Rewind.
Wenn wir endlich nicht mehr sind, bist du du und ich bin ich.
Und schon wieder ist November und schon wieder balanciere ich in nassen Turnschuhen über die Bordsteinkanten der Stadt. Die Stöpsel von dem alten roten Walkman drücken in meinen Ohren, sie sind etwas zu groß. Der Walkman ist auch zu groß und alt und macht schnarrende Geräusche beim Abspielen. Du hast ihn mir geschenkt, Finn. Vor zwei Jahren zu meinem zwanzigsten Geburtstag. Weißt du das eigentlich noch? Ich habe ihn ja kaum benutzt. Er sieht so kindisch aus. Und ich bin nun mal keins von diesen Mädchen mit Ponyfrisuren, die Kassetten und Schallplatten lieber mögen als ihren i-Pod. Ich hänge mir keine Polaroids mit Gegenlichtaufnahmen an die Wand, ich trage keine Streifenpullis und fahre kein buntbemaltes Hollandrad. So bin ich nicht, aber du wolltest immer, dass ich so bin.
„Sei nicht so erwachsen Krissi.“ hast du oft gesagt.
„Kristina. Ich heiße Kristina.“ antwortete ich.
Heute habe ich es dann wieder rausgekramt, das kindische Ding. Es lag in der Kiste mit all den Kassetten, die ich auch nicht mehr höre.
Ich ziehe an einem der Stöpsel, weil er so weh tut und schon schwappt die Realität durch mein Ohr, Straßenlärm. Schnell stecke ich ihn doch wieder rein. Die Beats klopfen meine Erinnerungen wach. Ich will mich nicht erinnern, aber es geht nicht anders.
'In the end, there’s always regret.'
Gestern saßen wir wieder voreinander. Die Haut um deine Fingernägel herum war wieder so rau, wie immer im Winter. Du hast wie immer daran rumgezupft und ich habe dir wie immer auf die Hand geschlagen. Aber du hast nicht wie immer gelacht. Nichts war wie immer.
Du hast auf den Fußboden gestarrt, als würdest du die Maschen des grauen langweiligen Teppichs zählen. Und dann bist du zur Stereoanlage gegangen, leicht gebückt, und hast die Musik lauter gedreht, damit wir die Stille nicht mehr hören. Sie wurde noch lauter.
Dann begann ich die Maschen des grauen langweiligen Teppichs zu zählen. Und dachte daran, wie es war, zum ersten Mal barfuß hierüber zu laufen. Am Tag nach unserem Einzug. Als die Wände noch strahlend weiß waren und die Luft noch so neu und unverbraucht.
Es waren nur ein paar weiße Wände, ein paar dunkle Türen und ein paar große Fenster. Aber es war unser Abenteuer. An unsere Wohnungstür hast du groß wir geschrieben. Nicht dein Namen, nicht mein Name. Wir. Und jeder wusste, dass es unsere Wohnung war.
Wir hörten Kettcar-Songs, obwohl ich Kettcar gar nicht mochte, weil sie zu pathetisch sind, oder zu treffend. Aber wir waren glücklich, obwohl ich nicht ans Glücklichsein glaubte.
'Hier die Summe unseres Alltags in zwei gepackten Koffern. Diese 2 Zimmer Altbau. Dieses klein Idyll.'
So lange hatten wir gewartet. Hatten mit brennenden Augen vor unseren Monitoren gesessen und versucht mit Wörtern aus Pixeln die Distanz zu vernichten. Und oft genug brannten sie so, dass sie tränten. Oder weinten. Manchmal erkannte ich den Unterschied selbst nicht mehr.
Dreihundert Kilometer waren zuviel für uns. Ich saß da, in Räumend die stumpfinnig machten und schmierte deinen Namen auf Rechenkästchenpapier, während der Lehrer vorne von Dingen redete, die man bekanntlich eh nie wieder braucht. Es reichte nicht. Es reichte nicht am Wochenende in den Zug zu steigen und irgendwann jeden verzerrten Baum am Rande der Schienen zu kennen. Freitag, Samstag und Sonntag reichten nicht. Aber wir dachten, die Zukunft würde reichen. Sie wäre groß genug für uns beide und für unsere Träume. Wir irrten uns. Wir verirrten uns.
Die Zukunft war zu groß für dich. Du hast deine Träume darin verloren und vielleicht sogar dich selbst.
„Ich weiß nicht weiter.“ hast du Richtung Decke geflüstert, wenn wir nachts im Bett lagen und die fremden Geräusche der neuen Stadt wieder einmal versuchten dich auf die Realität aufmerksam zu machen.
Und dann bist du eingeschlafen und vor Mittag nicht aufgestanden. Und ich saß wieder einmal in Räumen, die stumpfsinnig machten und schmierte deinen Namen auf Rechenkästchenpapier und versuchte die Dinge zu hören, die der Dozent dort vorne erzählte, weil ich sie bestimmt einmal brauchen würde.
Es waren keine dreihundert Kilometer mehr und wenn ich nach Hause kam, lief laut Musik und du warst gerade dabei zu frühstücken.
„Sei nicht so erwachsen.“ sagtest du, wenn ich am Schreibtisch saß. Vier aufgeschlagene Bücher vor mir, mit all den Pflichten die ich erfüllen wollte. Du wolltest mich vom Stuhl hochziehen und die Musik aufdrehen und mit mir durchs Zimmer tanzen.
„Lass das Finn. Ich muss lernen.“
„Krissi, sei…“
„…nicht so erwachsen. Ich weiß. Und mein Name ist Kristina.“
Und ich dachte: Sei doch mal erwachsen, Finn.
Abends lagst du dann wieder da und hast „Ich weiß nicht weiter.“ geflüstert.
'My Bed is unmade like everything is.'
Und ich wollte dir helfen und hab mich die nächsten Tage vom Stuhl hochziehen lassen. Wir sind durch die zwei Zimmer getanzt und wir standen verschwitzt auf Konzerten in der ersten Reihe. Wir sind betrunken nach Hause gekommen und hatten Sex auf dem grauen langweiligen Teppich.
Aber morgens bin ich immer aufgestanden und du bist liegen geblieben. Und hattest Albträume, weil deine Träume gescheitert waren.
Irgendwann erzähltest du mir nicht mehr, dass du nicht weiterweißt. Irgendwann erzählte ich dir nicht mehr, was ich tagsüber erlebt hatte. Irgendwann hörten wir nur noch Musik und sperrten den Straßenlärm aus. Wir lachten viel zu viel und wir zitierten Zeilen aus unseren Lieblingsliedern, um etwas zu sagen.
Ich dachte, es sei egal. Das Drumherum wäre egal, es käme nur auf das wir an, das auf unserer Wohnungstür geschrieben stand.
Aber wir existierten schon lange nicht mehr. Die Distanz hatten wir besiegt, aber der nächste Krieg hieß Realität und den verloren wir.
Etwas mehr als zwei Jahre überlebten wir. Dann bist du zur Stereoanlage gegangen und hast die Musik lauter gedreht.
„Ich weiß nicht weiter.“ hast du geflüstert. „Das einzige was ich weiß ist, dass es nicht weitergeht.“
Es waren keine Wörter aus Pixeln, aber die Augen brannten uns trotzdem. Weil die Distanz wieder da.
Ich starrte deine Hände an und die raue Haut um deine Fingernägel.
„Warum bist du nicht anders?“ fragte ich.
„Warum bist du nicht anders?“ fragtest du.
'In fact you’re just fiction.'
Der Walkman mischt sich wieder mit seinem schnarrenden Geräusch in das Lied ein, das gerade läuft.
Ich war genauso wenig ich, wie du du warst in den letzten zwei Jahren. Vielleicht gelingt es uns jetzt, wir selbst zu sein, weil wir nicht mehr wir sind.
Ich bin gar nicht erwachsen. Es ist schon wieder November und die Zukunft reicht nicht mehr. Weil der wichtigste Traum gestern zerplatzt ist.
Ich balanciere weiter über die Bordsteinkante, wie ich es als Kind immer gemacht habe. Ich drehe am Lautstärkerädchen und spüre den Beat bis in meine nassen Füße hinein.
Als der Song zu Ende ist und ich Rewind drücke, um den Song noch einmal zu hören, übertönt der Realitätslärm wieder das trotzige Schnarren und ich bekomme Angst.
'We are nowhere and it’s now.'


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Kommentare
ein dickes lob von mir...du inspirierst mich...danke
01.07.2007, 23:08 von the_colliderWieder so ein Text, bei dem ich mir wünsche, dass er nicht endet, weil er dazu einfach viel zu schön ist. Auch wenn der Text nichts Schönes beschreibt, so möchte ich mich doch darin verlieren, mich einfach fallen lassen, nicht denken, nur lesen, und mich von deinen Worten umarmen lassen.
19.04.2007, 14:14 von MarieStarKlasse, ganz große Klasse! Danke für den schönen Text!
29.01.2007, 22:34 von Volkarachoschön.
20.11.2006, 00:47 von a-n-n-awirklich.
:)
Man lese den Text, und höre "Calling All Angels" von Lenny Kravitz
15.11.2006, 18:30 von thesheepwunderschön
@thesheep ich misch mich ja eigentlich nicht in die diskussionen zu meinen artikeln ein, aber:
15.11.2006, 18:38 von moi_juditabitte doch noch lenny kravitz, wo es so viel gute musik gibt. bitte nicht.
bright eyes passt doch. oder, was ich beim schreiben gehört habe, für die richtige stimmung: neil on impression.
und wo ich jetzt eh schon mal dabei bin:
es ist ja sehr nett, dass man mir alles gute wünscht.
allerdings: dieser text ist wie alle nicht auto-biografisch.
mir geht es gut und ich bin nicht erwachsen und ich mag kassetten und schallplatten und ringelpullis. ja.
punkt.
@moi_judita Hallo,
15.11.2006, 21:21 von horazioversuche es doch als Lob zu sehen, dass alle deine Geschichte als biographisches Stückwerk sehen. Sie haben sich halt schnell mit deiner Erzählerin identifiziert, weil sie authentisch rüberkommt. Das spricht eindeutig für dich, auch wenn ich verstehe, dass du es noch einmal klarstellen willst.
Super Geschichte. Ich glaube, wenn ich so schön und gut strukturiert schreiben könnte, dann würde ich den ganzen lieben Tag nichts anderes mehr machen.
Dein Text hat mich gebannt.
15.11.2006, 18:02 von kommunikativMir geht es in diesen eigentlich noch zu schönen Novembertagen auch nicht gut.
Ich versuche auch die Realität zu übertönen, und hab auch Angst vor dem was kommt.
Vielleicht tröstet es uns ja, dass es im Moment einfach auch noch andere Menschen gibt, die ähnliches durchleben.
Alles Gute :)
Das ist echt traurig.
15.11.2006, 17:58 von frolleinmuellerErst vor Kurzem ist mir aufgefallen, wie schön Du schreibst. Mit diesem Text hast Du es bestätigt.
15.11.2006, 16:45 von el_vientoSehr, sehr schön.
Bleib Du selbst!
15.11.2006, 16:25 von firemouse666