Plans 06.03.2008, 19:25 Uhr 1 2

Roter Nagellack

Ich spiele. Spiele mit meinen Gedanken. Ich würfel sie und hoffe auf einen Pasch. Ich mische sie und hoffe auf ein gutes Blatt.

Ich spiele Memory. Und ich puzzele.


Mein Telefon klingelt. Aber ich muss kacken. Seit Tagen schon. Ein letzter Versuch. Mir wird heiß, meine Adern drohen zu platzen. Nichts zu machen. Was würde McGuyver tun? Ich zünde mir eine Zigarette an und schlage den Playboy auf. Er liegt auf dem Stapel der Toilettenlektüre. Seite 30. Titten von einer geilen Brünetten springen mir entgegen. Nur ein kleiner, dünner Strich ziert ihren Schambereich. Seite 42. Ein Strapsenluder. Richtig geiler Arsch. Auf der nächsten Seite räkelt sich eine Blondine auf einer Ledercouch. Ihre lange, blonde Mähne fällt leger über die Lehne. Ebenso ihr Kopf. Sie liegt auf dem Rücken, die Beine leicht angewinkelt. Ich überlege zu onanieren, doch ich verwerfe, weil ich noch immer auf dem Klo hocke und eigentlich kacken muss. Zum erstenmal versuche ich ernsthaft einen Artikel im Playboy zu lesen und scheitere nach den ersten dreizehn Zeilen. Es ist nämlich so, dass es mich nicht im Geringsten interessiert, was das Leben diese Nutten in ihrer Freizeit bietet. Ich will knackige Ärsche und geile Titten sehen, die auf eine ansprechende Art und Weise vom Fotografen in Szene gerückt wurden. Ich starre auf die Blonde und hinterfrage den künstlerischen Aspekt, gebe mich der freien Kontemplation hin. Da rammt es sich wie Wattestäbchen in meine Augen: roter Nagellack.
Das war sie. Immer und ständig. Wenn sie das Gemüse schnitt, wenn sie sich schminkte. Wenn sie den Kaffeebecher fest umklammert hielt und in die Tasten prügelte, als müsse sie die gesamte Welt beschreiben, in einer Minute, einer Sekunde. Ein rot lackierter Finger auf dem Auslöser am Fotoapparat, zwei an der Zigarette. Einer, nämlich der Mittlere, um anzukündigen, dass die Möglichkeit besteht demnächst von ihr eins in die Fresse zu bekommen. Drei Finger für ein Schattenspiel. Vier rot lackierte Finger die im Restaurant das Besteck halten, der fünfte abgespreizt. Eine ganze Hand für einen Handkuss- oder einen Schlag. Roter Nagellack. Und nicht nur eine Sekunde einfach nur rot.
Gibt es einen Zwang der ewigen Widerkehr? Meine Gedanken verfolgen mich, lassen nicht los, geben mir nur Sekunden zum Atmen, bevor sie mich wieder in die Mangel nehmen.
Ich spüle unverrichteter Dinge und verlasse das Haus. Eine Stunde später finde ich mich auf einer Bank wieder. Es ist die Einzige im Umkreis von fünf Kilometern, radial gemessen, in alle Richtungen. Direkt davor hat ein Bauer in der Breite von etwa acht bis neun Metern ausrangiertes, benutztes Stroh abgeladen. Auf einer Rückenstrebe der Bank ist eine polnische Liebeserklärung eingeritzt und ein unfertiges „Fick mic“. Ich setze mich. Es stinkt nach Gülle und meine Sicht ist engeschränkt. Weit entfernt zieht ein Zug vorbei. Ein Regio. Er ist rot-weiß. So wie das Rot, welches sie in Form von Nagellack in meinem Kühlschrank lagerte. Ich weiß nicht welches. Es gab unendlich viele. Und sie war viele. Ich beginne Strohhalme zu zählen. Sinnlos. So sinnlos wie sie. In einem Asia Shop für 2, 10 Euro eine aus Thailand importierte Dose Fanta zu kaufen, fünfmal verzollt, einen Schluck daraus zu nehmen und mit einem „schmeckt nicht“ vor denselben Shop zu knallen. Nagellack und Wattepads im Kühlschrank zu lagern. Grundsätzlich nicht am selben Tag aufzustehen und wieder einzuschlafen. Sich bis 00.01 Uhr wachzuhalten. Mit der Bahn von einem Ort zum Nächsten zu fahren, um zu prüfen, ob die Schaffner ihre Arbeit gewissenhaft betrieben und ob und wann in einem Zug wer kontrolliert wird. Und roter Nagellack.
Eine heterogene, säurehaltige Masse ergießt sich über mich. Es regnet. Ich gehe nach Hause. Das Telefon klingelt. Aber ich kann kacken. Ich blättere bis zur Seite mit der Blonden. Roter Nagellack.
Mein Körper verflüchtigt sich zu Staub. Sie nimmt den Handfeger und kehrt mich auf. Um mir einen allerletzten Atemzug zu schenken.

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