linksrum 17.01.2010, 17:29 Uhr 2 1

Relativ.

Gefühl ist absolut. Verstand hat Varianz.

„Ein Novembertag.“ - war der Gedanke. Trist und grau an einem Sonntagnachmittag, vor dem Fenster des Cafés passierten nur Pärchen Hand in Hand. Schon eine halbe Stunde, und sie hatten nur metaphysische Sätze gewechselt. Noch einmal würde sie aber keine zwei Stunden Nonsens quatschen, um dann doch nicht auf den Punkt zukommen.

Im November fing alles an, dachte sie. Drei Mal saßen sie zusammen in drei unterschiedlichen Cafés (dass es so viele überhaupt in dieser Stadt gab...) und erst beim dritten Mal klärte sie ihn auf. „Ich bin bei 70%, wenn wir alleine sind. Sonst nur 20.“ Kryptisch klärte sie ihn auf, es ging ihr um Sicherheit über ihr Verhältnis. Bei ihm wäre es ähnlich, er hätte keine Lust auf mehr. Alles lief besser. Klarheit, dachte sie, ist doch die beste Lösung. Dabei wollte sie „0 Prozent“ sagen, hatte allen gesagt, es wären Null Prozent. Sie wollte ihm nicht weh tun, er wirkte verletzlich. Sie hatte das Gefühl, dass mehr dahinter steckte. Noch ein oder zwei Mal war er bei ihr. Abends wirkte es wie eine Siebzig-Zwanzig-Konstellation. Draußen hatte sie Angst, jemand könnte die beiden sehen. Irgendwann war es vorbei. Sie redeten, lachten zusammen. Aber das Verhältnis war kein Verhältnis mehr, sondern eine Freundschaft.

„Welcher ist heute...? Ach, der 17. Januar“, antwortete sie selbst. Kein Novembertag, sondern ein Januar. Ein Januar danach. Nachdem sie wieder ein Verhältnis hatten. Sie hatte ein Verhältnis mit ihm, er nicht. Zum ersten Mal zu ihm, waren sie gegangen. Es war ein langes, anderes Aufwachen. Ein glückliches, für sie. Dafür blieb sie zu lange. Sie wollte nicht raus, weil draußen etwas wartete. Das Erwachen aus einer zweimonatigen Fata Morgana. Nichts da mit 20-70. Die Frage, warum sie sich dieses Verhältnis eingeredet hatte, stellte sie schon nicht mehr. „Ich bin bei 80 Prozent“ - total bescheuert! „Ich hab schon verstanden“, sagte er. Es war genau nach 45 Minuten im Café und er schwieg. Pärchen, das Graue und die Tristesse schrien das „Und jetzt?“ in ihr Gesicht. Zahlen sind scheiße, Recht hatte er. Das machte es nicht besser. Egal, wo sie die null, zwanzig oder siebzig Prozent hergenommen hatte, das war totale Scheiße gewesen. Und hätte sie einmal hingehört, dann hätte sie es damals schon gewusst. Hoffte sie. „Wir behandeln das jetzt aber wie Erwachsene“, sagt sie zum Abschied. Das hätte sie mal vor zwei Monaten tun sollen. Auf dem Heimweh weinte sie keine Träne, sie hatte hundert Prozent Sicherheit. Über ihn, und über ihr Unvermögen, auf sich zu hören.

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Kommentare

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    Ach ja, damals, da gabs noch gute Texte - seufz

    12.02.2019, 22:46 von Gluecksaktivistin
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    Jo, Gefühlsprozente sind absoluter Quatsch.

    18.01.2010, 17:53 von coronaria
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