hib 30.11.-0001, 00:00 Uhr 79 120

Reboot

Die Lichter sind aus seit drei Jahren.

Die Lichter sind aus seit drei Jahren. Tappen im Dunkeln, leben in der Dämmerung, kriechen im toten Winkel. Die Schatten sind überall, sie kommen unter der Tür durch, mitten am helllichten Tag und sie kümmert es nicht, dass ich überall Kerzen aufgestellt habe, sie legen sich einfach über das Licht und es wird kalt und die Wärme weicht aus meinem Blick und wie er die Welt sieht. Da ist nichts, woran man sich halten kann, nichts, woran man noch glauben kann, wenn man einmal selbst alles aufs Spiel gesetzt und verloren hat. Wer spielt verliert. Und wer verliert lamentiert. Ich hab nur einen Grundkurs in Logik gemacht, deshalb ist mein Herz so aufgeblasen und verschluckt wie ein roter Riese mein System.

Was ist schon eine Trennung. Jeder trennt sich jeden Tag, von dir von mir, von einem Traum oder von einem Zahn. Tausend mal machen wir das vorher und tausende Mal wird es danach besser aber dieses eine Mal das bricht dir das Genick und plötzlich fällst du um und kannst deine Beine nicht mehr bewegen und keiner hilft dir auf, ist ja nur der Verlust von etwas, das sich ersetzen lässt. Ihr Leute lauft da draußen rum und denkt ihr könnt alles ersetzen, ich denke das auch und nachts dann liegt man wach und es fehlt was und wenn man ehrlich ist zu sich, dann heult man bis es morgen ist, bevor man wieder so tut als wäre man sich selbst genug. Und wem nichts fehlt, der hat Glück oder nur noch nicht richtig nachgeschaut.

Ist ja nur ein Gefühl, so ein Gefühl geht doch wieder weg, das ist doch nichts schlimmes, man muss sich nur zusammen reißen und weiter und weiter machen bis einem schlecht wird und man sowieso keine Lust mehr hat und geht. Was ist schon ein Gefühl, das Gefühl alles falsch gemacht zu haben und es nie mehr richtig machen zu können, weil man bei all dem Trennen irgendwann vergisst, dass alles Spuren hinterlässt, was man in den Boden tritt. Erst recht wenn noch jemand drittes dabei ist, aus der Liebe entstanden und der mit untergeht. Und dann sitzt du in deinen Trümmern jeden Tag, atmest den Rauch ein, der dir die Tränen in die Augen treibt und in deiner Lunge brennt, dich müde macht und jeden weiteren Tag in deinem Leben zahlst du dafür mit einem Tag deines Lebens.

Und dann vergeht die Zeit und nichts ist mehr an seinem Platz, alle sagen mach doch weiter, aber keiner sagt dir wie und wenn du es dann doch mal weißt macht keiner mit weil jeder selbst so einen Text hier schreiben könnte. Weil ich nichts Besonderes bin und du auch nicht, weil wir vergessen haben, dass jeder besonders ist und weil wir nichts hören wollen, das uns die Kraft nimmt, nehmen wir uns die Kraft, weil wir uns allein lassen. Und manche von uns singen Lieder und manche arbeiten bis sie umfallen und manche suchen sich tot und manche schreiben so einen Text. So einen Text hier schreibt man am besten mit Mütze und Sonnenbrille weil die Sonne da draußen einen auslacht für die Dunkelheit im Herzen. Weil du das hier liest und denkst, was heult der hier rum, weil du keine Ahnung hast. Und weil keiner sehen soll, dass es schlimm ist, gescheitert zu sein und es steht einem ins Gesicht geschrieben jeden Tag. Aber keiner will das sehen, keiner will mit scheitern und die besten Freunde sagen, dass du ihnen zu anstrengend bist, wenn du sie am meisten brauchst, bis es ihnen dann selbst passiert. Ich bin ja auch so, wer will schon sich selbst im anderen sehen, das tut nur weh, das lähmt die Beine und die scheiß Beine braucht man ja zum weitergehen.

Alle Systeme laufen auf Notstrom. Die Energie wird umgeleitet, um mein Herz herum, die Welt ist ein Stein, den man höchstens werfen kann, aber auf den man seinen Kopf nicht lange legt. Ich hab hier und dort gefragt, ob mich einer rausholen will. Ob nicht einer noch ein Ladegerät einstecken hat für meinen leeren Akku in der Brust. Aber wer will das schon, selbst von 100% auf 20% runter, Starthilfe ist anstrengend, entweder man hat kein Kabel mit oder man fährt vorbei weil man denkt, soll das doch jemand anderes machen mit mehr Strom. Jeder will doch selbst das Feuer in die Augen gelegt bekommen, ich will das ja auch. Jeder wartet auf den Funken des anderen, der einen anzündet wie ein Osterfeuer, das die bösen Geister aus den Stunden vertreibt. Und weil wir alle warten hat keiner mehr Benzin im Herzen, sondern stilles Wasser, das sich leicht bewegt und hin und her schwappt in der Brust und darauf wartet, dass irgendjemand mit Geschmack kommt und es austrinkt.

Das System ist am Boden. Ich hab das Gefühl die ganze Welt weiß das schon, wir wissen es, dass es so nicht geht und trotzdem geht es irgendwie meistens und da sind auch viele Tage, an denen all es gut ist, wo die Sonne scheint und Freunde da sind, und es ist ja auch Frieden und so, woanders sterben sie nicht an gebrochenen Herzen sondern an Einschusslöchern. Aber Schmerz ist immer relativ zu dem, was man erlebt hat. Relativ schmerzhaft. Vielleicht geht es ja auch nur mir so und vielleicht ist genau das das Problem, aber die Leere geht nicht weg, das Betriebssystem ist alt, es knarrt und knirscht und da draußen läuft kein neuer Treiber rum, der mich auf den neusten Stand bringt. Ich bin zurückgeblieben in meinem Schmerz, die alte Version auf dem neuen Rechner, mit Joystick, Keyboard und Data Floppy. Meine Augen sind Auslaufmodelle.

Die Becken im Kopf, in denen sich die Tränen sammeln, sind leer. Die Leitungen verkrustet, die Ventile im Arsch, die Abflüsse verstopft mit Flausen und dem Stoff, aus dem Albträume sind. Die Gelenke knacken, weil man sich dreht und wendet und wegrennt und stehen bleibt und sich umdreht und kämpft und ich glaube manchmal ich werde mit 40 nicht mehr laufen können, weil ich immer weitergehen musste, was soll man auch sonst machen, verdammt noch mal. Und dann triffst du auf Menschen, die nicht ankommen wollen, die frei sein wollen und du fragst dich, wie man die gleiche Anzahl Herzen haben und doch so anders sein kann. Am Ende verliebst du dich in sie und weißt nicht, wie du das aushalten sollst, dass sie nicht bei dir sein wollen. Irgend eine Scheiße ist immer. Das System hat keine Ideen mehr, wie es sich selbst erhalten soll.

Ein Neustart wär gut. Ich muss  nur den verdammten Knopf finden. Falls du ihn mal siehst, wenn ich vor dir stehe, neben dir liege oder mit dir im Bus fahre. Drück drauf. Frag nicht. Ich versprech dir auch, ich werde dich vergessen und dich nicht stören in deinem Leben. Ich brauch nur kurz deine Hilfe, dann fang ich neu an. Das Schwarze in meinen Augen, zwei Teufelskreise. Das Blau in deinen ein Hoffnungsschimmer.

 

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79 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Einer der besten Texte, die ich je gelesen habe...

    Ich danke dafür !

    19.01.2015, 19:27 von Crazyblu
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    Wao einfach nur toll!

    30.08.2013, 09:26 von Kaaathi
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Du hast einen sehr schönen, berührenden Text geschrieben. Ganz vielen Menschen geht es genauso wie dir und vielleicht kannst du daraus einen kleinen Trost ziehen... Weiterlaufen.

    26.08.2013, 21:07 von Chephira
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    Und dann triffst du auf Menschen, die nicht ankommen wollen, die frei sein wollen und du fragst dich, wie man die gleiche Anzahl Herzen haben und doch so anders sein kann. Am Ende verliebst du dich in sie und weißt nicht, wie du das aushalten sollst, dass sie nicht bei dir sein wollen

    Genau das.

    26.08.2013, 17:54 von Partisaneninterakt
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  • 1

    Ich kann ja unter deinen Texten immer nur seufzen oder hachen.
    Heute zitiere ich: "Irgend eine Scheiße ist immer. "

    Yeah, so isses.

    26.08.2013, 17:14 von cosmokatze
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    Ich weiß gar nicht, wo ich mit dem Zitieren anfangen soll - mir gefällt so viel in deinem Text, schöne Worte, schöne Sätze, schöne Bilder..!

    26.08.2013, 13:59 von schnutopard
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    was jimmy sagt.
    es hat was von einem mantra. man merkt, es rollen sich die wellen durch deinen kopf beim schreiben.
    hat mich sehr berührt und schön, dich wieder zu lesen!

    24.08.2013, 10:31 von pocket
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  • 0

    Mehr als ehrlich, so viel mehr, gefällt mir sehr!

    Mir kamen die Tränen...

    23.08.2013, 19:33 von eiskalter-engel
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  • 0

    .."weil man bei all dem Trennen irgendwann
    vergisst, dass alles Spuren hinterlässt, was man in den Boden tritt.."
    Wunderschön und sehr bewegend. Danke.
    Wenn ich könnte, ich würd dir mein Notstromaggregat schicken, wenn ich's nicht selbst schon fast aufgebraucht hätte..

    23.08.2013, 11:40 von L.ilana
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