Richard_at_Neon 02.08.2012, 22:10 Uhr 29 12

Romantik ist Bullshit

Es folgt Stille – gemacht aus Sprachlosigkeit.

Als ich aus dem Bad komme, steht sie vor meinem Bücherregal. Romantik ist Bullshit steht drüber. Sie trägt mein T-Shirt und ein Höschen. Ihre runden festen Backen schauen ein bisschen darunter hervor, wölben das T-Shirt unterhalb ihres Rückens. Ich freue mich. Sie tut verlegen, als ich neben ihr stehen bleibe, schaut mir in die Augen, fährt mit ihren Fingern über die Bücherrücken, ganz zart, als wären sie irgendwie zerbrechlich. Sie redet von den Büchern, die ich auch bei ihr im Regal finden würde: Berg, Stamm. Sie trifft ins Schwarze. Ich werde rot, greife in ihre Seite und ziehe sie an mich.

Sie küsst mit Leidenschaft und Nähe.

Drei Stunden zuvor betritt sie die Bar. Sie schaut mich erschrocken an, schuldbewusst schau ich weg und wieder hin. Da ist sie weg. Ein Freund fragt nach den Fragezeichen in meinen Augen. Ich ziehe die Schultern nach oben, bin mir keiner Schuld bewusst, sehe sie gerade zum ersten Mal. Er lächelt hämisch: Gefickt und nie wieder gemeldet?

Ich habe kein Gefühl mehr für die Zeit. Die Sonne ging auf, als wir uns ins Bett gelegt haben. Seitdem regnet es und die harten Tropfen klatschen auf das Fensterbrett. In der Zwischenzeit haben wir gefickt, sie hat geblasen, ich habe geleckt. Und auch davor und danach haben wir gefickt, geleckt, geblasen und uns geküsst. Sie weiß, was sie tut und was ihr gefällt. Sie hat ihre Grenzen, aber diese habe ich noch nicht erreicht. Wir liegen unter einer Decke, halten unsere Hände darunter fest und hören zu, was  die Stille – gemacht aus Regen und Atem – uns erzählen will. Sie nickt in Richtung eines Fotos und fragt, wer das sei. Meine Mutter, als sie jung war. Ich sage: Meine Ex.

Es folgt Stille – gemacht aus Sprachlosigkeit.

Sie steht mit ihrer Freundin hinter einer Säule. Ein Typ hat die Hand auf ihre Schulter gelegt und sie ihre Stirn in Falten. Ich sehe Wut und ein wenig Mitleid aus ihren Augen blitzen. Auf das Blabla hin, was aus seinem Mund fließt, schüttelt sie nur den Kopf. Ihre Freundin greift nach ihrem Arm, zieht sie weg. Ich stehe im Weg und doch gerade richtig. Ich höre: Nein, danke. Und bin froh, dass es nicht mir gilt, sondern dem Kerl, der ihr sabbernd nachschaut. Ich lächle sie an und sie lächelt zurück. Sie sagt: Hey! Ich lächle zurück. Ich wusste es ja schon. Sie war kein Fick für eine Nacht.

Die Frau auf dem Foto ist blond, hat nen großen Busen und ist meine Mutter, damit das genaue Gegenteil von ihr – rothaarig mit festen, handlichen Titten und nackt neben mir liegend. In ihr arbeitet es, sie vergleicht sich. Ich lasse sie, bis sie sich alle Antworten gegeben hat. Sie fragt, ob ich Kontakt zu meinen Eltern habe. Ich bin verwirrt, das Gefühl löst sich, als sie von ihren Eltern erzählt. Sie redet mit einer Gleichgültigkeit über sie, die Schläge in der Kindheit wegen nichts und für zu schlechte Leistungen im Sport, in der Schule, bei Wettbewerben. Sie redet von Dunkelheit hinter einer schönen Fassade.

Ihre Kindheit war eine andere als meine.

Sie trägt ein kurzes, schwarzes Kleid aus Samt und Spitze. Ich bin spitz, als ich zum ersten Mal die Strähnen hinter ihr Ohr lege, damit sie mich besser verstehen und ich fast heimlich ihren Geruch auffangen kann. Sie und ihr Duft gehen direkt in die Hose. Sie riecht nach Schnee im Winter und Sonne im Frühling, nach Nacktschwimmen im Sommer und nach buntem Laub im Herbst. Sehnsucht nenne ich das.

Ich erzähle ihr davon, dass ich morgen nach New York fliege und nicht weiß, wann ich wiederkomme. Sie sagt, sie freut sich für mich. Nur ihre Mundwinkel verraten, dass sie lügt. Und ihre plötzliche Eile. Wir schauen auf die Uhr, sie zum Schein und ich aus Interesse. Es ist kurz vor neun, der Tag fast vorbei. Wir haben nichts gegessen, zu wenig getrunken und alles Andere um uns herum vergessen. Dafür hatten wir viel von dem Hier - sie von mir und ich von ihr. Ich versuche nicht, sie zum Bleiben zu überreden, aus Angst etwas zu verlieren. Und genau aus dieser Angst heraus möchte sie gehen, weil sie schon suchen muss. Sie geht, ohne etwas zu vergessen oder zu hinterlassen - außer einem dreckigen Laken.




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29 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Spannend! Ich mag seine selbstsichere Art mit der er ihr Verhalten analysiert. Und der scheinbare Kontrast zwischen Faszination und Simpelheit.

    22.08.2012, 01:05 von Ceci.de.la.Provence
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  • 2

    Das Setting verschwendet den Autor. Das ist zu abgenutzt.
    Gehe ich davon aus, das er es schreibt, weil es seins ist und damit es geschrieben ist, geht es mir als lesbar durch.
    Kokomeinung: Lass die sexy Kinkerlitzchen weg (obwohl Strähne hinters Ohr legen sehr sexy ist...sein kann) und schreib die Leute tiefer aus sich heraus. Da hat der Text seine Stärken.

    04.08.2012, 22:24 von Kokomiko
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  • 1

    GZSZ-ALARM!

    04.08.2012, 16:25 von quatzat
    • 1

      Wo ist Lalina?

      04.08.2012, 19:04 von EliasRafael
    • 2

      Ficken? Lecken? Blasen? Küssen?

      04.08.2012, 19:05 von quatzat
    • 0

      Das Dreckige Laken als Reliquie?

      04.08.2012, 19:07 von EliasRafael
    • 0

      Ja! Gib mir Fremdwortnamen!

      04.08.2012, 19:11 von quatzat
    • 0

      Genitalprosafetischist.

      04.08.2012, 19:15 von EliasRafael
    • 1

      Phimos!

      04.08.2012, 19:16 von quatzat
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  • 0

    Mh. Also deinen Schreibstil finde ich grundsätzlich ganz angenehm, aber den Text empfand ich als ein bisschen diffus und unausgeglichen. Die nüchternen Ausdrücke (wie ficken, lecken, blasen, Sie und ihr Duft gehen direkt in die Hose, das Ende mit dem dreckigen Laken...) stellen für mich persönlich keinen (beabsichtigten?) stimmigen Ausgleich zur zärtlichen Beschreibung dar, sondern wirken irgendwie ungünstig gewählt.

    Die Protagonisten haben mich beim ersten Lesen schon fast ein bisschen aggressiv gemacht (keine Ahnung, was da los war :D). Ist ja aber, ja äh, eigentlich völlig... irrelevant.

    Und das Mutter-Ex-Ding habe ich nicht gerafft...? (Vielleicht sollte ich aber auch einfach keine Texte direkt nach dem Aufwachen lesen.^^)

    04.08.2012, 15:55 von Juliie
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  • 0

    schön.

    04.08.2012, 13:45 von handinglove
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  • 1

    Ganz nett. Aber ein paar Formulierungen find ich schon fragwürdig.

    "Sie geht, ohne etwas zu
    vergessen oder zu hinterlassen - außer einem dreckigen Laken" Mkay?

    04.08.2012, 12:06 von justanotherpicture
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    • 1

      Wird Zeit hart zu werden, ich erinnere dich dran.

      04.08.2012, 11:49 von FrauKopf
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  • 1

     Ich versuche nicht, sie zum Bleiben zu überreden, aus Angst etwas zu verlieren.

    So sind wir! Schade eigentlich manchmal!

    03.08.2012, 23:10 von jacobs
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  • 0

    Dir redet in der ersten Nacht von ihrer Kindheit? Brrr.

    Anfangs wollt ich n Herz drücken, jetzt nicht mehr aber das kommt bestimmt, wenn der erste Schmalz verschwunden ist.

    03.08.2012, 10:05 von FrauKopf
    • 0

      Beschreibt er hier ne erste Nacht?

      Die drei Geschichten sind etwas schwierig für mich teitlich einzuordnen.

      03.08.2012, 10:12 von Tanea
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      Ich lese nur was von Sex und so :)

      03.08.2012, 10:15 von FrauKopf
    • 0

      Ja, klar Sex, wasn sonst ?

      03.08.2012, 10:16 von Tanea
    • 0

      @ Frau Kopf: Ach, das passiert häufiger, als du denkst. Warum auch nicht? In der ersten Nacht hat man nichts zu verlieren.

      @ Tanea: Du kannst sie einzelnd lesen oder in Verbindung bringen - dann aber bitte rückwärts.

      03.08.2012, 10:35 von Richard_at_Neon
    • 0

      Weil sowas affig ist, deshalb nicht.

      Ich möchte nicht nach der erste Nummer seine halbe Lebensgeschichte aufgedrückt bekommen und diese "ach, ich hatte so einen  grauenhafte Kindheit"-Nummer wirkt auf mich immer etwas befremdlich nach Zuwendung heischend.



      03.08.2012, 10:39 von FrauKopf
    • 2

      Ich denke, das kommt drauf an, wie man miteinander auskommt. Welchen Draht man hat. Wenns passt, die Stimmung stimmt und so weiter kann man gerade mit Fremden oft besser reden, als mit Bekannten.

      03.08.2012, 10:49 von Tanea
    • 5

      Warum nur über Oberflächlichkeiten quatschen? Wenn's passt, passt das schon. Ich hör gern zu.

      03.08.2012, 10:50 von Richard_at_Neon
    • 1

      Nur weil ich nicht von der schlimmen Kindheit rede, muss es nicht oberflächlich sein :)

      Aber jedem das was er mag, nech?

      03.08.2012, 10:52 von FrauKopf
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  • 0

    Gefällt mir, auch wenn ich nicht so recht weiß, von wievielen Personen hier die Rede war :)

    03.08.2012, 01:40 von deluecksartist
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