zzebra 23.02.2006, 21:29 Uhr 18 2

Ritual einer Liebe

Ich lebe mit einem Abonnement auf die Liebe. Sie erscheint monatlich und macht mich mit jeder neuen Ausgabe glücklich.

Das Zimmer eine textile Baustelle, benutzte Gläser, Laken quer, die Bettdecke am Boden, halblautes Kreischen aus dem Hinterhof, die Hupe eines ungeduldigen Lieferwagens unter meinen Zehen, die sich ins verschlungene Gusseisen krallen, erste wärmende Sonnenstrahlen über mir. Ich sehe dich um die Ecke schreiten, eine Tüte Brötchen in der Hand. Wippenden Schrittes wirfst du stolz deine langen Haare in den Nacken, lächelst einen Briefträger an, dann dein üblicher Blick herauf, du winkst mir zu. Ich werfe dir einen Kuss aus dem vierten Stock nach unten. Er ist so schwer, dass er dich erschlagen könnte, träfe er dich ins Herz.

Dein Kuss schmeckt warm, vertraut, spielt zungenfertig eine Weise ungleicher Sehnsucht. Du frühstückst nackt im Bett, Krümel verteilend. Das Messer gräbt sich in warme Brötchen, die den Geruch von Butter und Marmelade verbreiten, Bissen für Bissen in deinem Kaffeemund verschwinden, begleitet von unbekümmertem Kauen. Ich sehe dir still zu. Ich habe keinen Appetit, rauche, zeitweise geistesabwesend, eine Zigarette. Ich betrachte dich unentwegt, denn heute Mittag wirst du mich verlassen, so wollten wir es. Nein. So willst du es.

Als es zehn Uhr ist, kann ich davon ausgehen, den Glanz deiner Augen über die Zeit retten zu können. Fest eingegraben, bis du das nächste Mal erscheinst. Tief dunkelbraune Augen, eingerahmt von einem Meer aus Haar und Kopfkissen und zwei Armen, die sich über dir abstützen, damit ich dich nicht noch mehr erdrücke in deinem engen Leben. Ein vertrauliches Wogen im Gleichtakt, ein letztes Mal. Als du die Augen schließt, dich windest, stöhnst und zuckst, könnte ich heulen vor Glück.

Nein, mein Herz. Ich kann nicht. Nicht zum Abschied. Zum Abschied immer ohne mich, du weißt. Du lächelst? Es ist gut so, nenn es überfordert. Verstehe, was du willst. Ich nenne es Liebe, schweige aber. Will dich nur ansehen, deine Bewegungen fotografisch genau ablichten in mir, denn der Alltag ohne dich will mich dich immer vergessen lassen.

Gegen elf Uhr telefonierst du. Ich weiß, dass du ihn anrufst. Er ist dein Leben, ich bin nur eine Episode. Ich darf jedes Wort mitanhören. Wie du unbekümmert lachst, ein Schmatzen in den Hörer schleuderst, familiäre Belanglosigkeiten und Vertrautheiten austauschst, die mich innerlich zerfetzen wollen. Ich lehne nur am Fenster, rauche, suche das Trottoir nach meinen schweren Küssen ab.

"Du solltest dich wieder verlieben, großer Meister!", raunst du mir Punkt zwölf wie nebenbei unter der Tür zum Abschied zu, während du mir in den Schritt fasst und dabei ausgelassen feixt. Ein letztes Halten, ein letzter Kuss, ein stummer Blick von mir, der in mich schreit: "Heut Abend werde ich mich wieder nackt in deine Krümel betten, lass all das Chaos drei, vier Tage unberührt, bis die benutzten Laken kaum noch nach dir duften."

Ich sehe ihr immer wieder nach, die Zehen ins Gusseisen gekrallt, winters wie sommers. Ich werfe ihr einen Kuss aus dem vierten Stock nach unten zu, der lautlos verpufft. Er ist so schwer, dass er sie erschlagen könnte, träfe er ins Herz.

Ich lebe mit einem Abonnement auf eine geheime Liebe. Sie erscheint monatlich und macht mich mit jeder neuen Ausgabe unglücklicher. Immerhin: An Weihnachten gibt es eine Sonderauflage. Macht dreizehn Ausgaben Liebe pro Jahr. Mach's gut, meine Geliebte. Bis bald.

2

Diesen Text mochten auch

18 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    total hinreißend....

    13.01.2009, 16:38 von ini-bini
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wunderbarer Text. Danke für dein Best-of, durch das ich ihn gefunden habe.

    LG,
    Anna

    15.06.2007, 08:17 von NinaBerth
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Das Leben besteht nur aus Augenblicken.....

    25.04.2006, 21:04 von amorodio
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ich habe es bildlich vor mir..und den schmerz fühle ich mit..

    13.03.2006, 14:14 von zepney
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Jaja... *seufz* Glück kann so weh tun...

    11.03.2006, 20:49 von mejami
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Große klasse diesmal, schlicht und bestechend.

    10.03.2006, 18:12 von 9amir9
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Erinnert mich an den Song von Rio Reiser: Es ist vorbei bye bey Junimond:
    Doch jetzt tut's nicht mehr weh
    Ne jetzt tut's nicht mehr weh
    Und alles bleibt stumm
    Und kein Sturm kommt auf
    Wenn ich Dich seh
    Es ist vorbei Bye Bye Junimond
    Es ist vorbei es ist vorbei Bye Bye

    08.03.2006, 10:55 von nannuk
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare