreich und zum kulturell-kulinarischen Entspannen an den Gardasee. Und weil ich scheinbar unendlich leidensfähig war, folterte ich mich nur zu gerne mit Stefans Anblick. Wie die Karotte, die an der Angel vor dem Esel baumelt.

Zurück an der besagten Wohnungstür bildete sich bereits ein hauchdünner Film von kaltem Schweiß auf meiner Stirn und hätte ich die Zeichen zu diesem Zeitpunkt schon deuten können, hätte ich nach dem Ausstoß eines spitzen Schreis mit dem Hinweis “Oh Gott, ich hab’ daheim den Herd angelassen!” auf dem Absatz kehrt machen und den Ort des Geschehens umgehend wieder verlassen müssen.

Erwähnte ich bereits, daß ich insbesondere in emotionalen Dingen manchmal nicht unbedingt schnell von Begriff bin? Nein? Gut, macht auch nix, spätestens jetzt sollten Sie das ja bemerkt haben.

Statt der eigentlich indizierten umgehenden Abreise gab es Umarmungen, Luftküsschen links und rechts, “Alles Gute zum Geburtstag!” sowie “Mein Gott, schön habt Ihr es aber hier…” (ein Satz der im Laufe des Abends mangels anderer unverfänglicher Themen noch ein halbes Dutzend mal in verschiedenen Variationen herhalten musste) und statt der ersehnten Wiedersehensfreude machten sich ein äußerst unschönes Gefühl im herznahen Brustkorb sowie Verkrampfungen dritten Grades entlang des Rückgrates in mir breit.

Daß ich mich bei den restlichen Gästen nur unvollständig oder gar nicht vorgestellt hatte, war mir, obwohl ich unter normalen Umständen durchaus Wert auf Form und Anstand lege, zu diesem Zeitpunkt bereits völlig egal - ich war ja auch gerade mit meinem Eintritt ins Martyrium beschäftigt.

Selbiges fand nach 10 Minuten einen ersten Höhepunkt, als ich Stefans neuen Freund (praktischerweise mit dem gleichen Vornamen gesegnet wie ich) kennenlernte.

• Er: “Hallo ich bin …”

• Ich: “Haha, ich bin auch…”

• Er: “Ja, ich weiß.”

Das war’s dann auch für’s erste. Naja, hätte schlimmer kommen können. Verdammt nochmal, hätte aber auch massiv besser laufen können. Monströs massiv.

Ruhig, Brauner - wird schon werden. Mit einem Mineralwasser bewaffnet auf den Balkon geschlendert (der im übrigen aussah als wäre er eben erst der August-Ausgabe von “Schöner Wohnen” entsprungen) und versuchen, Kontakte zu knüpfen. Alles wird bekanntermaßen gut, solange man ein gefülltes Glas in der Hand hat. Wenn das Glas leer ist, wird auch alles gut, weil man dann locker-lässig zurück an die Theke/in die Küche/an den Kühlschrank flanieren kann und nach dem Nachfüllen beginnt dann das Spiel wieder von neuem. Letztendlich ist das aber mit dem Kontakte knüpfen und unverbindliche Gespräche anfangen auch nicht besonders einfach, wenn man selber den imaginären Kleiderbügel weiterhin im Kreuz und den sprichwörtlichen Stecken im Allerwertesten stecken hat. Also: Schnellstens eine andere Taktik zum Warmwerden anwenden!

Die unmittelbare Rettung vor meiner drohenden Vereinsamung schien wieder einmal Stefan zu werden, der dann plötzlich, fein lächelnd, neben mir stand und mich mit seiner bloßen physischen Präsenz letztendlich völlig um den Verstand zu bringen drohte. Daß er auch noch genau so lecker nach „Kiton“ roch wie vor 10 Jahren, machte die Angelegenheit für mich auch nicht unbedingt einfacher und so verlief das Gespräch eher holperig und immer schön an der Oberfläche. Erstmal bloß nix anmerken lassen, daß einem das ganze Modell gerade nicht ganz geheuer ist…vielleicht wird‘s ja doch noch lustig und dann kommt die offenbar unbegründete Panikattacke eines einzelnen Gastes doch eher ungelegen.

Nachdem sich mir die restlichen Gäste nicht unbedingt in der eigentlich notwendigen Baywatch-Manier bojenhaft an den Hals werfen wollten bzw. mich auch nicht unbedingt großzügig an unverfänglichen und eventuell ausbaufähigen Gesprächsthemen (das wechselhafte Sommerwetter, aktuelles Kinoprogramm, leckere Rezepte für Party-Fingerfood) teilhaben ließen, war es nun also höchste Zeit für Plan B: Alkohol…du bist mein Fallschirm und mein Rettungsboot. Das wusste schon Herbert Grönemeyer.

Zwei Gläser Weißwein später war das Gespräch mit Stefan weiterhin holperig und ich schlingerte wie die Gorch Fock bei Windstärke 10 zwischen den Extremen (wahlweise „Ich klette mich mal an den Gastgeber“ oder „Wo ist die Spalte im Erdboden, die mich aufnimmt?“) durch seine Wohnung, die sich im übrigen hinsichtlich Wohlfühlfaktor mit dem Balkon die Hand reichen konnte und trotz des permanenten Gästeverkehrs weiterhin aussah als hätten die Leute von „Architectural Design“ eben noch das Parkett und die Hochglanzfliesen geleckt.

Während meiner Wanderung zwischen Balkon, Küche und Badezimmer Stefans (zugegebenermaßen hinreissenden) Freund als Vervollständigung für dieses Musterbeispiel an Harmonie und perfekte Gastgeberkultur zwischen Buffet, Gästen und eigenem Vergnügen pendeln zu sehen, gab mir dann endgültig den Rest.

Als ich gute 3o Minuten später auf der Autobahn in Richtung Würzburg endlich wieder eine Herzfrequenz von deutlich unter 120 bpm erreicht hatte, ließ ich das eben Geschehene nochmals auf meiner Zunge zergehen.

Ich hatte irgendwas über 2 Stunden bei Stefan ausgehalten bevor ich endgültig drohte, wie ein Raumschiff mit falschem Eintrittswinkel beim Wiedereintauchen in die Atmosphäre zu zerbersten und zu verglühen. Es tat mir leid, daß ich ihm zum Zeitpunkt meiner Flucht nicht mal sagen konnte, was mit mir gerade los war. Daß ich nach 10 Jahren immer noch in ihn verliebt war. Daß ich es unerträglich fand, ihn einen ganzen Abend riechen, hören und sehen zu müssen, ihn aber, von zwei flüchtigen Umarmungen abgesehen, nicht spüren zu dürfen. Daß es für mich an Folter grenzte, seinen Freund zu sehen, wie er genau die Rolle ausfüllte, die ich immer in Stefans Leben spielen wollte. Daß ich es nie geschafft hatte, mich zu entlieben.

Was blieb, war der letzte Gedanke in meinem Kopf als ich nach einer katastrophalen Verabschiedung endlich durch die Wohnungstür ins Treppenhaus stürzte - „Ich muß weg!“

50 Kilometer vom Epizentrum meines emotionalen Erdbebens entfernt, brachte es Freddie Mercury auf den Punkt.




„Too much love will kill you

If you can‘t make up your mind

Torn between the lover

And the love you leave behind

You‘re headed for disaster

‘cos you never read the signs

Too much love will kill you

Every time.”

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