Frau_Irma 30.11.-0001, 00:00 Uhr 8 33

Rika.

Alles auf Anfang.

Als ich Rika sah, wusste ich, dass sie alles verändern würde. 
Ich wusste es, weil es mir zum ersten Mal peinlich war, dass ich hier saß. Hier. Am Bordstein. Auf einer Decke, die von Motten zerfressen und von altem Schweiß durchtränkt war. Die auf jedem Millimeter eine Geschichte erzählte, die schon längst keiner mehr hören wollte.
Bis zum heutigen Tag – einem Dienstag im April – war es mir egal. Es war mir egal, dass ich kein Dach über dem Kopf hatte. Kein Geld und nicht mal eine anständige Hose. Es war mir egal, dass ich die Menschen in U-Bahnen und auf der Straße anbettelte, damit ich mir etwas zu Essen kaufen konnte.
Ich hatte alles verloren. Schon vor Jahren. Und wenn man einmal den Faden loslässt, den man Leben nennt, dann hangelt man sich an letzten Strohhalmen von einem Tag zum nächsten. Verliert das Zeitgefühl. Und das Gespür für sich selbst.
Man vergisst die Zeiten, in denen man noch ein Zuhause hatte, ein Leben, eine Rentenversicherungsnummer und einen Briefkasten, einen laminierten Mitgliedsausweis und ein gesellschaftliches Ich. 
In denen ich ein Mann war, dem die Menschen mit Respekt die Hand schüttelten – und ihm nicht fünfzig Cent und einen mitleidigen Blick zuwarfen.
Die Straße war keine Entscheidung. Sie war vielmehr das Ergebnis. 
Das Ergebnis davon, dass ich plötzlich nicht mehr wusste wohin. Und zu wem. Das Ergebnis von zu viel Stolz, der mich davon abhielt, Sozialhilfe zu beantragen. Die Unfähigkeit einzusehen, dass ich gescheitert war. An mir. Am Leben.
Als Waisenkind lernte ich früh, dass man alles verlieren kann. Oder besser gesagt: dass man nichts mehr zu verlieren hat. Man lernt, dass man letzten Endes immer alleine ist. Und dass es diese – auf klugen Kalendersprüchen oft zitierte – Hand, die einen hält, wenn alle Stricke reißen, einfach nicht gibt.
Ich hatte es ja versucht. Das gute Leben. Das richtige Leben. 
Aber wenn du nichts mehr hast, was dich antreibt, bleibst du irgendwann stehen und das Leben rollt unbarmherzig über dich hinweg.
Es war ok. Irgendwie war es ja auch ein Stück Freiheit. Das redete ich mir zumindest ein. Aber eigentlich war Freiheit nur ein Synonym für Aufgeben. Ich hatte aufgegeben, an mich zu glauben. Denn ganz offensichtlich hatte das nicht gereicht. Ich hatte viel gearbeitet und noch mehr riskiert. Und letzten Endes hatte es doch nichts gebracht. Ich fand keine Motivation mehr. Warum sollte ich mich an die Regeln halten, wenn ich doch nur verlieren konnte? 
Ich lebte nicht gegen das System, sondern ohne das System. Es machte mir nichts aus, fremde Menschen anzusprechen. Sie zu fragen, ob ich ein bisschen von ihrem Geld und ein Stück ihres Lebens haben konnte. Dafür hatte ich zu wenig Respekt – vor den anderen, aber hauptsächlich vor mir selbst.

Das erste Mal, dass es mich störte – dass mich überhaupt mal wieder etwas störte – war, als ich Rika erblickte. Sie wurde mit dem Strom aus Menschen, die sich aus dem U-Bahn-Tunnel schlängelten, in mein Leben gespült.
Ich hatte schon lange nicht mehr richtig in die Gesichter der Menschen geblickt. Doch ihres fiel mir sofort auf. Ihre Augen hatten noch diesen Glauben, die Hoffnung und Zuversicht, die ich schon längst verloren hatte. Wie lange hatte ich schon keine Frau mehr als Frau wahrgenommen?
Ein junger Mann schmiß ein Zwanzig-Cent-Stück in meinen kleinen Plastikbecher. Ich nickte kurz, ohne Rika aus den Augen zu verlieren. Dann sah ich, wie sie anfing, ihre Handtasche zu durchwühlen. Und da wurde mir bewusst, dass sie nach etwas Kleingeld suchte. Für mich.
Ich wurde rot. Ich wurde rot vor Scham. Ich wollte kein Geld von ihr. Ich wollte nicht, dass sie mich so sah. 
Zum ersten Mal seit Jahren wünschte ich mir, ich hätte geduscht.
Ich wünschte mir, ich würde ein frisches Hemd tragen. Und ich wünschte mir, dass ich sie zu einem Kaffee und einem kleinen Stück Kuchen hätte einladen können.
Lächelnd ging sie an mir vorbei. Sie warf mir das Geld nicht zu, sondern legte das Zwei-Euro-Stück behutsam in meine Hand.
Ich spürte plötzlich den Impuls, nach ihrer Hand zu greifen, schreckte vor meinem eigenen Gefühlen zurück und entdeckte dann das kleine Lederarmband an ihrem Handgelenk, mit vier kleinen, aufgefädelten Steinperlen. Jede von ihnen trug einen Buchstaben: R-I-K-A. 
Ich wurde rot vor Scham und Aufregung. Erst als sie hinter der nächsten Ecke verschwunden war, wurde mir bewusst, dass ich die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. So, als ob ich damit für einen kurzen Moment die Zeit hätte aufhalten können, weiterzulaufen. So, als hätte ich Rika aufhalten können, weiterzulaufen.
Ich sah auf die große alte Uhr am Bahnsteigeingang. 
Es war viertel nach neun.
Viertel nach neun. Vielleicht würde sie morgen wieder kommen.
Vielleicht. Mein Ziel für heute war es nicht, genügend Geld zu erbetteln, um mir etwas zu Essen zu kaufen. Mein Ziel war es, heute noch irgendwo zu duschen und morgen um viertel nach neun mit einem frischem Hemd wieder hier zu sitzen. Mein Ziel war es plötzlich weiterzukommen, wieder aufzustehen. Mein Ziel war es, mehr über das Mädchen mit dem Lederarmband zu erfahren. Und ich wusste, dass ich es schaffen würde.


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8 Antworten

Kommentare

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    Das Ende ist wirklich etwas verwirrend aber in Summe ein gelungener Text. Eine Fortsetzung wäre wirklich toll.

    17.08.2015, 11:52 von ChristianLanger
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    Schöne Geschichte.

    16.08.2015, 13:28 von Der_Matze
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    Tolle Geschichte, gern mehr.

    14.08.2015, 13:41 von Die_Moni
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    Große Klasse! Ich möchte bitte mehr von der Geschichte lesen!

    17.07.2015, 09:48 von Geschichtenschreiber
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