Regiearbeit
Mir ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.
Ich bin dein Traum.
Ich bin der Traum, der mit Kir Royal und nur einem Blumenkleid bekleidet auf deinem Bett sitzt, auch manchmal der Traum, der noch mehr als du von Goethe und fast so viel von Mozart versteht. Eisgekühlte Himbeeren, meine nackte Haut im Mondlicht, die schönste Stimme, die je in dein Ohr geflüstert hat. Der Traum, der sich mit dir betrinkt, mit dir Erotikfilme kuckt und mit dir schläft. Ewigweiblich. Und der Traum, der weit entfernt von deinem Zuhause auf dich wartet und sich immer wieder neu für dich inszeniert.
Du spielst mit in diesem Theater, manchmal übernimmst du die Regie. Aber wir inszenieren aus verschiedenen Gründen.
Ich, weil wir nicht zusammenpassen. Weil wir so unterschiedliche Energien haben, dass ich dich erschlage, wenn ich nicht das schöne, betrunkene Mädchen im Blumenkleid bin. Ich tu es für dich. Damit es uns geben kann.
Du tust es für dich. Ich bin dein Traum, diese Affäre, in dem Bett weit weg von deinem Zuhause, die du besuchen kannst, wann immer du willst, der gegenüber du aber keine Verpflichtung hast. Ich bin der Traum, den ich jedesmal neu für dich inszeniere, solange du da bist. Du kommst erst nach einigen Wochen wieder, meist sind es zu viele. Ich aber bleibe hier, mit allem, was mich an dich erinnert, sogar das Haus deiner Eltern sehe ich von meinem Fenster aus, der Salzstreuer über meiner Wunde. Deine ist schnell verheilt, nicht wahr?
Diese einigen Wochen bist du dann weg, in denen du dein eigentliches Leben weit fort von zu Hause führst. In diesem Leben hast du deine Freunde, deine Musik und dein Bier. Und auch diese Frauen, die, die du schön findest. Aber die lange nicht an mich herankommen, da sie nicht an dich herankommen, und das weißt du. Wir sind einander gewachsen. Für dich bin ich mehr als eine Freundin, mehr als eine Affäre. Nur ich weiß, dass ich viel weniger bin. Ich bin dein Traum.
Weißt du, ich bin nicht eifersüchtig auf diese anderen Frauen. Nur dann, wenn du mir Schmerzen mit ihnen machst. Wenn du sie ansiehst, wie du mich manchmal ansiehst. Ob du mit ihnen ins Bett steigst oder nicht ist mir egal, aber deine Blicke habe nur ich verdient. Sei nicht zärtlicher zu ihnen als zu mir.
Wir beide wissen, warum wir zusammen sind: Wir retten uns. Ich, weil ich weit in dich hineinsehen kann, dich hinnehme, ohne zu fragen, dir nicht helfe, dich nicht verändern will, dir alle Freiheit der Welt lasse und trotzdem da bin. Du, weil du mir gewachsen bist, ich dich nicht verarschen kann wie all die anderen, du meinen Horizont erweiterst, du weißt so viel, auf manchen Gebieten fast so viel wie ich, manchmal ein wenig mehr. Noch nie bin ich so sehr gerettet worden wie von dir, ohne dass du ein Wort sagen musstest. Du sagst nie etwas. Nur selten, wenn du sehr betrunken bist und einen guten Tag hast. Wenn deine Antidepressiva richtig eingestellt sind. Ich sage auch nichts mehr. Nur manchmal plappere ich, wenn ich die Stille nicht ertragen kann. Während wir miteinander schlafen, da ist das mit dem Reden leichter. Dann berührst du meine Seele und ich kann reden, nur einen Satz, vielleicht zwei. Dass ich dich vermisst habe.
Manchmal ist dein Schweigen besonders schlimm, dann, wenn dir das Plappern weh tut. Wenn du nichts mehr sagen kannst, weil in deinem klugen Hirn etwas aussetzt, ich sehe es an deiner Stirn, deine Bewegungen sind noch fahriger und getriebener als sonst. Und dann schreie ich innerlich so laut dass mir alles weh tut und es ist ein großes Geschrei in meinem Herz und du hörst gar nichts davon, du tauber Idiot. Ich habe Schmerzen, doch du fühlst sie nicht. Ich schreie nach Hilfe, doch du hörst mich nicht. Und du weißt dann nicht einmal, dass du mich jetzt unbedingt in den Arm nehmen müsstest.
Du bist krank. Schon lange. Fast hättest du dich zugrunde gerichtet, hattest die Schwelle zum Tod eigentlich schon überschritten. Nun richtest du dich eben langsam zugrunde, Alkohol und Psychopharmaka sind keine gute Mischung, deine Leber ist mit 21 sozusagen nicht mehr existent. Leider ist dir das meist relativ egal. Manchmal, glaube ich, kämpfst du noch mit dir, doch auch wenn ich wüsste, wer dir helfen könnte, vertraust du nicht darauf. Zu viele, die dir helfen wollten. Manchmal glaube ich, leide ich mehr darunter als du, wenn du die morgendlichen Sonnenstrahlen nicht ins Zimmer lassen willst. Wärst du gesund, könnten wir nebeneinander laufen, ohne dass es sich komisch anfühlt, denn dann gingen wir im Gleichschritt. Dann müsstest du nicht inszenieren, dass du stark bist, um zu gefallen. Bei mir tust du das sowieso nicht mehr, hast du es überhaupt jemals getan? Vielleicht inszenierst du viel weniger als ich.
Gerne betrinken wir uns und viel. Dann ist die Wärme da, um die wir uns tagsüber betrügen. Wir inszenieren, um die Stunden herumzubekommen, in denen wir nichts zulassen. Kennen gelernt haben wir uns betrunken. Betrunken waren wir auch, als wir zum ersten mal miteinander schliefen. Meistens sind wir in den Momenten betrunken, in denen wir uns lieben, viele sind es nicht. Betrunken sind wir auch, wenn wir uns besonders vermissen. Doch seit einiger Zeit bekomme ich nicht mehr diese SMS, die man nur schreibt, wenn man betrunken ist. Und weißt du, ich glaube wirklich, dass Betrunkene die Wahrheit sagen.
Vielleicht sollte ich dir einfach einen Brief schreiben, in dem ich dir all das sage, oder einen Teil davon. Ein paar Gefühle. Nichts großes. Doch ich weiß nicht, ob du das willst. Ich habe große Angst, dich zu verlieren, wenn ich dich mit Nähe überfordere. Aber ich möchte mich nicht mehr klein machen um von dir berührt zu werden, denn ja, manchmal berührst du meine Seele, ich spüre viel, wenn du mit mir schläfst, ich spüre dann die Nähe, die du mir tagsüber nicht geben kannst. Du hörst ja meine Schreie nicht. Vielleicht schreibe ich das hier in der Hoffnung, du könntest es lesen, wenn du meinen Laptop durchstöberst. Vielleicht veröffentliche ich das hier in der Hoffnung, du liest ein paar Texte, hier, auf dieser Internetseite, auf der dieser Du-Text nur einer von vielen ist und dazu noch kein besonders Guter. Du hättest besseres verdient.
Ich glaube, du bist mitlerweile ziemlich glücklich in deinem Leben, aus dem du mich so sorgfältig ausschließt. Kein Wort verlierst du darüber, denn nur so kann ich dein Traum bleiben. Beinahe deine Ferien von dem Gesocks, das uns täglich umschwirrt. Doch weißt du, mein Freund, ich ertrage das Schweigen nicht mehr. Immer schon wollte ich Schmerzen, schon allein um wirkliches Glück spüren zu können, ich brauche diese Berg- und Talfahrt. Was will ich mit einer stoischen Ahnung vom Glück, was will ich mit dem Abglanz des Ganzen. Du bringst mich vor Schmerz zum Schreien, das hält mich bei dir. Aber du hörst mich nicht schreien, mein Freund. Das Schlimme ist nicht deine Stummheit, sondern dass du taub bist. Du weißt gar nicht, wie nah dran du bist, mich zu verlieren, es wird kälter. Du müsstest nun zum ersten mal etwas für mich tun. Du müsstest versuchen, mich zu fühlen.


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