musikstudent 30.11.-0001, 00:00 Uhr 31 27

"Regeln sind da um gebrochen zu werden"

Meine persönliche Freiheit habe ich nie vermisst. Dann kamst du, hast neue Regeln ins Spiel gebracht, um sie in unserem Interesse zu brechen.

Meine persönliche Freiheit habe ich nie vermisst. Dann kamst du.

Eine einzige Party mit dir reichte, um mein ganzes momentanes Leben auf den Kopf zu stellen. Das, was ich tat, mein Freund, die gemeinsame Wohnung, mein selbstzufriedenes Dasein mit vielen weitentfernten Träumen. Es galt nichts mehr, seitdem du mich an dem Abend einfach so auf deine Arme nahmst und mich direkt in mein neues Leben trugst. Gut, es war nur der Hausflur dieser WG und du wolltest einfach mal fünf Minuten mit mir allein sein. Absolut geniale Aktion! Du rennst einfach auf mich zu, ich nehme dich aufgrund meiner Müdigkeit in diesem Moment gar nicht mehr wahr, wie du mich hochhebst, als ob ich absolut nichts wiegen würde und mit mir einfach aus den Augen der anderen verschwindest.
"Ich nehme dich jetzt aber nicht mit zu mir" hast du gesagt. "Ich habe einen Freund" meine Antwort. Du sahst etwas traurig aus, ich ziemlich ratlos.

Zwei Wochen später lagen wir in deinem Bett. "Ich verliebe mich nicht auf den 1. Blick. Das kommt mit der Zeit, und meine Nase sagt mir genau ob´s passt oder nicht." Du hast die Abende, die wir zusammen bei dir auf der Couch, in der Küche, im Bett verbrachten, immer ganz genau an mir gerochen.

Ich habe wiederum seitdem mit meinem alten Leben abgerechnet. Mein Exfreund und ich schlafen in getrennten Räumen und verstehen uns zur Zeit noch ziemlich gut. Wie konntest du nur einfach so in mein Leben platzen und so unverschämt alles in Frage stellen? Ich liebe dich nicht. Du und ich, wir kämen gar nicht miteinander aus, wir haben das völlig falsche Timing! Nur an den Abenden, an denen wir uns sehen, da passt immer alles. Die Gespräche, ich habe seit langem nicht so gelacht, und die Nähe...Deine Hände auf mir, aber geschlafen haben wir nicht miteinander, noch nicht.

Da ist jemand, den du hast, hast du gesagt. Eine Freundin, der du vertraust, mit der du vor langer Zeit mal zusammen warst und mit der du gerade im Urlaub bist. Zwei Wochen ohne dich. Zum Glück liebe ich dich nicht und muss dich nicht vermissen, aber du meintest, du würdest mich nicht vergessen. Und nach dem Urlaub, da willst du mit mir schlafen. Erst danach, um sie nicht zu kränken, denn sie weiß von mir.

Du magst mich, hast du gesagt, findest mich intelligent, humorvoll und attraktiv. Du magst meine Art und du mochtest mich auch mit meinem alten Leben. Nur das mit meinem Freund "das ist deine Sache. Das musst du wissen." Nach deinem Urlaub werde ich dir sagen, dass ich es hasse, wenn mir jemand sagt, dass ich etwas muss. Ich muss gar nichts, denn ich bin jetzt frei. Von vorne anfangen ohne ein "muss". Denn wenn du mir schon nicht zustehst, dann musst du auch nicht wissen, was ich muss.
Ich liebe dich nicht, und es macht mir auch nichts aus, dass du mit ihr im Urlaub bist. Ich weiß, dass du mit ihr schläfst und dass sie ziemlich eifersüchtig auf mich ist. Warum auch immer. Du hast es mir gesagt, warum auch immer?! Ich will auch gar nicht wissen, wer sie ist. In einem schwachen Moment habe ich im Internet versucht, es heraus zu bekommen, aber das ist nicht gut. Das verstößt gegen die Regeln.

Wir haben Regeln. Wenn wir zusammen sind, wenn wir in der Caféteria der Bibliothek Kaffee trinken oder bei dir auf der Couch liegen, dann gibt es nur uns. Wörtlich und tatsächlich. Es geht mich nichts an, was ihr macht, aber ich höre zu, wenn du erzählst. Du bist immer der Erste, der die Regeln bricht, du brichst deine eigenen Regeln, und damit habe ich dich in der Hand. Ich breche meine Regeln nicht. Bevor ich meinen Freund betrüge, verlasse ich ihn lieber, ich versuche zu der Zeit zu gehen, die du am Anfang eines jeden Abends als Zeitlimit vorgibst. Wenn ich aber schon auf der Kante sitze und meinen Schal anlege, kommst du von hinten, legst deine Arme um mich und holst mich zurück. Jedes mal. Du brichst für mich deine eigenen Regeln. Man muss Prioritäten setzen, hast du gesagt. Ein gutes Gefühl. Und solange ich meine nicht breche, habe ich das Gefühl, noch Herr der Lage zu sein. Ich brauche dich nicht auf Dauer, aber momentan tust du mir echt gut.
Meine einzige Angst ist, dass du wiederkommst und sie dich von mir losgequatscht hat. Ob du für sie auch deine Regeln brichst? Ich glaube nicht, du hast nie etwas in dieser Richtung erzählt. Und du erzählst viel.

Da war dieser Moment bei dir neben dem Schreibtisch. Gesprächsthema: Frauen.
"Man kann bei euch ja nur ins Fettnäpfchen treten!"
"Ja, stimmt. 'Du findest mich zu dick!' - 'Nein, du bist perfekt!' - 'Das sagst du jetzt nur so, weil ich es gesagt habe! Du lügst!' "

Du hast dich über meine Stimmenimitation halbtot gelacht und "Ja genau!" geprustet. Dann schauten wir uns an und es kam fast gleichzeitig: "Wie ätzend!" Da lachst du, schaust mich an... du siehst mich an, als ob du mich haben wollen würdest. Sofort und nicht nur als das was ich gerade für dich bin oder du für mich. Du hast wunderschöne Augen... in dem Moment küsst du mich.

Ich glaube, du magst mich mehr als dir lieb ist, aber klar wird dir das sicher erst, wenn dich die Gedanken darüber einholen.. nach deinen ganzen Prüfungen, nach dem Winter.

Und dennoch ich bleibe bei meinen Regeln, melde mich nur wenn nötig und werde versuchen mich etwas rar zu machen. Immerhin ist sie jetzt dran, während ich ganz unabhängig hier leben kann. Ich werde feiern gehen, eine neue Sprache lernen, wieder Gitarre spielen und mir beweisen, dass ich mir genüge, um es dann an passender Stelle dir zu beweisen.

Ich bin stark, auch ohne deine Anwesenheit, und du weißt das, und das magst du wohl auch an mir. Schönen Urlaub dir! Im nächsten Frühjahr werde ich nach Skandinavien gehen, Nordlichter einfangen. Ich weiß, das wolltest du auch mal machen. Dann komm doch mit. Aber dann gelten meine Regeln, meine Regeln der Freiheit, die du mir beigebracht hast. Denn deine brichst du ja immer dann, wenn wir zusammen sind.

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31 Antworten

Kommentare

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  • 0

    irgendwie erkennt man darin eine situation in der man sich selber auch schon mal befunden hat! und genau so verworren wie es sich liest, fühlt es sich tatsächlich auch an.
    Gefällt mir sehr gut!!!

    30.09.2009, 14:51 von quality
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  • 0

    Uuuuh, das ist ja furchtbar schön, du klingst wie eine Mischung aus Emmi Rotner und meine Gedanken...

    Bist du etwa Kopfmensch?

    Liebe Grüße

    09.09.2009, 21:39 von fraWuPuKu
    • 0

      @fraWuPuKu Stimmt Emmi ist da ähnlich. Sie streitet auch ihre Gefühle ab und geht da eher mit Verstand an die Sache. Das führt sie nur zu extremen Kurzschlusshandlungen und immer mehr Unsicherheit, bis sie dem Reiz dann (im zweiten Buch) doch nicht mehr widerstehen kann. Fragt sich, ob es wirklich die beste Möglichkeit ist, mit der Situation um zu gehen...

      10.09.2009, 16:36 von Lenschi
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    Die einzige Regel(mäßigkeit), die aus diesem Szenario spricht, ist, dass ihr KEINE habt und jede weitere brecht um euch und eine berauschende Mischung aus Hoffnung und Ungewissheit lebendig zu halten, die vor ungefähr 200 Jahren den Namen ‚Romantik’ bekam.

    09.09.2009, 19:22 von schauby
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  • 0

    Bei mir wars so: ich hatte nen Freund während ich "den anderen" kennen lernte. Am Anfang haben wir uns nur super miteinander verstanden und über alles reden können, nach nem Monat habe ich meinem Freund gegenüber ein schlechtes Gewissen gehabt weil ich lieber mit dem anderen Zeit verbrachte als mit meinem Freund zu telefonieren (Fernbeziehung!!). Am Ende machte ich mit meinem Freund Schluss, weil ich mir dachte, mit dem anderen könnte es was werden. Danach bin ich ohne Freund aber dafür mit nem besten Freund dagestanden, das ist jetzt 2 oder 3 Jahre her und wir sind immer noch bestens befreundet! Nächstes Jahr zieh ich mit seiner Freundin in ne 4er WG! (Ach ja, das ich mit seiner Freundin zusammenziehe ist beschlossen gewesen, bevor die beiden zusammen gekommen sind!) Lg

    08.09.2009, 16:05 von so-oder-so
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Gut kombiniert Sherlock... aber was, wenn es sich um ein einfaches Chaos in der Ordnung meines Zimmers handelt?!

      Nicht zu philosophisch denken! ;)

      07.09.2009, 18:59 von musikstudent
  • 0

    Ich finde den Text wunderschön.
    Vielleicht liegt es ja an meinen eigenen romantischen Vorstellungen, aber ich finde diese Beziehung faszinierend; Anders. Befriedigend. Schön, aber schmerzlich. Halt gebend und doch so unsicher...


    Was macht schon ein bisschen Selbstbetrug, wenn man glaubt, man ist glücklich?

    07.09.2009, 15:55 von fliegendesMaedchen
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  • 0

    sehr schöner text...wirklich,ich finde ihn total gut geschrieben.
    aber oooh, pass bloß auf! ich habe meine regeln auch eingehalten, während er seine brach, kritisch wurde es nur als er begann seine auch einzuhalten...
    aua aua das tat weh!

    07.09.2009, 12:16 von future.senses
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    wasn das für ein wirrer text? da kriegt man ja richtig lust beiden protagonisten eine zu scheuern für den ganzen selbstbetrug und die scheinheiligkeit. schreibstil reißts leider auch nicht raus.

    07.09.2009, 01:49 von misspringle
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    Mir hat noch nie jemand sosehr aus der Seele gesprochen. Danke dafür das ich weiß das ich nicht mehr alleine bin.

    06.09.2009, 20:58 von Buecherdiebin
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    "Bevor ich meinen Freund betrüge, verlasse ich ihn lieber."
    Damit hast du ihn schon betrogen...

    06.09.2009, 20:31 von schnelleralsderwind
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