Rechnung folgt
13 gestohlene Monate meiner Beinahe-Bindungen + 13 Monate Abstinenz + völlige emotionale Erschöpfung = Eine unbezahlbare Rechnung
Ja, seit 13 Monaten ernährt sich mein Körper ausschliesslich von Hoffnung. Reiner Hoffnung, die ich wie ein Wölkchenballon mit mir rumtrage. An manchen Tagen prasselt sie auf mich nieder, an anderen wirft sie mir einen ständigen Schatten auf mein Haupt. Und an den besonders schönen, nach Freiheit-duftenden Tagen fliegt sie weit von mir entfernt, sodass es den Anschein hat, als würde sie mich verlassen.
Ich weiss nicht, worauf sie wartet. Auf ein plötzliches Existieren seines Herzens?! In 13 Monaten hat sie mir sämtliche Aussichten auf Rettung verweigert. Bei jeder Gelegenheit, mein Herz von ihm loszulassen und es jemandem zu überreichen, der es verdient hätte, es in seinen Besitz zu nehmen, musste sie ihren gierigen Schatten wieder über mich werfen.
Emotionale Abhängigkeit ist eine Krankheit. Sie veranlasst dich dazu, deinen gesamten Tagesablauf nach Ihm zu richten. Er wird um 23 Uhr anrufen, jeden Tag, seit 13 Monaten und du wirst drangehen. Immer. Wirst ihm zuhören, was ihm im Laufe des Tages widerfahren ist. Was Ihn beschäftigt. Welche Träume und Ziele er hat. Du wirst versuchen ihm so objektiv und freundschaftlich zu antworten, wie es geht. Auch die Frauen in seinem Leben, wirst du ganz objektiv betrachten und Ihm die Ratschläge eines Freundes zu geben. Aber eigentlich willst du ihm die Schläge einer eifersüchtigen Frau geben. Eigentlich liebst du Ihn, jede seiner Unarten und weisst, dass keine Frau auf dieser Welt ihn so akzeptieren kann. So viel Geduld und Liebe in Ihn setzt. Du willst es rausschreien, aber er wird dich nicht hören wollen. Er will weiter deine Geduld und Liebe aussaugen, aber entgegnen möchte er sie nicht.
Klug ist er. Ein ausgesprochen intelligenter Mann. Doch sind nicht alle großen Poeten, Schriftsteller, Wissenschaftler und Mathematiker in Bereichen der Liebe ein wahrliches Wrack?!
Ich kann Ihm helfen. Einen ganz und gar perfekten Plan habe ich mir ausgemalt. Ich kann Ihm ein Zuhause bieten, in dem er sich wohl fühlt. Leidenschaft kann ich Ihm einhauchen und die körperliche Nähe geben, die er so braucht. Wie ein Vogel, wäre sein Käfig immer offen. Ich würde Türen in Ihm öffnen, die er nicht mal erahnte. Und auch Kinder würde ich Ihm schenken, die ihn mit neugierigen Augen allerhand Warum-Fragen stellen würden. Auch streiten kann er mit mir. Längst nicht würde ich zeigen, dass ich doch eigentlich alles für ihn tun würde. Denn das könnte Ihn von mir entfernen.
In der Liebe sind wir immer Kinder. Anstatt eines Schokobonbons, biete ich Ihm mein Leben auf einem Silbertablett. Nur damit er da ist. Wenn auch nur seine Freundschaft. Aber es ist da. Wie eine Droge, die ich täglich um 23 Uhr einnehme. Solange bin ich glücklich. Und sollte er eines Tages seine Liebe gefunden haben, werde ich immer noch da sein. Stillschweigend weinen und ihm meine Freude vorgaukeln. Und immer noch wird die Hoffnung über mir schweben und mich niederzwingen Geduld zu haben und zu Warten. Bis sein Herz endlich aus seinem Schlaf erwacht ist und die Augen öffnet. Um mich zu sehen und mir ein "Guten Morgen" zuzuflüstern.
In 13 Monaten habe ich gelernt, was Geduld, Kampf und Strategie mit Liebe gemeinsam haben. Sie alle tragen die Hoffnung wie ein Wölkchenballon mit sich herum.


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Kommentare
Es ist schlimm wie recht du hast...
23.12.2010, 22:07 von DaHenniWehe das ist wahr. Denn dann würde ich dir dringend einen Therapeuten empfehlen. Wenns Fiktion ist: Tolle Text, gut geschrieben!
09.09.2010, 10:25 von Sultryich finde es unfassbar, wie man sich selbst und seine bedürfnisse so in den hintergrund stellen kann. womit kann es irgendjemand verdienen, dass man quasi nur noch durch und für ihn lebt?
08.09.2010, 09:54 von edelstein68so'n bißchen selbstbewusstsein und egoismus täten ganz gut!
wie unglaublich treffend der Text ist :)
07.09.2010, 15:29 von VNNRMan ist verliebt und zugleich bedrückt. Man sieht den anderen als potenziellen Freund und wird gedemütigt, wenn er von anderen Frauen spricht.
05.09.2010, 19:02 von S.RegatearUmgekehrt gibt es die Situation auch...und sie ist bedrückend. Dabei sollte Verliebtsein doch etwas schönes sein!
"Sie alle tragen die Hoffnung wie ein Wölkchenballon mit sich herum."
05.09.2010, 00:47 von JackBlackVergiss Hoffnung und Wölkchenballons.
Schnell.
Ich schaue mir seit über sechs Jahren eine ähnlich geartete Abhängigkeitsbeziehung aus nächster Nähe an.
Sie gibt sich völlig für ihn auf, im rationalen Wissen, sich damit kaputt zu machen, in der - aus falsch verstandener Humatitätsduselei, die in Wirklichkeit purer Egoismus ist - emotionalen Hoffnung auf ein romantisches Ende, das Gott sei Dank immer fiktiv bleiben wird.
Sie lebt nicht in der Gegenwart, sondern in einem bescheuerten Konstrukt aus Vergangenheit und Gegenwart, das niemals lebbare Realität werden kann.
Ein Tyl von ihr befürchtet das, ein anderer wünscht sich genau das.
Das Glück des Unglücklichseins:
Lieber aus eigenem Verschulden heraus unglücklich, als aus eigenem Verschulden heraus glücklich.
Eine Logik, die aus der verschrobenen, märchenhaften Annahme entsteht, auf großes Unglück folge großes Glück - und umgekehrt.
Es gibt - glücklicherweise - in der Liebe eine Selbstlosigkeit, die das Wohl des Geliebten dem eigenen gleichstellt, in hochromantischen Entscheidungssituationen - gern den erdachten - sogar dem eigenen überhöht steht.
In der Selbstsucht gibt es - dummerweise - eine Liebe, die der eigenen Person nicht gelten mag - warum auch immer - und deshalb auf andere Personen projiziert wird.
Es kann verdammt schwer sein, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Es sind nicht seine Augen, die du (dir) öffnen musst, sondern deine.
Ich ärgere mich über jeden Text dieser Art, sofern er authentisch ist und über jeden Kommentar, der ihm - gerade von weiblicher Seite aus - beipflichtet.
"Ja, voll wahrgesprochen, so geht's mir auch! Ach!"
Ich möchte dann immer sehr laut sagen:
"Mensch, doofe Weiber, liebt euch selbst, eure Leidenschaften, eure Kinder bis zum Verrecken, aber doch bitte kein pubertären Männchen, die euch aussaugen wie eine Mutterbrust, die sie niemals gehabt haben!"
so was habe ich selbst mal erlebt.Es hat mich gefühlte Ewigkeiten gekostet Abstand zu bekommen...
05.09.2010, 00:18 von Sunny_82chrissi?
04.09.2010, 23:32 von Blumenbeetvom leben gelernt: bleib nie am samstagabend zu hause, auch wenn du noch so einen kater vom vortag hast. du könntest aus langeweile anfangen, startseitentexte über wölkchen, ballons, schokobonbons und den duft der freiheit zu lesen (und womöglich auch noch zu kommentieren). unoriginelles thema, fad umgesetzt.
04.09.2010, 22:25 von misspringlewie wahr, wie wahr...leider...:(
04.09.2010, 21:49 von click_clacksehr schön geschrieben. gefällt mir gut.